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Ein Dach als Segen und Fluch

Von Simon Graf, Wimbledon. Aktualisiert am 04.07.2012

Vor der Neuerung von 2009 war Wimbledon höherer Gewalt ausgeliefert. Jetzt fehlbaren Menschen.

1/4 Gleissendes Licht, Windstille und angenehme 23 Grad: Wenn Wimbledon zum Hallenturnier wird. (28. Juni 2012)
Bild: Keystone

   

Roger Federer

Zur Mittagszeit schlug Roger Federer gestern eine halbe Stunde lang Bälle mit seinen Coaches Paul Annacone und Severin Lüthi. Er forcierte nicht, machte aber einen lockeren, ungehemmten Eindruck. Diesen bestätigte er, als er fürs Fernsehen drei Fragen beantwortete. «Ich hatte schon am Abend des Malisse-Spiels ein gutes Gefühl gehabt und konnte nun beschwerdefrei trainieren», sagte er. «Ich konnte auch in der Defensive Bälle zurückbringen, die ich am Montag nicht erreicht hätte. Natürlich darf ich keine Dummheiten machen. Aber ich hatte nicht zum ersten Mal Rückenschmerzen und weiss, wie ich damit umgehen muss.»

Wie schon in Doha habe wohl der kalte Wind die Beschwerden ausgelöst. Wichtig sei nun, dass er sich warmhalte. Vielleicht wird er gegen Michail Juschni (ATP 33) wie in der Fortsetzung gegen Malisse zwei T-Shirts übereinander tragen. Im heutigen Viertelfinal (14 Uhr MEZ, Centre-Court) sieht er sich als klarer Favorit. Er erwarte aber keine so einseitige Partie wie in Halle (6:1, 6:4), sondern eher eine umkämpfte wie 2011 in Wimbledon, als er den ersten Satz preisgegeben hatte. Der Russe wurde auf BBC gefragt, ob der Respekt vor Federer in der Kabine abgenommen habe. «Ich bin der Falsche für diese Frage», gab er zurück und verwies auf seine 0:13-Bilanz. Im internationalen Fokus steht Murrays Duell gegen den auf Rasen immer stärker aufspielenden Ferrer. (sg)

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«Die Championships sind ein Turnier im Freien, das tagsüber stattfindet.» Es ist klar, dass dieser Satz nicht mehr stimmt, seit 2009 ein schliessbares Dach über dem Centre-Court prangt. Dass er immer noch im Tagesprogramm Wimbledons steht, ist ein Indiz dafür, wie schwer man sich am traditionsreichen Event mit dem Gebrauch der 1000 Tonnen schweren Konstruktion tut. So sehr das Dach von TV-Stationen und Tennisfans herbeigesehnt worden war, so anschaulich zeigten die zuletzt regenreichen Tage, wie schwierig die Entscheidung ist, ob und wann es zu schliessen sei.

Nadal als Opfer der Willkür

«Das Dach ist ein Segen für das Turnier, wenn es richtig eingesetzt wird», sagt Neil Harman, der Tennisreporter der «Times». «Aber das war nicht immer der Fall.» Jüngst kumulierten sich die Kontroversen. Es begann mit dem Sturz Rafael Nadals zu später Stunde. Hätte sich Referee Andrew Jarrett ans Reglement gehalten, er hätte die Partie so lange unter freiem Himmel fortsetzen lassen müssen, bis es zu dunkel geworden wäre. Doch er unterbrach frühzeitig, bremste den Schwung des Spaniers und begünstigte dessen Niederlage.

Der Referee hatte Angst gehabt, das 30- bis 40-minütige Prozedere, bis das Dach zu ist und die Klimatisation funktioniert, in der Schlussphase des fünften Satzes verfügen zu müssen. Dazu zwei Fragen: Wenn das Dach in Halle in 88 Sekunden zu ist und sofort weitergespielt werden kann, wieso ist in Wimbledon, wo die Dimensionen zugegebenermassen grösser sind, alles so kompliziert? Und wieso montierte man keine Lampen, die auch bei einem offenen Dach für ausgeglichenes Licht sorgen?

Zu starker Wind kann fatal sein

Am Tag nach Nadals Aus liess Jarrett das Dach wegen schlechter Wetterprognosen zur Mittagspause schliessen. Obschon der Regen ausblieb, sah man im Centre-Court einen Tag lang Hallentennis. Novak Djokovic und Roger Federer zeigten sich erstaunt. Was sie nicht wussten: Winde von über 60 Stundenkilometern verunmöglichten es, das Dach wieder zu öffnen, ohne Schäden zu riskieren.

So dezent die Kritik der Champions ausfiel, offenbar traf sie Jarrett. Am Montag bei Federers Achtelfinal hielt er trotz Nieselregens am Freiluft-Tennis fest. Sodass dem Schweizer der kalte Wind in den Rücken fuhr. Bei geschlossenem Dach wäre er wohl unversehrt geblieben, vermutete Federer. Und er erklärte, es sei schwierig, sich einzustellen, wenn man bis zuletzt nicht wisse, ob «drinnen» oder «draussen» gespielt werde. Das kann einen Unterschied von über zehn Grad ausmachen, plus Wind. «Als wir alle Gott dankten, dass wir endlich ein Dach haben, hätten wir nicht gedacht, dass es für so viele Unstimmigkeiten sorgen würde», sagt Harman. Eigentlich bräuchte es zwei überdachte Showcourts wie in Melbourne, um für faire Verhältnisse zu sorgen. Hier werde eine Zweiklassengesellschaft geschaffen. Die Besten, die meist auf den Centre-Court dürften, könnten ihre Spiele plangemäss abwickeln. Die anderen würden vom Regen auf die Probe gestellt.

«Nicht mehr wie Wimbledon»

Federer zählt vorderhand zu jenen, die begünstigt werden. Und sein Manager Tony Godsick kann die angeregten Diskussionen nicht recht verstehen: «Früher beschwerten sich alle übers Wetter. Jetzt beschweren sie sich übers Dach.» Der Unterschied ist, dass früher höhere Gewalt entschied, nun Menschen. Und die machen Fehler und sind beeinflussbar. Harman sagt: «Fest steht: Das Dach hat den Charakter des Turniers verändert. Und für mich fühlt es sich nicht mehr wie Wimbledon an, wenn einen ganzen Tag lang drinnen gespielt wird.»

Der «Times»-Mann vermutet, dass Indoor-Tennis auf Rasen den guten Hallenspielern Federer und Andy Murray entgegenkommt. So gesehen könnte man sagen: Alles Gute kommt von oben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2012, 10:04 Uhr

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