«Söderling hat Federer dank Selbsthypnose bezwungen»
Von Alexander Kühn. Aktualisiert am 02.06.2010
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«Ausnahmeathleten wie Söderling, aber natürlich auch Federer, sind auf ihrem Leistungszenit in der Lage, sich in eine Art Selbsthypnose zu versetzen», erklärt Wipf, der erfolgreich mit den Handballern von Cupsieger Pfadi Winterthur zusammenarbeitet. «An den Grand-Slam-Turnieren sind die Spieler einem enormen Rummel ausgesetzt. Viele belastet das, Söderling zieht daraus offensichtlich zusätzliche Kraft. Und er kann in eine eigene Welt abtauchen, in der es nur ihn und jenen Ball gibt, den er gerade schlagen muss.»
Dies erklärt, warum Federer trotz einer alles andere als enttäuschenden Vorstellung gegen seinen letztjährigen Finalgegner im 13. Duell erstmals auf verlorenem Posten stand. Zuweilen wirkte der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte sogar regelrecht verloren. «Nach dem Gewinn des zweiten Satzes habe ich mich innerlich entspannt und darauf besser und besser gespielt», schildert Söderling seinen persönlichen Eindruck. «Robin hat unter schwierigen Bedingungen bis zum Ende atemberaubendes Tennis gespielt», lobte Federer den Schweden.
Die Angst steckt noch in Nadal drin
Die Zuschauer auf den Rängen des Court Philippe Chatrier fühlten sich stark ans vergangene Jahr erinnert, als Söderling den bis dahin in Roland Garros ungeschlagenen Rafael Nadal mit seiner Wucht und Präzision regelrecht überrollt hatte. Auffällig war auch die Gleichmut, mit der Söderling auf die Buhrufe des Publikums reagierte. «Ich merke gar nicht, was dort vor sich geht, und ausserdem spiele ich für mich und nicht für irgendwelche Fans», so sein lapidarer Kommentar.
Experten und Buchmacher glauben nun fest an einen Final zwischen Söderling und Nadal. Sport-Hypnotiseur Wipf räumt Söderling für das allfällige Aufeinandertreffen gute Chancen ein, obwohl Nadal vor Paris alle drei Masters-1000-Turniere auf Sand gewinnen konnte. Die Angst, sich erneut Knieprobleme einzuhandeln, habe den Körper und den Geist des Spaniers noch nicht verlassen. Nadal brauche nicht glatte Siege, um wieder ganz der Alte zu werden, sondern hart erkämpfte Triumphe über fünf Sätze, in denen er seinen Körper über das Limit pushen muss. «Erst wenn ich mich mehrmals extrem geschunden und gesehen habe, dass mein Körper hält, bin ich beruhigt», bekannte Nadal im April selbst. Nach seinem Viertelfinal-Einzug am French Open betonte «Rafa», er wisse noch nicht genau, wie es um seine psychische Stärke bestellt sei.
Gedanken an Daniel Albrecht
Wipf kennt die psychologische Problematik körperlich überstandener Verletzungen bestens. «Ein Athlet, der sich nach einer schweren Verletzung vor einem Rückfall fürchtet, bewegt sich oft gehemmt und befürchtet, wenn auch nur im Unterbewusstsein, eine neuerliche Verletzung», führt er aus. Dies führe zu unnatürlichen Bewegungsabläufen und einseitigen Belastungen. Somit werde die Gefahr vor erneuten Verletzungen automatisch grösser und die Leistung leide.
Was aber lässt sich dagegen tun? «Der Sportler muss die Situation, vor der er sich fürchtet, in tiefer Hypnose im Kopf so lange durchspielen, bis er sie unbeschadet übersteht. Dann ist er auch ohne das tatsächliche Aha-Erlebnis auf dem Platz wiederhergestellt», erklärt Wipf.
Je länger ein Sportler bereits mit der Angst gelebt habe, desto grösser sei der Aufwand, ihm zu helfen. Deshalb glaubt Wipf auch nicht, dass der im Januar 2009 schwer verunfallte Daniel Albrecht noch einmal ein Comeback im Ski-Weltcup geben kann, ohne dass der mentale Teil zu 100 Prozent wieder sitzt: «Während er im künstlichen Koma lag, ist sehr viel wertvolle Zeit verstrichen. Der negative Energiefluss hat sich im Körper und im Unterbewusstsein festgesetzt und sollte mittels tiefer Hypnose korrigiert werden können.»
«Hypnose ist kein Allheilmittel»
Trotz aller Begeisterung für sein Metier sieht Wipf die Hypnose nicht als Allheilmittel, sondern als sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin. «Obwohl jeder Mensch hypnotisierbar ist, kann ich niemanden gegen seinen Willen hypnotisieren», erklärt er. «Die Bereitschaft eines Patienten ist für mich unabdingbar.» Die althergebrachte Praxis, den Zustand der Hypnose mittels progressiven, langwierigen und oft zögerlichen Methoden zu erreichen, lehnt Wipf ab: «Da läuft man Gefahr, dass der Patient einschläft, und dann ist er definitiv nicht mehr aufnahmefähig. Vor allem Sportler profitieren von den direkten und schnellen Methoden. Ich klopfe einem Handballer in einer Hypnosesitzung schon mal kräftig auf die Brust und fordere eine direkte Mitarbeit.»
Wipf versucht vielmehr mittels eines «effizienten Vorgehens», den Schwebezustand zwischen Bewusst- und Unterbewusstsein zu erreichen, der den Therapieerfolg ermöglicht. Blitz- oder Schnellhypnose nennt er diese Methode. «Nach der ersten Sitzung braucht es oft nur noch Sekundenbruchteile, bis der Sportler wieder in Hypnose ist, und somit habe ich viel mehr Zeit für die eigentliche Therapie, denn aus diesem Grund kommen die Kunden zu mir und nicht wegen der Hypnose an- und für sich», betont er. «Die meisten Athleten und Teams, die ich betreue, erlernen bei mir die Selbsthypnose, so dass sie sich später in anderen Situationen selber helfen können und auch keine Abhängigkeiten zum Therapeuten entstehen, wie dies oft der Fall ist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.06.2010, 12:29 Uhr

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