Die Mär vom Happy Slam

Der Baselbieter Tennisprofi Marco Chiudinelli hat am Australian Open schmerzlich erfahren, dass es Unsinn ist, das erste Major-Turnier des Jahres als Happy Slam zu bezeichnen.

Die Begegnung mit einer Würgeschlange war sein einziger Trost: Marco Chiudinelli verpasste in Melbourne überaus unglücklich den Sprung ins Haupttableau. (Copyright MC)

Die Begegnung mit einer Würgeschlange war sein einziger Trost: Marco Chiudinelli verpasste in Melbourne überaus unglücklich den Sprung ins Haupttableau. (Copyright MC)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer einst auf die Idee kam, das Australian Open als Happy Slam zu bezeichnen, ist nicht mehr mit Sicherheit eruierbar. Fest steht aber, dass sich der Begriff, der vom sommerlichen Wetter und der unbeschwerten australischen Lebensart sowie den ausgelassenen Fans herrührt, seither hartnäckig hält und inzwischen so strapaziert wurde, dass es Zeit ist, ihn als Fälschung zu enttarnen. Zumindest gilt er längst nicht für alle Beteiligten.

Fragen Sie etwa Marco Chiudinelli. Der Baselbieter erlitt vor einer Handvoll Zuschauern am Samstag im Turnier vor dem Turnier sein eigenes Drama. Der drittbeste Schweizer, der jeden ATP-Punkt dringend braucht, um möglichst rasch in die Top 100 zurückzukehren, führte gegen den etwas besser klassierten US-Amerikaner Rajeev Ram im Entscheidungssatz schon 5:2. Die Qualifikation für das Hauptturnier, die ihm so viel bedeutet hätte, war zum Greifen nahe. Der beste Jugendfreund Roger Federers kam sogar zu zwei Matchbällen, doch er vergab beide, verlor seine Führung und verliess den Melbourne Park nach einem dreistündigen Krimi und einem 7:5, 2:6, 9:11 als geknickter Mann – während Federer, Djokovic, Asarenka und Co. gleichzeitig bei einem Schauauftritt auf dem Centre Court zusammen mit Spongebob und dessen Freunden beim Kids Day ihren Spass hatten. Happy Slam?

13'000 statt 45'000 Franken Preisgeld

Der nächste Tiefstoss für Chiudinelli folgte, als er hörte, wem Ram im Haupttableau zugelost worden war: dem ungesetzten Sandplatzspezialisten Guillermo García-López, gegen den er die bisherigen zwei Duelle gewann. Ein Vorstoss in Runde 2 hätte ihm neben vielen Punkten 45'000 Franken Preisgeld und die Chance auf weitere Grosstaten gebracht, nun blieben ihm 13'000, was nach Abzug der Steuern knapp reicht, um die Spesen zu decken. Happy Slam?

Tatsächlich könnte das Australian Open ebenso gut auch als Brutal Slam apostrophiert werden. Zeitverschiebung, Klimawechsel und das traditionell unberechenbare, oft gnadenlos heisse Wetter Melbournes, wo gemäss einem Bonmot alle vier Jahreszeiten an einem Tag stattfinden können, fordern den Spielern alles ab. Viele verlassen Australien wie Chiudinelli geknickt, enttäuscht oder sogar erschüttert – und selbst Federer hat hier schon bittere Tränen vergossen, nach dem verlorenen Fünfsatzfinal 2009 gegen Rafael Nadal.

Chiudinelli hatte am Freitag zudem auch noch die Players Party verpasst, weil er am Tag darauf früh spielen musste. An dieser warteten im Hyatt Hotel als spezielle Attraktion exotische Tiere wie Koalas, Zwergpinguine, Pandas, Kängurubabys und kleine Krokodile auf die Spieler. MC, wie er von seinen Freunden genannt wird, musste sich damit trösten, dass er sich im Turniergelände mit einer Riesenwürgeschlange ablichten lassen durfte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.01.2013, 12:20 Uhr)

Artikel zum Thema

«Natürlich spielen die Nerven eine Rolle»

Roger Federer gibt sich im Vorfeld auf das Australian Open gelassen und ausgeruht. Das muss der Schweizer auch sein, denn mit Bernard Tomic hat sein potentieller Prüfstein ein starkes Signal gesendet. Mehr...

Muss sich Federer vor ihm fürchten?

Am Hopman-Cup schlug Bernard Tomic Novak Djokovic, in Sydney steht er im Endspiel – und am Australian Open will er in der 3. Runde Roger Federer eliminieren. Mehr...

René Stauffer ist Tennisexperte beim «Tages-Anzeiger». Er bloggt in den kommenden zwei Wochen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Australian Open.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Die Welt in Bildern

Schirmrevolution: Das Symbol der pro-demokratischen Proteste in Hongkong (24. Oktober 2014).
(Bild: Damir Sagolj) Mehr...