Leningrad – Kosice – Melbourne, einfach

Eine Begegnung im Medienzentrum des Melbourne Park, einem Schmelztiegel der Nationen.

Spricht acht Sprachen: Der slowakische Sportreporter Andrej.

Spricht acht Sprachen: Der slowakische Sportreporter Andrej. Bild: Keystone

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Ihnen kann ich es ja sagen: Die Gespräche und Diskussionen unter Journalisten im Medienzentrum der Rod-Laver-Arena sind oft prickelnder und abwechslungsreicher als das monotone Frage-Antwort-Spiel im Interviewraum. Und weil wir Schweizer - anders als in Roland Garros, Wimbledon und Flushing Meadows - im ganzen Saal verteilt sind, sitze ich diesmal zwischen einem Argentinier und einem Slowaken, die kaum gegensätzlicher sein könnten.

Während der Argentinier stumm Text um Text in die weite Welt entsendet, den Kopfhörer übergestülpt, eine lebende Schreibmaschine, ist Andrej der Prototyp des Radioreporters, eine Mann gewordene Sprechmaschine. Unaufhörlich sprudelt es aus ihm heraus, wenn er nicht gerade mit seinem Mikrofon von Interview zu Interview stürmt, denn er befragt praktisch alle osteuropäischen Spieler und Coaches. Er spricht acht Sprachen – Slowakisch, Tschechisch, Russisch, Ungarisch, Polnisch, Kroatisch, Deutsch und Englisch, denn er wohnt ja in Melbourne. Seine Arbeitgeber sind das aus Australien operierende multinationale Radioprogramm SBS, dazu füllt er täglich eine Seite in der slowakischen Zeitung SME.

Weil er so gerne spricht, weiss ich nicht nur, dass sein Götti ein Onkel von Martina Hingis ist, sondern kenne seine ganze Lebensgeschichte. Und, glauben Sie mir: Sie ergäbe ein spannendes Buch. Wie er sich als Sechsjähriger entschied, Sportreporter zu werden – weil er im Jahr 1962 in Kosice zur Welt gekommen war, als die Tschechslowakei an der Fussball-WM in Chile erst im Final gegen Brasilien verlor. Wie er mit 18 zum Leid seiner Mutter ins kalte Leningrad zog, um fünf Jahre lang Journalismus zu studieren. Wie er später zurückkam, für die staatlich kontrollierte slowakische Zeitung «Pravda» arbeitete und über Eishockey, Gymnastik und Tennis schrieb, das als kapitalistische Sportart aber verpönt war – obwohl viele in der CSSR geborene Stars wie Martina Navratilova, Hana Mandlikova und Ivan Lendl in ihrer Blüte standen.

Andrejs goldene Nase mit Mecir

Wie Andrej Grenzen auslotete. Wie er 1980 von Leningrad aus illegal 40 Stunden im Zug an die Grenze zur Slowakei reiste, um in einem Hotel TV-Bilder des Davis-Cup-Finals zwischen der CSSR und Italien (4:1) empfangen zu können. Wie er Jahre danach spätabends, als die Redaktion verlassen war, eine Zeitungsseite leerräumte, um ein Interview mit dem aufstrebenden Miloslav Mecir ins Blatt zu rücken, unzensiert. Wie ihm dies beinahe den Job gekostet hätte, doch kurz darauf wurde Mecir Olympiasieger, und 1989 kam die «samtene Revolution», die alles veränderte und zum Ende der CSSR führte.

Dann würde wohl das Kapitel folgen, wie Andrej endlich reisen durfte, von Grand-Slam zu Grand-Slam, auf den Spuren Lendls; wie er sich 1996 entschloss, nach Australien auszuwandern, wegen des Klimas, des Geldes, der Politik, des Sports. Wie er dort mit seiner Frau und den zwei Söhnen Mühe hatte, einen Job zu finden und sich über Wasser zu halten. Wie er statt als Journalist im Casino arbeiten musste, in der Gästebetreuung, wie er später in die Tourismusbranche wechselte. Wie seine Frau unter der Situation litt, bis sie freiwillig aus dem Leben schied. Wie er sich vier Jahre mit seinen Söhnen alleine durchboxen musste. Wie sich dann eine slowakische Untermieterin bei ihm in Melbourne einquartierte, wie sie zu seiner zweiten Frau wurde, mit der er inzwischen drei weitere Kinder hat.

Bestimmt, es gäbe ein gutes Buch. Auch ein Schlusswort hätte ich schon, ein Zitat von Andrej: «Ich habe viel verloren - meine Frau, meine Familie in der Slowakei, das Eishockey. Aber alles im Leben geschieht aus einem Grund, und ich habe gelernt, in allem das Positive zu sehen. Immerhin habe ich dafür nochmals drei Kinder bekommen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2013, 16:30 Uhr)

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