Federers menschliche Seite

Warum nicht die Niederlage gegen Andy Murray für viele die Hauptstory war – sondern die Emotionen, die Roger Federer dabei zeigte.

">Für einmal Kontrolle verloren: Roger Federer im Halbfinal gegen Andy Murray.

Für einmal Kontrolle verloren: Roger Federer im Halbfinal gegen Andy Murray. Bild: Keystone

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Zugegeben: In der Rod Laver Arena hatte ich von allem kaum etwas bemerkt. Doch schon die zweite Frage, die Roger Federer nach dem Ausscheiden von einem Briten gestellt wurde, machte klar, dass hier eine Story am Köcheln war. «Sie sprachen früher über die guten Manieren, die unter den Spielern herrschen», begann sie. «Doch nun gab es offensichtlich böse Gefühle zwischen Ihnen, bei 6:5 im vierten Satz. Worum ging es genau?»

Federers wenig erhellende Antwort: «Wir schauten uns nur einmal prüfend an. Das ist okay, finde ich, in einem dreieinhalbstündigen Match. Das war keine grosse Sache für mich, und ich hoffe, auch nicht für ihn.»

Murray musste später vier Fragen zu diesem Thema beantworten. Hier die Zusammenfassung.

Frage 1: Wie überrascht waren Sie über das, was er zu Ihnen schrie bei 6:5 im vierten Satz? Sie hatten einen seltsamen Gesichtsausdruck.
Antwort: Ich war nicht überrascht. Solche Dinge geschehen täglich in Tennisspielen, auf dem Fussballrasen, im Basketball und anderen Sportarten. Es war mild gegenüber dem, was anderswo passiert.

Frage 2: Brachte es Sie durcheinander?
Murray: Nein. Aber ich denke, er spielte danach besser. Manchmal brauchen Spieler solche Emotionen. Danach spielte er zwei Bälle auf die Linie und war extrem aggressiv.

Frage 3: Können Sie wiederholen, was er sagte?
Murray: Das ist irrelevant und spielt keine Rolle. Das geschieht immer wieder, überall. Das ist schon erledigt.

Frage 4: Sagte er ein Wort, das wir nur mit Mühe in unseren Zeitungen drucken könnten?
Murray: Das ist bedeutungslos. Und ich will darüber auch nicht diskutieren. Einige werden das hochspielen wollen, aber es ist wirklich keine grosse Sache.

Was geschehen war, liess sich im Internet, zum Beispiel auf Youtube, gut nachverfolgen. Federer hatte in zwei, drei Momenten seine übliche Coolness verloren, hatte einmal schon «fucking lucky» geschrien. Die besagte Szene ereignete sich, als Murray bei 6:5 zum Match aufschlug und er während des ersten, langen Ballwechsels kurz innehielt, als ob Federers Ball out gewesen wäre (was er nicht war) und er den Videobeweis aufrufen wollte.

Murray spielte aber weiter, während Federer eine halbherzige Vorhand schlug, die der Schotte mit einem Winner beantwortete. «You fucking stopped», dürfte Federer ihm zugerufen haben (so klar hörbar war das nicht), sichtlich erregt, wie Videoaufzeichnungen zeigen. Er war wohl der Meinung gewesen, Murray habe aufgehört zu spielen. Worauf der Schotte eine schuldbewusste Miene aufsetzte und etwas kindisch grinste, Federer ihn breakte und im Tiebreak den fünften Satz erzwang.

Murray und Federer hatten nicht übertrieben: Solche Vorfälle geschehen täglich im Tennis, und oft noch in viel härterer Version. Dass die Geschichte für viele Medien zur grossen Story wurde, hatte nur damit zu tun, dass es sich um Federer handelte. Um jenen Federer, der maskenhaft und ohne Emotionen seine Partien durchzuspielen pflegt, bei dem schon ein «Come on!» eine Gefühlseruption ist und bei dem man manchmal unsicher ist, ob es sich jetzt um ihn selbst handelt oder nur um eine Kopie aus dem Wachsfigurenkabinett.

Selbst die «New York Times» griff die Story in zwei grossen Artikeln auf, die insgesamt 7200 Wörter umfassen. Der Ton war Federer gegenüber vornehmlich respektvoll, aber vor allem überrascht. Viele haben ihm offenbar solche Gefühlsausbrüche gar nicht mehr zugetraut. Schon gar nicht in seinem fortgeschrittenen Alter, in dem er sich doch eigentlich langsam auf die Tennispensionierung vorbereiten sollte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.01.2013, 13:13 Uhr)

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René Stauffer ist Tennisexperte beim «Tages-Anzeiger». Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet bloggt er vom Australian Open.

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