Federers Wegweiser tritt ab

Mit Lleyton Hewitt verabschiedet sich am Australian Open sein erster grosser Rivale, der ihm lange voraus war, ihn inspirierte und zum Freund wurde.

Seit fast 20 Jahren kreuzen sich ihre Wege: In Melbourne trainierten die 34-Jährigen Hewitt und Federer zusammen. Foto: Keystone

Seit fast 20 Jahren kreuzen sich ihre Wege: In Melbourne trainierten die 34-Jährigen Hewitt und Federer zusammen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war der 10. September 1996, als sich ihre Wege erstmals kreuzten. In Zürich, in der Freizeit- und Sportanlage Guggach, am World Youth Cup, der Mannschafts-WM der bis 16-Jährigen. Roger Federer war eben 15 geworden, hatte ­gerade seine Klassierung auf N4 ver­bessert und wurde als Nummer 88 des Landes eingestuft. Weil er eigentlich zu jung für diesen Anlass war, durfte er nur mit einer Spezialbewilligung antreten. Er hielt sich achtbar.

Das Turnier war kein Publikums­renner. Nur 30Eintrittskarten seien am Dienstag verkauft worden, berichtete der TA. Sie bekamen eine Partie zu sehen, die nicht nur spannend war, sondern im Nachhinein sogar denkwürdig wurde: das erste Duell zwischen Federer und ­einem Australier namens Lleyton Glynn Hewitt, der 205 Tage älter war, zu einem Matchball kam, die Partie aber verlor.

Zwei Tage später erschien in dieser Zeitung die erste Geschichte zu Federer, überschrieben mit einem Zitat des Teenagers: «Man sollte perfekt spielen ­können.» Heute wissen wir, dass beide Junioren diesem Ziel sehr, sehr nahe kommen sollten – und dass diese Partie der Beginn einer Rivalität war, die nicht nur zu einer der wichtigsten ihrer Karrieren werden, sondern sogar das Welttennis über Jahre mitprägen sollte.

«Federer», antwortet denn Hewitt am Samstag in Melbourne auch spontan auf die Frage, welches der wichtigste Rivale seiner Laufbahn gewesen sei. Diese geht, wie er schon vor Monaten angekündigt hat, an diesem Australian Open zu Ende. Ein feierlicher Moment, der die Startphase des Turniers prägt, Erinnerungen und etwas Wehmut weckt. Auch bei Hewitt: «Es ist ein seltsames Gefühl, nicht zu wissen, ob dies meine letzte Partie sein wird oder ob ich zwei Tage später alles noch einmal durchleben werde», sagt er vor dem Match vom Dienstag gegen James Duckworth, einen anderen Australier, der wie er eine Wildcard erhalten hat.

Der kleine Tennisgigant

Hewitts Rücktritt, einen Monat vor seinem 35.Geburtstag, ist gut getimt. Der Vater zweier Mädchen und von Cruz, der am Freitag in der Rod-Laver-Arena mit Federer einige Bälle schlagen durfte, ist nur noch die Nummer 306 der Welt. Seit dem US Open ist er inaktiv. Schon 2009 war er nach einer Hüftverletzung, die zwei Operationen nach sich zog, aus den Top 100 gefallen, weitere Operationen folgten, zwei am linken Fuss und eine am Handgelenk. Seinen Übernamen «Rusty» – rostig – verdankt er allerdings nicht ­seinem abgenützten Körper, sondern ­einer Filmfigur aus der Komödie «National Lampoon’s Vacation».

Doch auch in der Spätphase liess ­Hewitt immer wieder seine Klasse und seine legendäre Kampfkraft aufblitzen, die ihn mit nur 1,77 m Grösse zu einem der ­Giganten des Tennis und auch für Federer während langer Jahre zum Vorbild werden liessen. Er geht mit 30 grossen Turniersiegen und 20,7 Millionen Dollar Preisgeld in Pension. Die grössten ­Erfolge feierte er allerdings zu Beginn seiner Laufzeit, als Federers Weg zum Champion noch ungewiss und noch weit war. Dabei wurden er und Hewitt rasch Freunde und teilweise Doppelpartner, zumal ihre Jugendtrainer Peter Carter und Darren Cahill sich sehr gut kannten.

Mit grossen Augen sah der Schweizer zu, wie Hewitt noch als 16-Jähriger in ­seiner Heimatstadt Adelaide 1998 ein erstes ATP-Turnier gewann, wie er 2001 zum US-Open-Titel stürmte und in Sydney das erste seiner zwei ATP-Saison­finals gewann (das er selber verpasst hatte), wie er 2002 seine Karriere mit dem Wimbledon-Sieg krönte. Hewitt war sein Wegweiser, das Mass der Dinge. Der blonde Australier wurde Ende 2001 die bisher jüngste Nummer 1 und verteidigte diese Position in 80 der folgenden 82 Wochen.

Dass seine grosse Zeit früh zu Ende ging, dafür war schliesslich aber vor ­allem Federer verantwortlich. Nachdem dieser 2003 im Davis-Cup-Halbfinal in Melbourne eine der bittersten Niederlagen gegen Hewitt hatte hinnehmen müssen und in diesem Zweikampf 2:7 zurückgefallen war, fand er plötzlich den Schlüssel, um dessen Spiel zu decodieren. Er gewann darauf 15Duelle in Folge, davon gleich 8 an Grand-Slam-Turnieren. Ihr einziger Majorfinal brachte am US Open 2004 ein brutales 6:0, 7:6, 6:0.

Die Hingabe für den Davis-Cup

Hewitt sollte diese Negativserie erst nach sieben Jahren brechen können, 2010 im Final des Rasenturniers von Halle. Vor zwei Jahren schlug er Federer in Brisbane erneut in einem Final, ­verkürzte damit auf 9:18. Es dürfte ihre letzte offizielle Partie bleiben.

Der von Federers früherem Coach Tony Roche betreute Australier wird Down Under aber vor allem auch für seine Erfolge und Hingabe im Davis-Cup verehrt. Er führt die Tradition der Legenden Emerson, Laver, Roche, Newcombe und Rosewall fort, indem er in diesem Wettbewerb alles gab, sein Land 1999 und 2003 zum Titel führte. Mit 53 Siegen und 35 Begegnungen ist er inzwischen der ­erfolgreichste und aktivste Spieler seines Landes in diesem Wettbewerb. Passenderweise wurde er denn auch zum neuen Captain berufen; eine Position, in der er aufblüht. «Schon lange betrachte ich mich als Mentor unserer jungen Spieler. Das geniesse ich, das erfüllt mich mit Stolz», sagt er am Samstag.

Bei seinem Abschied, der auf sein 20.Australian Open fällt, werden die Emotionen hochgehen. Auch bei Federer, der 20Jahre nach ihrer ersten ­Begegnung selber noch keine Rücktrittsabsichten erkennen lässt. «Es dürfte ein schöner Moment werden», sagt er. Auch er weiss: Mit Hewitt tritt einer ab, der stets alles gab und das Maximum aus ­seiner Karriere herausgeholt hat.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.01.2016, 18:55 Uhr)

Artikel zum Thema

Angeschlagene Gesundheit, schlechte Erinnerungen

«Ich muss das Turnier vorsichtig angehen», sagt Roger Federer vor dem Start ins Australian Open. Mehr...

Familie Federer auf Stadionbesuch

Bildstrecke Am Kids Day des Australian Open sind auch die Sprösslinge des Schweizer Tennisstars dabei. Mehr...

Optimismus bei Federer und Wawrinka

Vor dem Australian Open sprechen die Schweizer Tennisspieler über ihre Vorbereitungen. Roger Federer sieht seine Krankheit als überstanden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

ATP Weltrangliste

RNameP
1.SRBNovak Djokovic14040
2.SCOAndy Murray9345
3.SUIStan Wawrinka6260
4.ESPRafael Nadal4940
5.JPNKei Nishikori4875
6.CANMilos Raonic4760
7.SUIRoger Federer3730
8.FRAGael Monfils3545
9.CZETomas Berdych3390
10.AUTDominic Thiem3295
Mehr...
Stand: 21.09.2016 07:42

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Platte Mode: Wer als Kind gerne mit Paper Dolls spielte, wird sich allenfalls an den Kleidern erfreuen, welche Moschino an der Milan Fashion Week in Italien zeigt (22. September 2016).
(Bild: Tristan Fewings/Getty Images) Mehr...