Novak Djokovic, der Meister des Zermürbens
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Rafael Nadal ist noch immer die unangefochtene Nummer 1 der Weltrangliste, er hat seinen Vorsprung sogar noch ausgebaut – auf 4425 Punkte, mehr als den Gegenwert von zwei Grand-Slam-Titeln. Roger Federer ist der Rekordsieger, immer noch Nadals erster Verfolger und der Akteur mit dem breitesten spielerischen Repertoire. Doch der Mann der Stunde heisst Novak Djokovic. Im Dezember führte der flinke 23-Jährige Serbien in Belgrad zum ersten Davis-Cup-Triumph, zwei Monate danach errang er nun in Melbourne seinen zweiten Major-Titel.
Klub der «One Slam Wonder»
Bei seinem ersten Streich am YarraRiver 2008 hatte er noch von der Schwäche Federers nach dem Pfeiffer’schen Drüsenfieber profitiert und davon, dass Nadal noch nicht das Spiel hatte für Grand-Slam-Erfolge auf Hartplatz. Diesmal gibt es nichts zu mäkeln an seinem Sieg. Wer Federer und Murray ohne Satzverlust schlägt, ist ein wahrer Champion. Er hätte in seiner Form wohl auch einen fitten Nadal besiegt, der im US-Open-Endspiel letzten Jahres noch davon profitiert hatte, dass sich Djokovic nicht recht von seinem Marathonsieg über Federer hatte erholen können.
Fast die Hälfte der Major-Sieger in der Profiära (seit 1968) haben nur ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, Djokovic ist nun aus dem Klub der «One Slam Wonder» ausgetreten. Und die Chancen stehen gut, dass er seine Kollektion um weitere grosse Titel erweitern wird. Jahrelang war er Federer und Nadal hinterhergelaufen, manchmal witzelte er, er sei zur falschen Zeit geboren, doch er liess sich dadurch nicht entmutigen, sondern inspirieren. Keiner hat im letzten halben Jahr solch grosse Fortschritte gemacht wie Djokovic, er spielt jetzt auf Augenhöhe mit den Top 2 – zumindest, was Matches auf Hartplatz angeht, auf der Unterlage, die am meisten verbreitet ist.
Allrounder ohne ausgeprägte Stärke
Federer hatte sich nach den ersten Duellen mit Djokovic nicht besonders beeindruckt von diesem gezeigt. Er kam ihm damals vor wie ein Allrounder ohne ausgeprägte Stärke. Das stimmt noch immer. Der Serbe hat keinen Paradeschlag wie Nadals extrem überrissene Vorhand und nicht die Kreativität von Federer, aber er hat eben auch keine Schwäche. Und er hat sich, was die Athletik angeht, wohl sogar vor Nadal und Federer geschoben.
Er treibt seine Gegner mit seinen Defensivkünsten zur Verzweiflung – er ist der Meister des Zermürbens geworden. Beeindruckend war in Halbfinal und Final nicht die Zahl seiner Gewinnschläge, sondern jene an unerzwungenen Fehlern, zu denen sich Federer und Murray in nur drei Sätzen verleiten liessen: 44 und 47.
Die Nummer 1 als Motivationsspritze
Von einer Wachablösung zu sprechen, ist nach dem Australian Open verfrüht. Aber Djokovic hat sich nun in den Kreis von Federer und Nadal gespielt. Aus dem Zweikampf dürfte in dieser Saison ein Dreikampf werden. Das erklärte Ziel des Serben, der mit jedem Sieg mehr Motivation zu schöpfen scheint, ist die Nummer 1. Er hat nun vorgelegt und viel weniger Punkte zu verteidigen als seine beiden grossen Konkurrenten.
Und so emotionell für ihn der gestrige Triumph war, aus Respekt vor dem bitter enttäuschten Murray feierte Djokovic auf dem Court nicht überschwänglich. Auch, was das Auftreten betrifft, zeigte er sich als würdiger Champion. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.01.2011, 19:15 Uhr

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