Die Preisgeld-Kluft zwischen Mann und Frau

Die emotionale Debatte im Profitennis geht weiter. Erstmals mit harten Fakten.

Ein Beispiel der Kluft: Federer gewann vergangenen Sommer in Cincinnati und verdiente 731'000 Dollar, Siegerin Serena Williams 495'000 Dollar.

Ein Beispiel der Kluft: Federer gewann vergangenen Sommer in Cincinnati und verdiente 731'000 Dollar, Siegerin Serena Williams 495'000 Dollar. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was wurde diskutiert, als der Turnierdirektor von Indian Wells den Tennisfrauen allen Ernstes riet, täglich auf den Knien Federer und Nadal zu danken, dass sie den Sport in neue Sphären gehievt hätten. Es begann eine Diskussion, die brisant und noch lange nicht vorbei ist. Denn die Ingredienzien haben es in sich: Geld, Gender, Gerechtigkeit.

Wie die Debatte eskalierte, so flachte sie wieder ab – doch nur vorübergehend. Vergangene Woche wurde sie beim Turnier in Charleston wieder aufgenommen. Es sprach die deutsche Andrea Petkovic, die gerne als «intellektuell» bezeichnete Nummer 30 der Weltrangliste: «Ich denke, wir haben falsch diskutiert.» Ohne Fakten, der Bezug nur auf die Grand-Slam-Turniere gelegt (wo tatsächlich Preisgeldgerechtigkeit gilt). «Männer verdienen noch immer mehr.»

120'000 Dollar weniger

Die Fakten geben Petkovic recht. «Der Median-Preisgeld-Unterschied zwischen der Top 100 der Frauen ist 120'000 Dollar tiefer als jener der Männer», schreibt die «New York Times». Oder ein anderes Beispiel: 2014 machte der Internationale Tennisverband eine Studie und untersuchte, wie viele Spieler auf der Tour von ihrem Sport leben können. Bei den Männern waren es 336 Spieler, bei den Frauen 253.

Die Unterschiede sind ebenso bei den einzelnen Turnieren zu sehen. Federer gewann vergangenen Sommer in Cincinnati und verdiente 731'000 Dollar, Serena Williams 495'000 Dollar. In Rio gewann Pablo Cuevas Titel und 303'000 Dollar, seine Kollegin bekam für ihren Sieg 43'000 Dollar. Natürlich gibt es auch Turniere, bei denen Frauen mehr verdienen (etwa Peking Open), doch sie sind in der Unterzahl.

Die Organisatoren rechtfertigen die Unterschiede mit dem unterschiedlichen Aufbau ihrer Circuits und Turnierkategorien – also sehr technisch. Bei den Männern gebe es neun Master-1000-Turniere, bei den Frauen nur vier Premium-Events – in Indian Wells, Miami oder Madrid herrscht tatsächlich Preisgeld-Gerechtigkeit –, darum entstünden die Differenzen.

Männertennis ist populärer

Steigt man in der Flughöhe und zählt das jährliche Preisgeld auf der Männer- und Frauentour, so werden die Unterschiede noch offensichtlicher. 2008 betrug die Differenz 2,6 Millionen Dollar, im Jahr 2014 lag sie bereits bei 37,4 Millionen. Kurz: Das Männertennis ist dank seinen Überfiguren Nadal, Federer, Djokovic deutlich populärer. Bei den Sponsoren, bei den Zuschauern, bei den TV-Stationen. Das spiegelt sich im Preisgeld nieder, das die Organisatoren vorwiegend genau bei diesen drei Stakeholdern sammeln.

Also sagt Petkovic: «Ich wünschte, dass es nicht darum geht, wer populärer ist. Wir sollten als Sport zusammenstehen und sagen, wir sind eine Gemeinschaft, wir stehen für Fairness.» Sie versteht dies als symbolhafte Message, auch für andere Sportarten.

Damit sind nicht alle einverstanden. Ein erklärter Gegner ist Sergei Stakhovski, Ukrainer und Teil des Spielerrats der ATP. Er will ein Moratorium kombinierter Turniere und die Möglichkeit, dass die Männerturniere auf eigenen Beinen stehen: «Es ist das bessere Produkt.» Er sage nicht, dass Frauen weniger verdienen sollten, er wolle einfach eine klare Trennung: Die Frauen schauen für sich, die Männer für sich. Sonst seien sie so oder so immer «die bad guys». Stakhovski ist gemäss Beobachtern bei weitem nicht der Einzige, der auf der Männertour so denkt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2016, 16:12 Uhr

Artikel zum Thema

So ungleich sind Mann und Frau im Sport

Der Geschlechterkampf schwelt nicht nur im Tennis, sondern auch in anderen Sportarten. Das Reiten ist da eine Ausnahme. Mehr...

Geschlechterkampf mit Emotionen statt Argumenten

Analyse Weshalb die Diskussionen um die Preisgeld-Gleichheit im Tennis nicht sachlich geführt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

ATP Weltrangliste

RNameP
1.SCOAndy Murray10370
2.SRBNovak Djokovic7445
3.SUIStan Wawrinka5445
4.ESPRafael Nadal5375
5.SUIRoger Federer5035
6.CANMilos Raonic4360
7.AUTDominic Thiem4145
8.CROMarin Cilic3765
9.JPNKei Nishikori3560
10.GERAlexander Zverev3150
Mehr...
Stand: 22.05.2017 09:14

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Blogs

History Reloaded Kampf gegen die Einheitswelt

Sweet Home Das tut einer Männerwohnung gut

Die Welt in Bildern

Abgetaucht: In Zürich geniesst man die sommerlichen Temperaturen mit einem Bad im See. (26. Mai 2017)
(Bild: Walter Bieri) Mehr...