«Federer verschwindet nicht so bald»

Der zwölffache Major-Sieger Roy Emerson bewundert Roger Federer. Und er ist überzeugt, dass der Schweizer noch mehrere Jahre weiterspielt.

Ein Bild aus früheren Tagen: Roger Federer und Roy Emerson lachen beim Turnier von Gstaad im Jahre 2003.

Ein Bild aus früheren Tagen: Roger Federer und Roy Emerson lachen beim Turnier von Gstaad im Jahre 2003. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Roy Emerson ist im Sommer Stammgast in Gstaad. Viel Zeit, sich die Matches des Tennisturniers anzuschauen, dessen Rekordsieger er mit fünf Titeln (1960, 61, 66, 67, 69) ist, hat er aber nicht. Denn er leitet, zum inzwischen 40. Mal, Tenniskurse auf den Plätzen des Palace-Hotels – in diesem Jahr deren sechs à einer Woche. Der 76-jährige Australier gibt nicht nur seinen Namen dafür, er ist immer noch aktiv dabei auf dem Court. Zufällig traf er in dieser Woche auf Roger Federer, als sich dieser für sein Erstrundenspiel aufwärmte. Dabei unterhielten sich die beiden Tennisgrössen, die 29 Grand-Slam-Titel im Einzel auf sich vereinen, angeregt miteinander.

Sie sagten einst, Sie hätten sich wie im Paradies gefühlt, als Sie 1956 erstmals nach Gstaad kamen. Was hat Sie hier so beeindruckt?

Ich hatte noch nie eine solche Kulisse gesehen, mit den Bergen rundherum. Egal auf welche Seite man schaute, der Ausblick wurde nur noch schöner. Wie kann man sich da über einen verschlagenen Ball ärgern? Man spielt auf dem Center Court, dann kommt der Zug um die Ecke und pfeift, wenn man den Ball gerade zum Aufschlag aufgeworden hat. Das ist einzigartig. Und die Leute waren immer nett. Es war für mich ideal nach Wimbledon, nach all dem Stress und der harten Arbeit an einen so entspannten Ort zu kommen.

Inzwischen leiten Sie schon zum 40. Mal die Tenniswochen im Palace. Wie kam es dazu?
Als Rod Laver und ich unsere Karrieren beendet hatten, entschieden wir uns, zusammen Tenniscamps zu leiten. Zuerst taten wir dies in den USA, reisten wir dort herum an verschiedene Orte das ganze Jahr. Nach zwei Jahren sagte Rod zu mir: Wenn wir diesen hohen Rhythmus aufrechterhalten, können sie bald einen Nagel in meinen Sarg hämmern. Ich machte also alleine weiter, überlegte mir, wo ich am liebsten Tenniswochen leiten möchte. Ich fragte mich: Welcher Ort wird mir am meisten fehlen? Ich kam auf Gstaad. Ich kontaktierte das Palace, sie zeigten sich interessiert, also versuchten wir es. Wir schüttelten Hände, und hier sind wir nun also, 40 Jahre später.

Wie intensiv verfolgen Sie heutzutage das Spitzentennis?
Die Majors verfolge ich schon, nur schon, um etwas Schlaues sagen zu können, wenn ich gefragt werde. Deren Finals schaue ich mir eigentlich immer an. Aber ich reise nicht mehr an alle Grand-Slam-Turniere. Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr am French Open. In Wimbledon wurde ich mit meiner Frau Joy an die letzten beiden Finals eingeladen, in die Royal Box. Und wenn du in die Royal Box eingeladen wirst, sagst du nicht ab. Das Australian Open versuchen wir jedes Jahr zu besuchen. Es ist eine gute Gelegenheit, unsere Verwandten zu sehen. Wir leben ja nun in den USA.

Wie gut kennen Sie Roger Federer?
Wir haben noch nie zusammen zu Abend gegessen. Aber wenn wir uns sehen, plauderen wir miteinander. Ich habe ihn erst ein paarmal getroffen. Als er im Madison Square Garden gegen Pete Sampras spielte, machte ich den Münzwurf. Und posierte mit den beiden, damit die Fotografen ein paar Fotos schiessen konnten von den drei Spielern, die am meisten Majors gewonnen hatten. Federer ist ein guter Kerl. Und natürlich liebe ich es, ihm zuzuschauen. Er ist mein Lieblingsspieler. Auch deshalb, wie er sich auf dem Court verhält. Er verkörpert die Qualitäten frühererer Generationen.

Wie meinen Sie das?
Als er erstmals Wimbledon gewonnen und hier seine erste Kuh erhalten hatte, traf ich ihn in Gstaad. Ich sagte zu ihm: «Ich gratuliere dir zum Wimbledon-Sieg. Aber noch mehr gratuliere ich dir dafür, was du danach getan hast.» Er gab überrascht zurück: «Was habe ich denn getan?» Ich sagte: «Du bist nach dem Spiel unten auf dem Court geblieben bei deinem Gegner. Du bist nicht auf die Tribüne geklettert, um mit deinen Eltern, deiner Freundin und deinem Trainer zu feiern. Du hast deinem Gegner den Respekt erwiesen, der ihm gebührt. Das hat mir gefallen.» Der Spieler, der mit dem Blödsinn begann, nach Siegen auf die Tribüne zu steigen, war Pat Cash. Seitdem hat ihm dies jeder Idiot nachgemacht. Wenn man Klasse hat, tut man das nicht. Man sollte in solchen Momenten auch an seinen Gegner denken. Es ist doch furchtbar, alleine unten auf dem Court zu sitzen und dem anderen zuschauen zu müssen, wie er feiert. Das macht keinen Spass. Federer versprach mir, es nie Cash gleichzutun. Und er hat Wort gehalten.

Sie sprachen von den Qualitäten früherer Zeiten. Inwiefern hat sich das Tennis seit Ihrer Aktivzeit verändert?
Grundlegend. Damals reisten wir noch alle zusammen um die Welt. Wir hatten keine Entourage. Keinen Coach. Keinen Physiotherapeuten. Keinen Ernährungsberater. Keinen Schminkspezialisten. Durchs Fernsehen ist das Tennis zum Big Business geworden. Als ich spielte, als wir noch Amateure waren, wurden die Spiele nur in England am Fernsehen übertragen, von BBC. Nicht in Australien, auch nicht in den USA. Dank BBC sahen wir uns erstmals selber spielen. Ich dachte: Oh mein Gott, das sieht ja fürchterlich aus! (lacht) Ist mein Aufschlag wirklich so schlecht? Wimbledon war damals in einer ganz anderen Liga als alle anderen Turniere. Dort wurden wir sogar in Rolls Royces chauffiert.

Wie erklären Sie sich den Erfolg des Tennis?
Es ist ein perfekter Sport für den Zuschauer, weil er einem den Kampf Mann gegen Mann bietet. Für mich ist übrigens die grösste Leistung in unserem Sport, wie es Ken Rosewall schaffte, erstmals 1954 und letztmals 1974 einen Wimbledon-Final zu bestreiten. Das ist eine unglaubliche Leistung. So gut zu sein über 20 Jahre, das mag im Teamsport möglich sein. Aber für einen Einzelsportler, im Kampf Mann gegen Mann, das ist fast unmenschlich. Leider hat Rosewall beide Finals verloren, gegen Jaroslav Drobny und Jimmy Connors.

Trauen Sie Federer zu, 2023 nochmals im Wimbledon-Final zu stehen? 2023?
Dafür müsste er sich in ausgezeichneter körperlicher Verfassung halten und auf viele Turniere verzichten. Aber er muss, weil er so viele Spiele hat, ja auch nicht mehr so viele Pflichtturniere spielen wie früher. So kann er, wie zum Beispiel in diesem Jahr, ein Event wie Key Biscayne auslassen.

Gerne wird darüber spekuliert, wer der Beste aller Zeiten sei. Aber kann man Spieler unterschiedlicher Generationen überhaupt miteinander vergleichen?
Nein, das kann man nicht. Es war bei uns noch eine ganz andere Zeit. Die Ausrüstung hat sich stark verändert, die Tour im Allgemeinen. Wir spielten in den Amateurtagen die meisten Turniere auf Rasen und Sand, was nicht so schlimm war für die Gelenke. Danach sind überall Hartplatzturniere aufgekommen. Wir reisten das ganze Jahr herum, weil wir es uns nicht leisten konnten, zwischendurch nach Australien zurückzukehren. Wir spielten Woche für Woche, rund 40 Turniere insgesamt, und das über drei Gewinnsätze plus Doppel. Björn Borg war übrigens dafür verantwortlich, dass das Doppel an Wert verlor. Er verzichtete darauf, weil er im Einzel so erfolgreich war. Und dann begannen andere, es ihm nachzumachen. Heute spielen die Besten nicht mehr Doppel. Darüber bin ich ein bisschen traurig. Denn das Doppel ist ein schöner Teil des Tennis.

Als Sie spielten, galt Gstaad als Revanche für Wimbledon. Was muss es heutzutage tun, um als kleines Turnier zu überleben?
Gstaad muss Sorge tragen zu den Spielern. Man muss es schaffen, dass die Spieler nicht nur wegen des Sports wiederkommen. Sondern auch, weil sie hier neben dem Court verwöhnt werden. Denn Spieler werden gerne verwöhnt.

Wurden Sie verwöhnt?
Ich genoss es schon sehr, im Palace zu wohnen.

Bereuen Sie es, in eine frühere Ära geboren zu sein, in der man noch nicht so viel Geld verdiente?
Ach nein, es ist doch nur Geld. Wir hatten es auch gut, konnten uns glücklich schätzen, die Welt zu bereisen. Und uns mit Spielern aus der ganzen Welt zu messen. Das ist die beste Erziehung. Wenn man gegen jemanden Sport treibt, findet man schnell heraus, was der für einen Charakter hat. Und ob er ein Kämpfer ist oder nicht.

Haben Sie das Aus von Federer verfolgt und mit ihm mitgefühlt?
Ja, er tat mir leid. Brands war kein einfacher Gegner zum Start. Und die Courts erschienen mir sehr trocken. Sie sahen aus wie die Sahara-Wüste. Man müsste sie öfter wässern, vor allem in der Nacht. Wäre der Platz ein bisschen feuchter gewesen, es wäre für Federer einfacher gewesen reinzukommen. Und natürlich war es kein Vorteil, dass er in der ersten Runde ein Freilos gehabt hatte. Aber er hat wirklich auch nicht gut gespielt.

Hatten Sie das Gefühl, dass er Probleme mit dem Rücken hatte?
Das ist bei ihm von aussen schwer zu beurteilen. Er hat in seiner Karriere sicher schon viele Matches bestritten, in denen sich sein Rücken nicht gut anfühlte. Trotzdem hat er noch nie aufgegeben. Und er sucht nie Entschuldigungen. Das imponiert mir.

Haben Sie das Gefühl, dass die Ära von Federer und Nadal langsam vorbeigeht?
Viele Turnierdirektoren machen sich derzeit Sorgen um ihre Events. Denn ohne diese beiden wird das Tennis nicht mehr das Gleiche sein. Sie sind die Zugpferde dieses Sports. Nicht nur, weil sie so gut spielen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie sie sich verhalten. Den anderen fehlt dieses Charisma. Wenn Federer und Nadal einmal nicht mehr dabei sein sollten, wird es für die Veranstalter schwierig, die Tribünen zu füllen. Djokovic und Murray sind gute Spieler. Aber die Ausstrahlung von Federer und Nadal fehlt ihnen.

Aber es führt wohl kein Weg daran vorbei, dass Djokovic und Murray die sportliche Zukunft gehört. Oder?
Sie sind die Fittesten. Über drei Gewinnsätze sind sie momentan kaum zu schlagen. Sie haben beide ein ausgezeichnetes Defensivspiel, bringen unglaublich viele Bälle zurück. Das treibt ihre Gegner dazu, noch mehr zu versuchen als sonst. Und dann begehen sie Fehler.

Sie kritisierten Novak Djokovic vor zwei Jahren für sein Verhalten auf dem Platz. Was werfen Sie ihm konkret vor?
Ich finde es wichtig, dass man dem Gegner Respekt zollt. Wenn man einen Winner schlägt, sollte man danach nicht wie verrückt jubeln und die Faust ballen. Wenn das jemand gegen mich machen würde, das würde mich nur noch zusätzlich anspornen. Wenn einem ein schöner Schlag gelungen ist, darf man glücklich sein. Aber man sollte sich nicht so aufführen.

Wieso ist es Ihnen so wichtig, wie sich die Topspieler verhalten?
Weil sie nicht nur Botschafter für ihr Land sind, sondern auch fürs Tennis. Und Vorbilder für die Jungen. Deshalb war Federer ein Segen für unseren Sport. Ich mag es nicht, wenn Theater gemacht wird auf dem Platz. Pete Sampras wurde immer vorgehalten, er sei langweilig, er mache keine Kapriolen. Aber dazu war er doch auch nicht da. Wenn man einen Komödianten sehen will, geht man ins Theater. Dann muss man kein Tennisspiel besuchen.

Hat sich Djokovic gebessert?
Ich finde schon. Er hat sich gut verhalten in Wimbledon, gab eine gute Rede nach dem Final. Natürlich waren fast alle auf Murrays Seite, doch Djokovic ging gut damit um. Mit Klasse. Er wird erwachsen.

Zurück zu Federer. Wie beurteilen Sie es, dass er auf ein Racket mit deutlich grösserem Schlägerkopf gewechselt hat?
Das könnte für ihn zum Problem werden. Man kann sich nicht in ein, zwei Wochen an ein neues Racket gewöhnen.

Sollte er beim neuen Schläger bleiben?
Schwer zu sagen. Vielleicht liegt er ihm nicht. Das kann geben. Auch bei den grössten Spielern. Rod Laver spielte lange mit einem Holzracket, dem Dunlop Maxply. Dann kam eine Firma auf ihn zu, Chemal, und offerierte ihm einen lukrativen Vertrag, damit er auf ein Aluminium-Racket wechselte mit einem kleinen Schlägerkopf. Doch damit kam er einfach nicht zurecht. Er bedauerte schnell, den Vertrag unterschrieben zu haben. Dann kaufte er alle Dunlop-Holzrackets zusammen und übermalte sie mit den Farben des Chemal-Rackets, damit es niemand merkte. So löste er seine Racketprobleme. Vielleicht war es nicht die schlauste Entscheidung Federers, ein neues Racket zu nehmen. Er traf den Ball mit dem alten sehr gut.

Wie lange kann er noch spielen?
Er wird so schnell nicht verschwinden. Denn er ist smart, pflegt einen schonenden Stil und trägt Sorge zu sich. Wenn es der Körper zulässt, kann er noch mehrere Jahre spielen. Vielleicht sogar fünf oder sechs. Dazu müsste er sich wohl noch etwas mehr Erholungszeit gönnen, ab und zu ein Turnier auslassen. Und vielleicht müsste er sein Spiel anpassen, öfter ans Netz kommen und so die Punkte verkürzen. Ich würde es gerne sehen, wenn er noch aggressiver wäre mit dem Return auf den zweiten Aufschlag und noch öfter Serve and Volley spielt. Den Volley beherrscht er ja. Kürzere Ballwechsel wären gut für ihn. Er sollte nicht aus jedem Punkt den Zweiten Weltkrieg machen. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 28.07.2013, 11:59 Uhr)

Artikel zum Thema

«Federers Körper braucht Ruhe und Erholung»

Trotz Erfolgsdruck müsse der Tennisstar akzeptieren, dass er seinem Körper Zeit geben müsse, sagt Alfred Müller, an der Zürcher Schulthess-Klinik Chefarzt Neurologie und tätig im Wirbelsäulenzentrum. Mehr...

«Es macht keinen Spass, so zu spielen»

Nach seinem Startspiel-Aus in Gstaad spricht Roger Federer offen über seine Rückenprobleme – und wie es mit ihm nun weitergehen soll. Mehr...

Federers chaotischer Auftritt

Der grosse Hype um Roger Federer in Gstaad endet abrupt: Der von Rückenproblemen geplagte Weltranglistenfünfte verliert sein Auftaktspiel gegen den Deutschen Daniel Brands mit 3:6, 4:6. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Die Welt in Bildern

Stahlharte Nerven: Die rund 400 Meter lange Hängebrücke bei Reutte in Tirol führt 112 Meter über dem Talgrund zum Schloss Ehrenberg und ist nur für Schwindelfreie.
(Bild: Harald Schneider ) Mehr...