«Jetzt bin ich klar im Kopf»
Von René Stauffer, Melbourne. Aktualisiert am 25.01.2012 8 Kommentare
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Es war, als ob Roger Federer in seinem 1000. Match zeigen wollte, was er in den 999 zuvor alles gelernt hatte. Mit einem in zwei Stunden erspielten, makellosen 6:4, 6:3, 6:2 über Juan Martin del Potro (ATP 11) erreichte er zum 30. Mal die Halbfinals eines Majors, zum 9. Mal in Serie in Melbourne. Nun fühlt sich der 16-fache Grand-Slam-Turniersieger, der noch keinen Satz abgegeben hat, in einer optimalen Verfassung für den Halbfinal morgen (9.30 Uhr MEZ), in dem er Rafael Nadal fordern wird. Allerdings liegt er gegen den Weltranglistenzweiten 9:17 zurück, an Grand-Slam-Turnieren sogar 2:7 (wovon fünf Niederlagen in Paris zustande kamen). Gegenüber dem kleinen Grüppchen von Schweizer Reportern gab sich Federer in Melbourne am Dienstagabend dennoch überaus zuversichtlich.
Wie blicken Sie dem Halbfinal gegen Nadal entgegen?
Es ist zwar kein Endspiel, aber ein immens wichtiger Match. Ich habe den Eindruck, dass Nadal in grosser Form ist, es überrascht mich, dass er wieder einmal unter dem Radar durchgeht und nur als vierter Favorit betrachtet wurde. Es ist nichts davon zu sehen, dass er in den letzten fünf Wochen Schulter- und Knieprobleme hatte. Vor einem Jahr war es offensichtlich, dass er Probleme hatte, schon in Abu Dhabi und Doha. Ich erwarte einen komplizierten, körperlich harten Match.
Sie haben gegen ihn die letzten vier Grand-Slam-Duelle verloren, darunter den Melbourne-Final 2009 in fünf Sätzen. Belastet Sie das?
Das wusste ich nicht einmal. Ich schaue vor allem die letzten Partien an, die ich gegen jemanden bestritten habe. In London spielte ich sehr gut (Federer gewann 6:3, 6:0, Red.), aber ich weiss, dass sich ein solcher Match hier nicht wiederholen wird. Ich werde analysieren, was dort gut war und was ich davon auch auf diesem Belag anwenden kann.
Ab den Halbfinals wird nur noch abends gespielt, wenn es kühler und die Bedingungen dadurch langsamer sind. Ein Nachteil für Sie?
Ich weiss es nicht. Auch wenn meine Coaches mich das fragen, sage ich: Ich muss ohnehin alle schlagen, auf äussere Einflüsse darf ich nicht angewiesen sein. So gut muss ich einfach sein, in meinem Alter, mit meinen Erfolgen. Das sehe ich deshalb entspannt. Für Berdych wäre es vielleicht ein Vorteil gewesen, gegen Nadal am Tag zu spielen, aber bei mir ist das nicht entscheidend. Wichtig ist, dass ich mental gut eingestellt und körperlich bereit bin für alles, was kommen könnte.
Ist es ein Vorteil, dass Sie die letzte Begegnung gewonnen haben?
Auf jeden Fall. Ich gehe viel zuversichtlicher in ein Spiel, fühle mich besser und mache mir keine Sorgen, dass es nicht laufen könnte. Jetzt bin ich klar im Kopf. Das ist enorm wichtig in der Vorbereitung, auch im Hinblick auf den Tag und die Stunden vor dem Match. Es stört, wenn du dich immer wieder fragst, wie du spielen sollst.
Haben Sie das Gefühl, wieder das gleich hohe Niveau zu haben wie Ende 2011?
Ja. Die zwei Partien gegen Tomic und Del Potro waren sehr gut. Ich spüre, dass ich viel Selbstvertrauen habe, fühle mich gut an der Grundlinie, bewege mich gut. Ich habe zwar immer noch Muskelkater vom Match gegen Tomic. Das war auch der erste richtige Ernstkampf in diesem Jahr, in dem ich an der Grundlinie hart arbeiten musste. Deshalb bin ich froh, gegen Del Potro ohne weitere Probleme durchgekommen zu sein. Ich habe vor dem Halbfinal fast zwei Tage Zeit und werde topfit sein.
Del Potro kühlte sich mit Eis, schien Mühe mit der Hitze von bis 35 Grad zu haben. Und Sie?
Ich bin der Spieler in den Top 10, der am wenigsten schwitzt, deshalb muss ich mich auch nicht so stark kühlen. Es war aber nicht so heiss, dass ich das Gefühl hatte zu schmelzen.
Wie aufregend ist es für Sie nach allen Erfolgen noch, einen solchen Halbfinal zu bestreiten?
Es ist immer noch speziell. Aber manchmal ist man vor der zweiten Runde nervöser als vor einem Halbfinal. Vor dem Spiel gegen Tomic war ich extrem angespannt, vor dem Viertelfinal viel entspannter. Ich spürte, dass ich gegen Del Potro befreiter spielen konnte, weil ich wusste, dass ich richtig im Turnier bin. Zwei Tage vorher war das anders.
Obwohl Sie keinen Satz abgegeben hatten?
In den ersten drei Runden hatte ich keinen Rhythmus erhalten, zumal ich gegen Karlovic spielte und einmal forfait gewann. So gesehen, sollte es jetzt einfacher werden. Andererseits werden die Gegner viel stärker, ich muss mehr laufen, die Athletik wird wichtiger. Aber davor habe ich keine Angst, das habe ich schon oft erlebt. Ich freue mich auf so grosse Partien, denn dafür trainiere ich auch hart. Es ist zudem gut, zu wissen, dass ich vor dem Final zwei spielfreie Tage hätte. Ich weiss, dass ich voll gehen, nichts zurückhalten muss. Aber, gut: Ein Match nach dem anderen ... (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.01.2012, 07:53 Uhr
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