Die rotweisse Federer-Karawane

Unter Roger Federer ist die Schweiz zur Tennisgrossmacht geworden. Und in seinem Schlepptau reisen scharenweise Fans und Medienvertreter ans Australian Open.

Treue Anhänger: Federer-Fans zeigen auch in Melbourne Flagge.

Treue Anhänger: Federer-Fans zeigen auch in Melbourne Flagge. Bild: Keystone

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Wie sich die Zeiten doch ändern. Gut erinnert sich der Schreibende noch an seine Gefühle, als er 1989 erstmals ans Australian Open kam, das gerade zum zweiten Mal im Melbourne Park stattfand, der damals noch Flinders Park hiess. Alles war exotisch, neu, unberührt, als einer von zwei Schweizer Journalisten fühlte man sich privilegiert, wie ein Entdecker, der einen neuen Kontinent erkundet und zuhause davon berichten darf.

Nun, zwei Dutzend Jahre später, ist alles anders. Während die Zuschauerzahlen sich auf 700'000 verdreifacht haben, ist die Zahl der Fans aus der Heimat geradezu explodiert. Überall in Melbourne trifft man sie an, rotweisse Fahnen zieren viele Wangen und die Tribünen, schwyzerdütsche Zwischenrufe – oder englische mit helvetischer Färbung – sind unüberhörbar, wenn Roger Federer spielt. Er ist das Magnet, und er kennt seine Wirkung: «Viele Schweizer bauen dieses Turnier in ihre Ferienplanung ein», weiss er. «Das überrascht mich nicht. Es ist auch ein Superanlass, gerade für die Fans.»

Da trifft es sich gut, dass das Australian Open inzwischen aus eidgenössischer Sicht zum besten Grand-Slam-Turnier geworden ist. Martina Hingis gewann hier drei ihrer fünf Majortitel und stand sechsmal in Folge im Endspiel, Federer wurde hier erstmals die Nummer 1 und holte vier seiner 17 Grand-Slam-Trophäen, selbst Patty Schnyder tauchte dreimal im Viertel- und einmal im Halbfinal auf. Und nun war Stanislas Wawrinka, der auch schon unter die letzten Acht vorstiess, dafür verantwortlich, dass wir sogar enttäuscht sein durften, dass die Schweizer Nummer 2 nicht gegen die Weltnummer 1 gewann.

Natürlich hat sich auch die Zahl unserer Medienleute über die Jahre vervielfacht. Auch dieses Jahr bilden wir mit 18 Vertretern eine der grösseren Gruppen, übertreffen sogar die Deutschen und Franzosen (je 13), können es fast mit den Amerikanern aufnehmen (24) und lassen die wirtschaftlich gebeutelten Spanier weit hinter uns. Nach der Absage Rafael Nadals reiste nur ein einziger Iberer an, trotz all der Ferrers, Almagros und Verdascos. Die Briten allerdings, sozusagen unsere Halbfinalgegner, übertreffen uns mit 37 deutlich.

Dabei erfahren wir immer wieder von neuem, welche Privilegien es mit sich bringt, ein Tennisjournalist aus dem Lande Federers zu sein. In Wimbledon sitzen wir in der ersten Reihe, am US Open manchmal gleich hinter dem Schiedsrichterstuhl, und 17 von uns sind Mitglied der ITWA, der 121-köpfigen International Tennis Writers Association. Das bringt Vorteile wie freien Zugang zur Players Lounge oder ins Players Restaurant mit sich. Danke, Roger.

Dass auf ihn derart Verlass ist – er steht hier zum zehnten Mal in Folge in den Halbfinals – minimiert natürlich die Risiken einer Australien-Expedition. Das war damals, 1989, noch ganz anders. Unsere Hoffnungen auf einen Exploit zerschlugen sich rasch: Jakob Hlasek, der kurz zuvor in die Top 10 und bis in den Masters-Halbfinal vorgestossen war, scheiterte sang- und klanglos in der 1. Runde am Australier Darren Cahill, wodurch sich unsere Rückreise in den europäischen Winter dramatisch verfrühte.

Vielleicht sind sich aber auch viele Australien-Reisende bewusst, dass die Aussichten auf weitere Schweizer Erfolge mit jedem Jahr kleiner werden dürften. Die goldene Ära neigt sich langsam dem Ende entgegen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Federer aus Melbourne abziehen wird - und mit ihm die rotweisse Karawane.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.01.2013, 10:23 Uhr)

René Stauffer ist Tennisexperte beim «Tages-Anzeiger». Er bloggt in den kommenden zwei Wochen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Australian Open.

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