«Roger und ich verstehen uns, sind aber keine Freunde»

Rafael Nadal erklärt, warum ihn Federers Paris-Sieg 2009 berührte, was er vom Davis-Cup hält und wie seine Familienpläne aussehen.

Nachdenklich, ehrlich, ängstlich, aber immer noch voller Kampfeswillen: Der angeschlagene Rafael Nadal vor seinem Comeback am Basler Turnier. Foto: Sophie Stieger

Nachdenklich, ehrlich, ängstlich, aber immer noch voller Kampfeswillen: Der angeschlagene Rafael Nadal vor seinem Comeback am Basler Turnier. Foto: Sophie Stieger

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Rafael Nadal wirkt am Sonntagmittag ­etwas abgekämpft, als er in diesem kleinen, fensterlosen Büro in den Katakomben der St.-Jakobs-Halle zum Interview erscheint. Er nimmt seinen ersten Start seit zehn Jahren in Basel ernst, ist mit Onkel und Coach Toni und seiner Freundin Xisca Perello am Freitag angereist und trainiert seit seiner Ankunft hart.

Im Gespräch gibt er sich offen, wirkt sehr konzentriert. Er bekennt, dass sein Körper angeschlagen ist nach einer Blinddarmentzündung und einer starken Antibiotikakur. Und er gibt zu, dass er ­Respekt, sogar etwas Angst hat vor diesem ersten Auftritt heute Abend gegen Simone Bolelli (ab 18.30 Uhr). Das Vertrauen in seinen Körper, der ihn oft im Stich gelassen hat, fehlt. Aber nicht der ­Optimismus und die Zuversicht, 2015 wieder in Bestform zu kommen.

Wie fühlen Sie sich vor Basel?
Müder als sonst. Ich musste wegen der Entzündung meines Blinddarms die letzten eineinhalb Wochen viel Antibiotika nehmen und habe etwas Angst ­davor, wie mein Körper im Wettkampf reagiert. Training und Match sind immer verschieden, und ich habe auch nicht genügend trainiert. Es kam schon vor, dass ich nach Antibiotikakuren krank wurde oder mich erneut verletzte. Ich hoffe ­einfach, dass ich am Montag wettkampffähig bin. Ich nehme Tag für Tag.

Treten Sie hier an, weil Sie sich verpflichtet fühlten, nachdem Sie schon dreimal abgesagt hatten?
In der Woche, in der Basel stattfindet, bestritt ich lange kein Turnier. Ich dachte dann, dass mir ein zusätzliches Hallenturnier vor dem ATP-Finale ­nützen würde. Leider ging mein Plan bisher nicht auf. Letztes Jahr musste ich Basel auslassen, und auch jetzt ist meine ­Situation nicht optimal. Aber ich wollte nicht zwei Jahre in Folge absagen.

Wie gross ist die Chance, dass Sie nach Basel auch in Paris-Bercy und London spielen?
Keine Ahnung. Ich werde nach Basel mit den Ärzten sprechen und schauen, wie ich mich fühle. An Paris oder London denke ich jetzt nicht, nach allem, was zuletzt passiert ist. Fest steht, dass ich mich noch vor Ende des Jahres operieren lassen werde, denn ich möchte ­gesund und fit ins neue Jahr starten.

War 2014 eines Ihrer schwierigsten Jahre mit all Ihren Verletzungen?
Es war ein gutes Jahr, wenn ich spielen konnte, mit einem Grand-Slam-Titel, einem weiteren Major-Final und einigen Turniersiegen. Aber was in Australien im Final geschah, war für mich schwer zu akzeptieren. Nicht die Niederlage, sondern dass ich nicht konkurrenzfähig war, nachdem ich so lange dafür gearbeitet hatte (er spricht die Rückenprobleme an, die ihn gegen Wawrinka einschränkten). In der Vorbereitung auf die Hartplatzsaison passierte dann das mit dem Handgelenk, riss die Sehne an. Insgesamt war es kein schreckliches Jahr, obwohl ich das US Open verpasste und das Australian Open nicht gut be­enden konnte. Aber glücklich kann ich nicht sein, weil ich so lange ausfiel.

Sie sind oft verletzt, scheinen dies aber gut akzeptieren zu können. Haben Sie das mit der Zeit gelernt?
Ich bin ein positiver Mensch, und Verletzungen gehören zu einer Sportler­karriere. Einige haben mehr davon, ­andere weniger. Ich hatte etwas weniger Glück, verpasste auch einige wichtige Turniere. Trotzdem war ich zehn, elf Jahre in Folge weit oben klassiert. Nun muss ich mich von dieser Verletzung ­erholen, wieder zu meiner Bestform ­finden. Das bedeutet viel Arbeit.

Wenn Sie Roger Federer anschauen, der mit 33 wieder fit ist und spielt wie mit 25, denken Sie da nicht: Das ist unfair?
Nein, das ist nicht unfair. Jeder hat ­positive und negative Sachen. Auch er hatte Rückenprobleme, allerdings erst in ­hohem Alter.

Überlegen Sie sich manchmal, wie viele Jahre Ihnen noch bleiben im Tennis?
Alles hat einen Anfang und ein Ende. Darum sorge ich mich nicht gross. Wenn der Tag kommt, kommt er. Wenn ich den inneren Antrieb nicht mehr spüre, um zu kämpfen, zu leiden, täglich zu trainieren, um zurückzukehren, die Schmerzen zu ertragen, die ich normalerweise habe, ist der Tag gekommen. Dann werde ich andere Dinge tun. Dann gehe ich halt fischen in Mallorca. Das ist auch nicht schlecht.

Waren Sie diesem Punkt schon nahe?
Manche Momente sind schon hart. Zum Beispiel, was 2012 nach Paris geschah, ich wegen meiner Knieverletzung bis ­Februar 2013 pausieren musste. Aber ich kam mit positiver Energie zurück und spielte grossartig. Es stimmt, auch jetzt ist es hart für mich, nach drei, vier ­Monaten Pause zurückzukehren und nun wegen dieser Blinddarmentzündung wieder bei null zu beginnen. Aber ich bin sehr motiviert, um wieder mein bestes Niveau zu erreichen. Nicht dieses Jahr, das ist ja fast vorüber, aber 2015.

Sie bestritten gegen Roger Federer acht Grand-Slam-Finals, den letzten 2011 in Paris. Denken Sie, dass wir noch weitere erleben werden?
Wir spielten dieses Jahr am Australian Open im Halbfinal gegeneinander, ­waren also nicht weit weg davon. Aber man weiss nie, was passieren wird.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie viel über Ihre Beziehung zu Federer. Denken Sie, dass Sie sich zu ­besseren Spielern gemacht haben?
Es gab immer Rivalen während einer Karriere, und Roger war lange Zeit mein wichtigster. Aber nicht die Rivalen ­machen einen besser, sondern die ­eigene Motivation. Ich habe immer ­dafür gearbeitet, ein besserer Spieler zu werden, auf allen Belägen.

Was treibt Sie an? Rekorde zu ­brechen? Weitere Grand-Slam-­Turniere zu gewinnen?
Das Wichtigste für mich ist, glücklich zu sein und den Wettkampf zu geniessen. Meine Motivation ist es, konkurrenz­fähig zu sein, die Momente des Kampfs auszukosten. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Das ist Sport. Wenn ich gesund bin, gut trainieren und um die grossen Titel mitspielen kann, bin ich happy.

Verfolgen Sie die Diskussionen, wer der grösste Tennisspieler sei? Sie, Federer oder jemand aus der Vergangenheit? Was ist Ihre Ansicht?
Es ist schwierig, darüber zu spekulieren, so lange unsere Karrieren noch nicht abgeschlossen sind. Aber meiner Meinung nach spricht viel dafür, dass Rod Laver der Beste der Geschichte ist. Er gewann den Kalender-Grand-Slam, wechselte zu den Profis und gewann den Grand Slam nach einer langen Pause nochmals. Das ist grossartig. Wenn er nicht Profi geworden wäre, hätte er bestimmt mehr ­Majors gewonnen als ich und wahrscheinlich auch als Roger. Auf jeden Fall muss Laver auch berücksichtigt werden in dieser ­Diskussion. Roger hat am meisten Grand Slams gewonnen und viele Rekorde gebrochen, er gehört sicher dazu.

Aber er verlor 23-mal gegen Sie.
Das stimmt. Das müssen wir auch in die Waagschale werfen. Aber ich finde nicht, dass es momentan der entscheidende Faktor ist. Dafür hat er meiner Meinung nach zu viel erreicht. Vielleicht wird das entscheidend, wenn ich ihm nach Major-Siegen noch näher rücke. Aber 14 oder 17 Grand-Slam-Titel ist ein ­bedeutender ­Unterschied. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es keine Frage, dass er als grösserer ­Spieler gelten muss als ich.

Wie wichtig ist es für ihn, den Davis-Cup zu gewinnen?
Ich weiss nicht. Es war für ihn lange nicht so wichtig, sonst hätte er öfter ­gespielt. Ich weiss nicht, ob es für ihn nun eine Priorität geworden ist.

Er trainierte letzte Woche auf Sand im Hinblick auf den Davis-Cup-Final.
Okay, dann scheint es für ihn eine ­Priorität geworden zu sein. Aber ich weiss nicht, wie wichtig der Davis-Cup heute noch ist. Natürlich ist es schön, ihn zu gewinnen. Aber der Wettbewerb hat sich nicht zum Positiven entwickelt. Viele gute Spieler sind nicht ­regelmässig dabei. Dadurch hat der ­Davis-Cup in meinen Augen an Wert verloren. Wenn am ­Australian Open plötzlich nicht mehr die versammelte Weltspitze teilnehmen würde, wäre es auch nicht mehr so ­bedeutend. Und das ist passiert mit dem Davis-Cup. Das sage ich, der ihn viermal ­gewonnen hat.

Sie sagten diesen Sommer, als Sie 2009 verfolgt hätten, wie Federer das French Open gewann, hätten Sie geweint vor Rührung. Können Sie das ausführen?
Ich weinte nicht, aber es war emotional für mich. Ich fand, er hatte es verdient, nachdem er in Paris 2005, 06, 07 und 08 gegen mich verloren hatte. Ich bin nicht einer, der hofft, dass seine Rivalen jedesmal verlieren. Ich glaube daran, dass ich auch davon profitiere, wenn meine ­Rivalen besser werden. Wir kreieren ­Interesse fürs Tennis, brechen Rekorde. Als Roger in Paris siegte, hatte er damit alle Grand Slams gewonnen. Das ist eine wichtige Sache. Und wenn ich mich mit einem Spieler duelliere, der alles gewonnen hat, wertet das auch meine Leistung auf. Nicht? Ich finde es wunderbar, wenn jemand belohnt wird, der lange auf ein Ziel hingearbeitet hat. ­Roger war in Paris dem Sieg mehrmals so nahe gekommen, hatte bis zum letzten Tag gut gespielt, aber dann fehlte ihm ein paar Mal das nötige Glück. Es war fair, dass er 2009 gewann. Er verdiente es, und ich war wirklich sehr glücklich für ihn.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu ihm bezeichnen?
Wir verstehen uns gut. Aber wir sind keine Freunde. Nicht, weil wir Rivalen sind. Sondern, weil meine Freunde aus Mallorca sind. Freunde sind jene ­Menschen, die Tag für Tag an deinem Leben teilnehmen. Mit denen man stets in ­Kontakt ist. Aber ich hatte immer eine gute Beziehung zu Roger, hatte stets grossen Respekt für ihn. Und er für mich. Wir bewirkten auch viele positive Dinge zusammen, beispielsweise mit den Schaukämpfen auf der ganzen Welt für unsere Stiftungen. Ich hoffe, wir werden auch über ­unsere Karrieren hinaus diese gute Beziehung bewahren.

2014 gab es mit Stan Wawrinka und Marin Cilic zwei neue Grand-Slam-Champions. Könnte dies der Vorbote einer Wachablösung sein?
Was die letzten acht, neun Jahre war, dass die gleichen drei, vier Spieler alle grossen Titel untereinander ausmachten, kann nicht auf ewig sein. Und das wird es wohl nie mehr geben. Es ist gut fürs Tennis, dass es neue Champions gibt, die Fans neue Gesichter sehen. Auch wenn die Rivalitäten zwischen Roger, Djokovic, Andy und mir dem Tennis viel Aufmerksamkeit verschafft haben. Das war gut. Aber nach einer gewissen Zeit ist auch gut, neue Sieger zu sehen.

Hat es Sie überrascht, dass Federer in diesem Jahr von Rang 8 auf 2 zurückgekehrt ist?
Nein. Wieso auch? Er hat gut gespielt in den grossen Turnieren, viele Finals erreicht. Und es ist logisch, dass er mich überholt hat, weil ich mehr oder weniger die Hälfte der Saison verpasst habe. Wenn Roger fit ist und gut spielt, ist er einer der Besten. Keine Frage.

Federer ist schon vierfacher Vater, Novak Djokovic wird bald Vater. Ist das auch etwas, das Sie sich wünschen?
Ja, natürlich. Ich liebe Kinder und will auf jeden Fall eine eigene Familie ­gründen. Aber jeder hat sein eigenes ­Timing. ­Meines ist, dass ich erst nach meiner Karriere Kinder möchte. Aber natürlich kann man die Zukunft nie ­voraussehen (schmunzelt).

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.10.2014, 06:52 Uhr)

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