«Ich kann es ohnehin nicht allen recht machen»

Roger Federer zieht am Ende eines turbulenten Jahres Bilanz, spricht über seine Erfahrungen in Brasilien, die Sonnen- und Schattenseiten seiner Popularität und blickt in die Zukunft.

Multitalent: Roger Federer zeigt sich während einem Show-Wettkampf mit Tommy Haas von seiner besten Seite.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Roger Federer, fühlen Sie sich durch den teilweise hysterischen Ansturm der brasilianischen Fans manchmal bedroht?
Nein. Sie sind einfach ein wenig laut und emotional, aber angenehm. Auch auf der Anlage. Wenn ich einmal kein Autogramm geben oder keine Fotos machen kann, ist es auch okay. Nach dem Motto: Wenigstens haben wir ihn gesehen. In Asien ist es ähnlich. Hier vor dem Hotel waren es am Anfang vier, dann zwanzig, dann fünfzig, dann hundert. Aber ich muss sagen: Sie sind sehr höflich. Sie schlängelten sich um das Hotel bis hinunter auf die Strasse, danach bildeten sie eine Schlange, und ich machte mit einem nach dem anderen Fotos, zwanzig Minuten lang. Aber manchmal habe ich dafür keine Zeit, dann gebe ich schnell Autogramme.

In Brasilien wurden Sie als Mythos angekündigt, Sie gelten als Ikone und lebende Legende. Wie fühlen Sie sich dabei?
Es ging schon in diese Richtung, als ich den Grand-Slam-Rekord von Sampras brach (der Amerikaner führte diese Liste einst mit 14 Titeln an, Federer steht nun bei 17). Es wurde so viel darüber gesprochen, als ich dies endlich schaffte, dass viele das Gefühl erhielten: Da spielt eine Legende, und sie ist immer noch aktiv. Deshalb ist es für alle schwierig, mich einzuordnen. Ich sage ja immer: Lasst mich mal spielen, dann könnt ihr mich beurteilen. Das Tennis erlebt schon eine gute Zeit, weil auch Nadal bereits alle vier Grand-Slam-Titel gewonnen und Rekorde aufgestellt hat, die ich nie erreichen kann, weil er sie so jung schaffte. Also haben wir zwei Spieler auf der Tour, die sich in Sphären bewegen, in die nur wenige vordringen können. Dies spüre ich schon, vor allem an Orten, wo ich noch nie oder lange nicht mehr war, wie in Japan oder auch in Stockholm, wo eine Stunde lang sogar ein Training live übertragen wurde. Und ganz extrem spüre ich es auch hier.

Haben Sie das Gefühl, dass 2012 etwas verändert hat? Immerhin sind Sie mit 31 Jahren wieder die Nummer 1 geworden, haben nochmals Wimbledon gewonnen. Das haben Ihnen viele nicht mehr zugetraut.
Vielleicht, ja. Ich denke, es hat sich etwas aufgebaut über die Jahre, aber es stimmt schon: Das war wieder ein super Jahr für die Leute, die mich unterstützen und hofften, dass ich nochmals grosse Erfolge feiern würde. Ich begann letztes Jahr, super zu spielen, und die Frage war, ob ich nochmals die Nummer 1 werde, mit Wimbledon und Olympia. Es folgte dann ein schlicht wunderbarer Sommer, und die Leute sahen, dass ich immer noch zuoberst mithalten, gewinnen und die Weltnummer 1 werden kann. Und wenn ich das jetzt geschafft habe, könnte mir das auch in zwei Jahren noch gelingen. Daran glauben nun auch wieder viele.

Aber längst nicht alle.
Nein, alle nicht. Genau, wie andere glauben, dass ich niemals aus den Top 4 fallen könnte. Aber das ist auch okay, es gibt das ganze Spektrum von Tennisfans, und man kann nicht alle hinter sich haben. Das will ich auch gar nicht.

Welche der vielen Begegnungen Ihrer sechstägigen Brasilienreise hat Sie am meisten beeindruckt?
Jene mit Pelé, ganz klar. Ich traf ihn am Samstag in seiner Wohnung, es war unglaublich. Er ist ein Mythos hoch zehn, und wenn man ihn sieht, denkt man: Wow, den gibt es ja wirklich … (lacht). Er ist eine dieser überlebensgrossen Persönlichkeiten. Du kommst herein, und er nimmt dich gleich in den Arm und fühlt sich auch mit den Kollegen wohl, die ich mitgebracht habe und die natürlich alles dokumentieren wollen, mit Filmen und Fotos. Er war froh, mich zu treffen, und sah super aus. Ich kann von Glück reden, dass ich solche Möglichkeiten habe. Aber ich genoss auch die Begegnungen mit den Fussball spielenden Jungs oder die Tennisstunden mit den Kindern, das mache ich ohnehin am liebsten. Natürlich musste ich auch viele Funktionäre, Politiker und Geschäftsleute treffen, die halfen, das Turnier aufzubauen. Aber auch dies und das Treffen mit den Fans gefielen mir.

Gibt es überhaupt etwas, das Sie nicht gerne machen?
Nein – solange die Leute es schätzen. Doch wenn ich merke, dass es ihnen egal ist, lässt meine Lust nach. Ich habe hier aber mehr Fans getroffen, die weinend zusammengebrochen sind, als anderswo. Es war unglaublich, wie viele zitterten, grosse Freude hatten oder zu weinen begannen, sodass ich sie praktisch in den Arm nehmen und sagen musste: Es ist schon gut, es ist okay … Ich nehme von hier aussergewöhnliche Eindrücke mit.

Hatten Sie das erwartet?
Nicht in diesem Grad. Ich dachte, sie freuen sich sicher, mich zu sehen, es ist sicher eine gewisse Euphorie da. Es wurde ja schon lange über diese Auftritte gesprochen. Aber dass ich gleich so viele denkwürdige Begegnungen haben würde, hatte ich nicht erwartet.

Müssen Sie manchmal auf den Stockzähnen lachen, wenn Sie so vergöttert werden, weil Sie insgeheim denken: Ich bin doch nur der Roger aus Münchenstein?
Ja, logisch, eindeutig. Ich muss mich selber stets wieder daran erinnern, woher ich komme, und mir sagen, wer ich bin. Ich mag auch das normale Leben immer noch – zurück zur Realität, Familie, Freunde, einfach ruhig, bitte. Und dann, klar, tauche ich manchmal hinein in das unglaubliche andere Leben, das ich habe. Oft denke ich: Es ist schon wahnsinnig, was ich in meinem Alter schon erlebt und erfahren habe, und das bringt mich als Mensch enorm weiter. Das Tennis hat mir so viel gegeben, und dafür muss ich stets dankbar sein, dessen bin ich mir bewusst.

Hinter Ihnen liegen zwei Wochen ruhige Familienferien, nun stehen Sie für zehn Tage ohne Frau und Kinder in diesem hektischen Leben. Der Gegensatz muss riesig sein.
Ja. Aber genau deshalb brauchte ich diese ruhigen Ferien auch. Wenn ich einen anderen Job hätte, würde ich sie auch anders verbringen, viel mehr unternehmen. Aber ich muss völlig zur Ruhe kommen, damit ich solche Sachen machen und den Rummel um meine Person ohne Probleme überstehen kann. Langsam habe ich das im Griff. Schon während des Turniers von Shanghai sah ich meine Familie zehn Tage lang nicht, das ist also nicht das erste Mal. Immerhin können wir uns über Skype sehen.

Die Saison ging in London gerade erst zu Ende, nun stehen Sie schon am Beginn der Vorbereitung des neuen Jahres. Gibt es keine besinnliche Weihnacht?
Über Weihnachten werde ich am härtesten trainieren, das gehört zu den Opfern, die ich bringen muss. Aber gut, so ist das halt. Ich verbrachte Weihnachten und Neujahr schon im Flugzeug. Wenn ich in Australien ankomme, werde ich mir drei freie Tage leisten. Ich muss schauen, dass ich mich vor dem ersten Grand Slam zurücknehme. Und während der härtesten Trainingsblöcke achte ich darauf, dass ich im Minimum acht, lieber aber zehn oder elf Stunden schlafe. So kann ich mich gut erholen. An den Turnieren gibt es weniger von diesen kurzen Nächten wie hier, in denen ich nur fünf, sechs Stunden schlafen kann. Wenn ich Basel, Paris und London in Serie spiele, schlafe ich drei Wochen lang fast täglich aus. Das brauche ich auch, man muss sich einfach zu helfen wissen, auch wenn man nicht gerade Ferien hat. Auch mein Physiotherapeut hilft mir, über die Runden zu kommen.

Sie spielen vor dem Australian Open erstmals wieder kein anderes Turnier. Wie riskant ist das?
Ich hatte einen Vertrag für Doha, bei dem ich sechs Monate im Voraus sagen musste, ob ich kommen würde. Ich sagte: So viel wie 2012 kann ich nicht mehr spielen, zudem hatte ich mich dort zuletzt im Halbfinal verletzt. Eines meiner grossen Ziele für das kommende Jahr ist, viel zu trainieren und mich spielerisch und konditionell zu verbessern.

Sprechen wir über heiklere Themen. Ihr Image wird im Ausland immer besser, in der Schweiz aber hat es zuletzt einige Kratzer abbekommen – etwa wegen der stockenden Vertragsverlängerung mit den Swiss Indoors und Ihrer Zurückhaltung im Davis-Cup. Stört Sie das, bekommen Sie das alles voll mit?
Ja, logisch. Ich werde ja auch danach gefragt. Es wird vieles erzählt, und manchmal kann ich mich nicht einmal dazu äussern, was mich überrascht. Aber du kannst nicht gegen alles ankämpfen. Und ich darf auch keine Angst davor haben, unpopuläre Entscheide zu treffen. Ich plane längerfristig und hoffe, dass ich den Davis-Cup vielleicht noch in zwei, drei, vier Jahren spielen kann. Aber daran denkt niemand, weil alle so dem Moment verhaftet sind. Und nicht begreifen, was ich alles schon erlebt habe.

Was sind denn die Schwierigkeiten des Davis-Cups?
Das müsste ich stundenlang erklären. In einigen Ländern und für einige ist er völlig unwichtig, in anderen und für andere sehr wichtig. Solche Entscheide treffe ich nicht aus dem Bauch heraus, sondern wäge über Monate ab. Nun kam ich zum Schluss, dass es für mich wohl der einzige richtige Entscheid ist (gegen Tschechien Anfang Februar zu fehlen). Ich könnte schon spielen, aber dann dürfte ich nur noch vier oder fünf Masters-1000-Turniere bestreiten statt acht oder neun. Und ich verzichte nächstes Jahr auch auf Abu Dhabi (Schauturnier) und Doha und spiele nur ein oder zwei 500er-Turniere.

Auch Miami ist nicht vorgesehen.
Ja, es ist schwierig, das allen begreiflich zu machen. Darum bringt es nichts, wenn ich mich da zu sehr erkläre. Ich hoffe einfach, dass die Leute mich verstehen und mir vertrauen, dass ich mir das gut überlegt habe. Und wenn ich noch etwas zu Basel sagen darf: Ich hatte einen langfristigen Vertrag angestrebt vor dem Turnier, damit genau solche Dinge nicht entstehen. Als ich merkte, dass wir ein Kommunikationsproblem hatten, ahnte ich, dass es so weit kommen würde, dass nur noch über Geld geredet würde. Aber ich war mir auch bewusst, dass von beiden Seiten der gute Wille da ist und dass es am Ende auch gut herauskommen wird. Letztlich wurde es aber so dargestellt, als ob ich weiss nicht was alles verlange und mir mein Heimturnier nicht mehr wichtig wäre. Das ist absolut nicht wahr. Zudem müssen die Leute begreifen, dass die Planung für mich trotz allem schwierig ist, weil Basel, Paris und London hintereinander stattfinden. Dann sagen einige: Er soll doch Paris auslassen, man kann ja dort locker einmal fehlen. Wie ich es dieses Jahr machte. Aber danach sagt auch niemand: Vielen Dank für Basel.

Dabei hätten Sie mit einem guten Resultat in Paris am ATP-Finale noch eine kleine Chance gehabt, das Jahr als Nummer 1 zu beenden.
Eben, man weiss ja nie. Ich will gar nicht zu tief in die Details gehen. Damit muss man umgehen können. Aber ja: Es trifft mich und macht mich traurig, wenn ich Unwahrheiten lese. Aber gleichzeitig weiss ich, dass ich mein Maximum gebe, um der beste Botschafter der Schweiz zu sein, und ich bin stolz darauf, dass ich als Schweizer durch die Welt reisen darf. Für mich ist eben der Davis-Cup nicht der einzige Wettbewerb, in dem du dein Land repräsentierst. Für mich gehören Olympia und die anderen Turniere auch dazu. Ich werde ja überall auf die Schweiz angesprochen, sehe überall Schweizer Fahnen. In Basel entwickelten sich die Dinge einfach schlecht, aber das wird alles zurechtgebogen in den nächsten Wochen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das viele Geld, das Sie verdienen. Es sollen im Jahr über 50 Millionen Euro sein, allein die Südamerika-Tour soll Ihnen 10 bis 12 Millionen Franken Einnahmen bringen, mit Moët & Chandon ist eben ein neuer Vertrag dazugekommen. Gehören Neid und Missgunst einfach zu den Schattenseiten des Erfolgs?
Allen recht machen kann ich es ohnehin nicht. Wenn ich keine Verträge hätte, würde es heissen, ich hätte etwas falsch gemacht. Aber über meine Verträge beklagen sich meines Wissens nicht allzu viele. Wichtig ist, dass ich nicht omnipräsent bin, vor allem in der Schweiz. Ich will nicht, dass es einen Federer-Overkill gibt, und darum sage ich: Weniger ist mehr. Aber was kann ich dafür, wenn die Medien gerne über mich berichten, weil sie wissen, dass die Leute das gerne lesen? Dass dies vielleicht 10 Prozent der Leute stört, damit muss man umgehen können. Ich habe vieles erlebt, es hat sich vieles verändert in der ganzen Zeit, aber wichtig ist für mich, dass ich mich selber nicht verändere. Und wenn ich weiss, wie ich wirklich bin, ist das, was geschrieben wird, nicht mehr so wichtig.

Vieles, was Sie betrifft, wird hochgeschaukelt. Wenn etwa in Herrliberg auf Ihrem Grundstück eine Tafel mit der Aufschrift «Betreten verboten» steht, ist das für einige schon eine Schlagzeile. Stört Sie das?
Das sind persönliche Sachen, und ich möchte nicht erklären, warum das passiert ist. Aber wenn ich das lese, kann ich gar nicht glauben, dass so etwas in der Zeitung steht. Ich hätte es gern, wenn nicht darüber geschrieben würde, wo ich wohne und so weiter. Das hat damit zu tun, dass ich nicht will, dass plötzlich Tourbusse kommen, Touristen herumlaufen und die Nachbarn stören. Und dort habe ich ja nicht einmal ein Haus, nur ein Stück Land. Ich hoffe einfach, dass ich in der Schweiz eine ruhige Zeit mit meiner Familie haben kann, und ich glaube, die meisten Schweizer begreifen das auch. Denn sie würden es gleich haben wollen wie ich. Und darum probiere ich, mich rarzumachen, wenn ich in der Schweiz bin. Wobei ich aber doch oft öffentliche Orte besuche. Ich kann in der Schweiz ein normales Leben führen, und ich will das auch tun können in den nächsten 50 Jahren.

Sie und Tony Godsick verliessen Ende Mai beide die Agentur IMG. Seither gab es keine Ankündigung, wie es weitergehen soll, doch momentan arbeiten Sie enger mit dem Amerikaner als je zuvor. Gibt es bald eine neue Firma?
Eben … es war ein anstrengendes Jahr, es blieb nicht Zeit für alles. Wir müssen das in aller Ruhe besprechen, und seit dem US Open und bis Ende Jahr stehen wir in diesem Prozess. Daher erwarte ich, dass wir in Australien etwas ankündigen können. Das Vertragsende von uns beiden fiel mitten ins French Open, danach folgten Wimbledon, Olympia und US Open. In dieser Phase war es wichtig, dass ich mich aufs Tennis konzentrieren konnte und nicht zu sehr abgelenkt wurde. Aber es läuft gut, Tony war super in diesem Prozess, ich bin sehr zufrieden mit ihm. Allerdings wurde auch er von der Basel-Geschichte etwas überfahren.

Sie werden nächstes Jahr 32, planen, weniger zu spielen, und sagen, dass die Weltrangliste nicht mehr so wichtig für Sie sein wird. Können Sie sich vorstellen, als Nummer 8, 10 oder 20 noch zu spielen?
Das sehen wir dann. Das Ziel ist nicht, dass ich 2013 als Nummer 20 beende, auch wenn das immer noch eine gute Klassierung ist. Als 20. kannst du in einer Woche wieder die 10 sein und in einer weiteren Woche die 5. Man kann sich sehr schnell nach vorne oder hinten bewegen. Das sieht man auch bei Spielern wie Nadal, die lange verletzt sind.

Immerhin ist er noch die Nummer 4.
Schon, doch in den nächsten Monaten muss er alle Punkte verteidigen. Wenn man einmal auf einem solchen Niveau gespielt hat, wäre es schwierig, permanent in der ersten oder zweiten Runde zu verlieren. Aber schon die Nummer 25 hat ja etwa ein ausgeglichenes Matchverhältnis, gewinnt und verliert etwa 25 Matches. Wenn man 2 von 3 Partien gewinnt, steht man schon fast in den Top 15. Aber nein, ich orientiere mich nicht gegen hinten. Ich will mich weiter in den Top 4 behaupten, das ist für mich wichtig. Ich werde mich extrem auf meine Turniere fokussieren, gerade weil es nicht so viele sind. Wenn man allerdings diese Saison betrachtet, fällt auf: Ich gewann krank in Indian Wells und verletzt in Madrid (Hüfte), und in Rom war ich auch verletzt. Trotzdem wurde ich auch dank dieser drei Turniere am Ende die Nummer 1. Das ist ein Phänomen des Tennis: Wenn man verletzt oder krank ist – wie ich in Wimbledon 2003, als mein Rücken blockiert war und ich dennoch das Turnier gewann – spielt man manchmal am besten. Weil sich der Druck löst und man nur noch Punkt für Punkt spielt, wodurch das Niveau steigt.

Sie haben also weiterhin hohe Ambitionen, wollen Ihre Karriere nicht langsam ausklingen lassen.
Gerade weil ich mich viel besser auf die Turniere vorbereiten kann, erwarte ich von mir, bessere Chancen zu erhalten, auch gegen die Besten gut mitzuhalten. Ich war dieses Jahr enorm konstant, so möchte ich weiterfahren – immer in die Halbfinals kommen und mir Chancen erarbeiten. Und dann hängt es davon an, wie die Sieg-Niederlagen-Bilanz gegen die Besten aussieht. Die war nicht so schlecht in den letzten Jahren, ich möchte sie sogar noch verbessern. Und dafür muss ich genug trainieren und genügend Selbstvertrauen haben.

Es fällt auf, dass Sie seit August kein Turnier mehr gewonnen haben. Das ist ein grosser Unterschied zu den zwei vorangegangenen Jahren, als Sie Ende Saison praktisch ungeschlagen blieben und je drei Titel gewannen. Beunruhigt Sie das, oder war das einfach die Folge des Sommers und eines Trainingsmangels?
Ein wenig vielleicht. Aber in Basel hätte ich siegen müssen, dann sähe alles anders aus. Am US Open spielte ich okay und hätte den ersten Satz gegen Berdych gewinnen sollen, obwohl er stark spielte. Jä nu … In Shanghai hatte ich das Gefühl, nur zu spielen, um mir die 300. Woche als Nummer 1 zu sichern. Dort war Murray im Halbfinal wirklich besser. Ich spielte danach in Basel besser und in London sehr gut. Und wir sprechen von vier riesigen Turnieren. Mit Niederlagen muss man umgehen können. Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass das Ende meiner Saison schlecht gewesen wäre.

Das sagte ich nicht.
Ich weiss. Aber ich war am Ende auf dem aufsteigenden Ast, deshalb musste ich am Strand nicht in Panik ausbrechen.

Was auch auffiel: Im Sommer sagten Sie, Rio 2016 sei noch weit weg. Jetzt weisen Sie darauf hin, dass es gar nicht mehr so fern sei.
Es kommt immer darauf an, wie man es betrachtet. Wenn man jedes Jahr 25 Turniere bestreitet, wird es unheimlich viel. Aber indem ich mir 2013 ein etwas einfacheres Jahr einbaue, bekomme ich etwas Luft und kann entspannter vorausblicken. Als ich im Sommer gefragt wurde, wie es mit Rio aussehe, sagte ich: Hört auf, davon zu sprechen. Aber wenn man dann einige wichtige Entscheide trifft, sehen die nächsten zwei Jahre viel einfacher aus. Ich muss manchmal unpopuläre Entscheide treffen, damit ich mich nicht so eingeengt fühle. Deshalb sage ich ja auch: Jeder Spieler muss seine Turniere selber managen und aufhören, sich zu beklagen, wie dicht der Kalender ist. Wann immer du spielen willst, kannst du spielen. Das ist nicht wie beim Skifahren, wo die Saison vorbei ist, wenn du dich verletzt. Nadal ist zwar verletzt, aber sobald er wieder fit ist, kann er auch wieder spielen.

Eine letzte Frage zu Brasilien: Sie haben hier nicht nur Pelé getroffen, in einer Werbung treten Sie auch mit Fussballstars wie Lucas und Ganso sowie einem Volleyballer auf. Haben Sie diese Leute alle beim Dreh kennen gelernt?
Nein, keinen, das war alles virtuell (lacht). Es war auch für mich komisch. Das war schon in der Werbung mit Tiger (Woods) und Thierry (Henry) so, wir trafen auch nie zusammen. Nun drehten wir meine Szenen in einem Studio in Dubai vor einer Leinwand. So machen sie wohl auch alle Hollywoodfilme – und plötzlich ist ein Alien da. Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, zu sehen, wie das aufgebaut wird, und wenn sie dir erklären, wie ein anderer dir nun die Schuhe putzt oder du mit jemandem abklatschst, obwohl er nicht anwesend ist. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.12.2012, 10:45 Uhr)

Stichworte

Die Begegnung

Um 12 Uhr bittet Roger Federer am Sonntagmittag in São Paulo ins Hotel Tivoli Mofarrej, das sich rühmt, die grösste Präsidentensuite Lateinamerikas zu besitzen. Er hat sich mit Vater Robert, Manager Tony Godsick und Physiotherapeut Stéphane Vivier hier einquartiert, obwohl dies nicht das offizielle Turnierhotel ist. Genau um 12 Uhr kommt er aus dem Lift, er wirkt verschlafen und gibt zu, dass er gerade aufgestanden ist. Wir setzen uns zu zweit in eine Ecke des Bistros, unauffällig bewacht von einer Handvoll Bodyguards, die auch die Lobby kontrollieren.

Federer bestellt Cappuccino, Cornflakes mit Milch sowie Mineralwasser. Er redet sich schnell in Fahrt, kommt fast nicht zum Essen. Als die vereinbarte halbe Stunde vorbei ist, bleibt er sitzen, spricht weiter. Er finde es «läss», dass ein Deutsch- und ein Westschweizer Journalist nach Brasilien gereist seien. «Von diesen Schauturnieren gibt es zu wenige, das ist schade. Man sieht hier eine andere, lockerere Seite von uns. Die Partie gegen Tsonga etwa gehört zu den besten, die es je von mir gab – auch was die Stimmung betrifft.» Um 13 Uhr muss er zum Ibirapuera-Stadion aufbrechen. Der Kellner bittet ihn, die Rechnung zu unterschreiben, doch Federer ruft ihm zu, er solle das für ihn erledigen.

Fünf Stunden später beginnt sein dritter Schaukampf, den er gegen Tommy Haas 6:4, 6:4 gewinnt. «Die Atmosphäre war wunderbar, deshalb zog ich am Schluss brasilianische Fussballkleider an», sagt er danach. Er sei etwas traurig, dass er Brasilien nun bald verlassen müsse, aber freue sich auch auf zwei spielfreie Tage. Am Montag erfüllt er sich einen weiteren Wunsch mit dem Besuch der gewaltigen IguaçuWasserfälle, danach geht die Reise weiter nach Buenos Aires, wo er morgen und am Donnerstag auf Juan Martin Del Potro treffen wird. «Danke für die wunderbare Zeit», sagt er zu den Journalisten, die ihn verabschieden. (rst)

Federers Jahr

6 Titel und für 17 Wochen die Nummer 1

Januar. In Doha muss Federer für den Halbfinal gegen Tsonga zum 2. Mal in seiner Karriere Forfait erklären – der Rücken. Am Australian Open gewinnt er seinen 31. GrandSlam-Viertelfinal in Serie (Rekord), aber im Halbfinal ist Nadal zu stark (7:6, 2:6, 6:7, 4:6).

Februar. Nach 15 Davis-Cup-Siegen in Folge verliert er in Freiburg wieder einmal (gegen Isner). 7 Tage später gewinnt er Rotterdam.

März. In Dubai schlägt er Murray, in Indian Wells Nadal sowie Isner und holt seine Titel 72 und 73. Roddick beendet die Serie in Miami.

April. Federer pausiert, bereitet sich in der Schweiz auf die Sand- und Rasensaison vor.

Mai. In Madrid holt er auf blauem Sand seinen 20. Masters-Serie-Titel und verdrängt Nadal vom 2. Rang. Nach dem Halbfinal-Aus gegen Djokovic in Rom wird er wieder die 3.

Juni. Am French Open verliert er – im Gegensatz zu 2011 – den Halbfinal gegen Djokovic. In Halle erleidet er eine überraschende Finalniederlage gegen Tommy Haas.

Juli. In Wimbledon holt er nach Siegen über Djokovic und Murray seinen 7. Titel, verbessert den Grand-Slam-Rekord auf 17 und wird wieder die Nummer 1.

August. 3:6, 7:6, 19:17 gewinnt er im Olympia-Halbfinal gegen Del Potro das längste Dreisatzspiel der Profi-Ära. Im Final um Gold ist er gegen Murray erschöpft und chancenlos. Zwei Wochen später schlägt er in Cincinnati Djokovic und gewinnt sein 6. Turnier.

September. In New York verpasst er erstmals seit 2003 die Halbfinals (Viertelfinal-Aus gegen Berdych). Zum Davis-Cup-Sieg in Holland steuert er zwei Einzelpunkte bei.

Oktober. Dank dem Halbfinal in Shanghai sichert er sich seine 300. Woche an der Spitze. In Basel verhindert Del Potro in einem packenden Final den Hattrick (4:6, 7:6, 6:7).

November. Im Halbfinal des Londoner ATP-Finals schlägt er Murray, auch diesen Titel-Hattrick verpasst er, mit 6:7, 5:7 gegen Djokovic, der ihn nach seiner 302. Woche wieder als Nummer 1 abgelöst hat. (rst)

Artikel zum Thema

«Turniersiege sind wichtiger als das Ranking»

Roger Federer bekräftigte in Brasilien seine Absicht, 2016 in Rio um Olympiagold zu spielen. Und er erklärte, warum das Tennis für ihn im kommenden Jahr nicht mehr über allem steht. Mehr...

Tennisass Federer als Fussballvirtuose

Roger Federer gewann sein drittes Spiel im Rahmen seiner Exhibition-Tournee in Südamerika. In São Paulo bezwang der Schweizer seinen deutschen Kumpel Tommy Haas 6:4 und 6:4. Mehr...

«Ich sehe mich nicht als Sexsymbol»

Video Im Interview mit einem britischen TV-Sender spricht Roger Federer über seine Wutausbrüche als junger Spieler, die Tücken der Berühmtheit und die Familie als Schlüssel zum Erfolg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Hugo Stamm Der Mythos von der heilen Natur
Politblog Ein falsches Versprechen