Die unglaubliche Reise geht weiter
Von René Stauffer, Melbourne. Aktualisiert am 01.02.2010
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Als Andy Murray am Ende des 18 Minuten dauernden Tiebreaks, das zum Höhepunkt der Partie wurde, beim dritten Matchball eine Rückhand ins Netz schlug, war klar: Roger Federer ist auch dieses Jahr der Mann, den es im Tennis zu schlagen gilt. Fast ein halbes Jahr lang hatte er zuvor kein Turnier mehr gewonnen, den US-Open-Final knapp gegen Juan Martin Del Potro verloren, am Jahresfinale in London das Endspiel verpasst.
Bereits drei Jahre war sein letzter Sieg im Melbourne Park zurückgelegen. Die erstarkte und grösser gewordene Verfolgerschar wartete nur darauf, dass er auch an Grand-Slam-Turnieren endlich nachlassen würde. Stattdessen musste sie mit ansehen, wie er demonstrierte, dass er mit 28 Jahren vielleicht stärker ist als je zuvor.
Beim 6:3, 6:4, 7:6 (13:11) gegen Murray sei ihm «eine der besten, wenn nicht die beste Leistung der Karriere» gelungen, sagte Federer weit nach Mitternacht im Melbourne Park. Es sei «eine unglaubliche Reise», die er absolviere - und nun steht fest, dass diese Reise noch eine Weile weitergehen wird. Er sehe keinen Grund, weshalb Federer nicht noch vier, fünf Jahre auf diesem Niveau spielen könne, sagte Jim Courier, eine frühere Nummer 1.
Die Frage nach dem Grand Slam
Die einst von Pete Sampras vorgegebene Losung, «jedes Jahr mit einem Grand-Slam-Titel ist ein gutes Jahr», gilt aber auch für den Baselbieter weiterhin. Indem er gleich den ersten des Jahres holte, kann er allem, was noch kommt, gelassen entgegenblicken - immerhin hat er im Sommer das schwierige Double Paris/Wimbledon zu verteidigen. In den bisherigen drei Jahren, in denen er in Melbourne triumphierte (2004/06/07), gewann er aber stets gleich auch noch Wimbledon und das US Open. Die Frage war gestern deshalb naheliegend, ob er 2010 den Grand Slam anstrebe, den Gewinn aller vier grossen Meisterschaften. Dieses Ziel, sagte er, sei nicht in seinem Kopf, er werde ihm nicht alles unterordnen.
Auf Andy Murray dagegen dürften schwierige Zeiten zukommen. In Paris wird er nicht zu den Favoriten gehören, weshalb sich schon abzeichnet, dass er erneut ohne Grand-Slam-Titel nach Wimbledon reisen wird. Melbourne war sein 17. Majorturnier - so viele Anläufe hatte Federer bis zum ersten Wimbledon-Sieg benötigt. Dem im Mai 23-jährigen Murray läuft die Zeit langsam davon, auch wenn Federer die Überzeugung äusserte: «Andy ist zu gut, um keinen Grand Slam zu gewinnen.»
Die 268. Woche als Nummer 1
Die neue Generation habe ihn herausgefordert und zu einem besseren Spieler gemacht, sagte Federer gestern auch. Inzwischen bremsen sich seine Verfolger gegenseitig, und das kommt ihm entgegen. In der neuen Weltrangliste wird sein Vorsprung auf die Nummer 2 (Novak Djokovic) so gross sein wie seit fast drei Jahren nicht mehr, über 3000 Punkte. Er hat sich damit eine optimale Basis gelegt, um Pete Sampras als den Mann abzulösen, der die Weltrangliste am längsten angeführt hat. Für Federer beginnt heute die 268. Woche, schon Mitte Juni könnte er Sampras (286) überholen. Noch im Februar zieht er an Jimmy Connors (268) und Ivan Lendl (270) vorbei.
Doch auch auf dieses Ziel wird er sich nicht versteifen. Er habe jetzt schon viel mehr erreicht, als er sich je erträumt hatte, sagte Federer, ehe er zur allgemeinen Erheiterung anfügte: «Ich bin definitiv ein sehr talentierter Spieler.» In seiner Karriere hat sich inzwischen aber eine scheinbar unlogische Diskrepanz aufgetan: Kleinere Turniere gewinnt er immer seltener (5 der letzten 27), an den grossen ist er nur durch Sonderefforts zu bezwingen. Er stand in 18 der letzten 19 Grand-Slam-Endspiele und gewann davon 12 - eine derartige Dominanz war im Tennis bisher unvorstellbar.
Der König der Langstrecken
Dieses Missverhältnis lässt sich erklären: Wenn drei Sätze zum Sieg nötig sind, kommen seine vielfältigen Stärken erst richtig zum Tragen. In Melbourne demonstrierte er dies eindrücklich, als er gegen Masterssieger Nikolai Dawidenko einen in den meisten Sportarten uneinholbaren Rückstand wettmachte. Die Formel «best of five» ist die Urform des Tennis, es ist in seiner ursprünglichen Idee kein Sprint, sondern ein Marathon, in dem neben der Schlagkraft auch Ausdauer, Kampf- und Nervenstärke, mentale Härte und taktische Reife geprüft werden.
Über kurze Strecken kann Federer zwar von immer mehr Gegnern übersprintet werden, auf den Langstrecken aber bleibt er der König, weil er der Talentierteste, Kompletteste und Konstanteste ist und inzwischen auch die grösste Erfahrung mitbringt. Mitspielen dürfte aber auch, dass er nach zehn Profijahren seine Kräfte gezielter einsetzt.
Federer ist der Mann der grossen Momente geblieben, der mit der Wichtigkeit des Moments über sich hinauswachsen kann. Das Australian Open 2010 hat gezeigt, dass daran auch seine neue Rolle als Familienvater nichts geändert hat und sein Hunger nach grossen Titeln ungebrochen gross ist. Noch ist Jimmy Connors der einzige Spieler, der in den vergangenen dreissig Jahren als Vater mehr als einen Grand-Slam-Titel gewann (insgesamt drei). Er sollte sich darauf einstellen, dass er auch hier schon bald Gesellschaft bekommt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2010, 10:46 Uhr


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