«Wahnsinn, schon wieder einer»
Von René Stauffer, Melbourne. Aktualisiert am 02.02.2010
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South African Airways ATP Weltrangliste
| R | Name | P | |
|---|---|---|---|
| 1. | ![]() | Novak Djokovic | 11800 |
| 2. | ![]() | Rafael Nadal | 10060 |
| 3. | ![]() | Roger Federer | 9790 |
| 4. | ![]() | Andy Murray | 7500 |
| 5. | ![]() | Jo-wilfried Tsonga | 4965 |
| 6. | ![]() | David Ferrer | 4640 |
| 7. | ![]() | Tomas Berdych | 4500 |
| 8. | ![]() | Janko Tipsarevic | 3010 |
| 9. | ![]() | Juan Martin Del Potro | 2910 |
| 10. | ![]() | Mardy Fish | 2625 |
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Roger Federer hatte es nach dem vierten Australian-Open-Sieg nicht eilig, Melbourne zu verlassen. Bis zum Sonnenaufgang hatte er mit seinen Leuten, rund 30 Personen, gefeiert und gut gegessen, später las er die Zeitungen. Nach kurzem Schlaf folgten um 12 Uhr TV- und Fototermin am Yarra River. Danach ging es zurück in den Melbourne Park. Im Gärtchen vor der Players Lounge sprach er bei strahlender Sonne noch einmal mit einigen Medienvertretern - zuerst mit einem Dutzend Engländer, dann mit einigen französischsprachigen Reportern, am Ende war er mit drei Deutschschweizer Journalisten allein. Er wirkte so zufrieden und mit sich im Reinen, dass ihn ein Franzose fragte: «Ist das der glücklichste Tag in Ihrem Leben?»
Der Tag danach
«Man fühlt sich grossartig am Tag nach einem solchen Sieg. Zufrieden, locker. In Australien ist ohnehin alles sehr entspannt. Die Familie verstärkt die schönen Gefühle noch. Ich bin dort, wo ich vor ein paar Wochen gehofft hatte hinzukommen. Ich will gar nicht weit vorausblicken. Ich spiele gut, habe Spass am Tennis. Aber es ist schon schwierig, immer wieder solche Leistungen zu bringen. Die Wettkämpfe sind hart, körperlich anspruchsvoll. Das war ein grosser Sieg, deshalb will ich den Moment geniessen. Paris und Wimbledon sind weit weg, eins nach dem anderen. Aber es ist schon verrückt: Vor einem Jahr verlor ich hier gegen Nadal im Final, seither sind bei mir zwei Mädchen und drei Grand-Slam-Titel dazugekommen.»
Der Körper
«Ich bin zwar müde, aber doch überrascht, wie gut ich mich fühle. Ich kenne meinen Körper inzwischen sehr gut, denn ich habe solche Situationen schon oft erlebt. Ich bin weniger erschöpft als auch schon. Ich kann mich erinnern, dass es Tage gab, an denen ich kaum aus dem Bett kam. An denen ich den Off-Schalter drückte und sagte: Zwei Wochen läuft jetzt gar nichts, zuerst muss ich mich erholen. Ich fühle mich noch frisch und könnte morgen problemlos Skifahren gehen.»
Die Familie
«Es ist anders und fantastisch, die Familie dabei zu haben. Ich möchte es nicht mehr anders haben. Manchmal denke ich, ich hätte schon früher eine eigene Familie haben sollen, es macht so viel Spass. Die Babys sind so gut im Moment - ich weiss aber, dass auch härtere Zeiten kommen werden. Wir geniessen es. Es gelang mir schon immer gut, das Tennis vom Rest meines Lebens zu trennen. Nun ist es noch intensiver. Ich bin froh, dass wir es managen können, dass wir Spass haben und es Mirka leicht fällt, mich mit den Kindern zu begleiten. Das hilft mit, dass ich auf dem Court meine innere Ruhe finde.»
Die Formkurve
«Ich bin über die Jahre insgesamt stärker geworden. Von 2004 bis 2007 spielte ich unglaublich - und am besten vielleicht Ende 2007, im Training, bevor ich krank wurde. Aber manchmal gewinnst du an einem Tag die wichtigen Punkte nicht, obwohl du gleich gut spielst wie sonst, und dann fehlt dir halt eine Trophäe. 2008/09 bewegte ich mich nicht optimal, aber das ist nun vorbei. Meine Rückhand ist, wie ich sie haben möchte, auch meine Vorhand ist wieder zurück. Sie litt auch darunter, dass ich mich nicht mehr so gut bewegte. Zudem musste ich zu viel riskieren, weil ich zu wenig gut in der Defensive war. Nun ist es für mich wieder viel einfacher zu spielen, und auch das Vertrauen ist wieder da.»
Das Umfeld
«Es war eine grosse Lektion in meinem Leben, als ich 2004 und 2005 kein Management im Rücken und keinen Coach hatte. Was ich machte, war im Rückblick verrückt, ich würde es niemandem empfehlen. Aber ich lernte viel. Zusammen mit Mirka und meinen Eltern machten wir alles allein, ich war auf und neben dem Court sehr gefordert. Mein Leben ist jetzt viel einfacher, alles ist an seinem Platz. Auch Seve (Lüthi, der Coach) ist eine grosse Hilfe. Wir sprachen oft darüber, wie wir trainieren müssen, damit ich mich verbessere. Wir haben die gleichen Ansichten, entwickelten Pläne, um aus dem Tief zu kommen. Dass es uns gelungen ist, ist schön - vor allem für Seve. Ich glaubte an ihn, auch in den schwierigen Zeiten, als viele sagten, ich müsse etwas ändern. Ich sagte, glaubt mir, ich weiss, dass ich das Richtige tue. Und ich bekam Recht. Ich gewann Paris, Wimbledon, stand im US-Open-Final und siegte nun hier. Immer mit Seve in meiner Ecke. Zudem ist er mein Freund und der Davis-Cup-Captain.»
Die Reaktionen
«Die meisten Leute haben inzwischen verstanden, dass es nicht so einfach ist, immer zu gewinnen. Früher war jeder Satz, den ich verlor, ein Ereignis. Nun wird das etwas entspannter betrachtet. Obschon, vor einer Woche sagten noch viele, Federer sei noch nicht der Alte, er werde Melbourne wohl nicht gewinnen. Für mich ist es nicht so wichtig, wie ich am Anfang eines Turniers spiele. Die Wahrheit kommt bei den wichtigen Spielen gegen die Stärksten ans Licht, nicht in der ersten Runde. Auf meiner Homepage wurden die Fans zwischendurch auch schon skeptisch und fragten: Was hat er noch übrig? Das ist jetzt vorbei - dank Paris, Wimbledon und Melbourne. Für meine Freunde und mich selber ist das Gefühl eher: Wahnsinn, jetzt hast du schon wieder einen. Klar, Paris und Wimbledon 2009 werden immer einen speziellen Platz haben - erstmals das French Open, dann der Grand-Slam-Rekord. Da wurde so viel Geschichte geschrieben. Hier in Melbourne habe ich wieder gezeigt, dass ich die Nummer 1 bin, alle schlagen kann. Das freut viele. In der Schweiz habe ich ohnehin immer ein unheimliches Echo, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Es ist beeindruckend, wie sich die Leute freuen, wie viele Sympathien ich da habe.»
Äthiopien
«Für mich geht es nun zurück in die Schweiz, dann nach Dubai zum Training. Dort spiele ich ab dem 22. Februar auch mein nächstes Turnier. Für ein richtiges Aufbautraining bleibt keine Zeit, weil ich mich ja auch noch erholen muss. Aber sieben bis neun Trainingstage reichen, denn ich habe mich Ende 2009 gut aufgebaut, bin fit und fühle mich gut. Zwischendurch gehe ich noch nach Äthiopien. Ich wollte unbedingt wieder einmal etwas für meine Stiftung tun. Das Letzte in dieser Art war mein Trip nach Indien für die Unicef. Aber die letzten Jahre waren so intensiv, alles verplant. Da sagte ich: Jetzt ist fertig, jetzt muss ich wieder mal nach Afrika. Auch wenn es nur für einen Tag ist. Ich habe das Gefühl, dass ich so etwas viel häufiger machen könnte in Zukunft. Man muss es nur früh planen und gut organisieren. Ich freue mich darauf, ich stecke sehr viel Herzblut hinein.»
Murray und die Briten
«Es war keineswegs meine Absicht, Andy vor dem Match zu beeinflussen. Ich würde es schade finden, wenn die englische Presse einen Keil zwischen ihn und mich treiben würde. Diese Gefahr spürte ich schon in Wimbledon, als es hiess: Schau mal, wie sich Federer anzieht. Oder in Dubai (2008), als ich sagte, Murray könnte noch offensiver spielen, er spiele nur auf Abwarten. Das war Kritik auf höchstem Level, schon fast ein Kompliment. Doch sie verwenden es halt anders. Aber ich verstehe schon, dass die 25 Journalisten, die allein aus England nach Australien kommen, etwas schreiben müssen. Und dann übernimmt es die ganze Welt. Wenn in der Schweiz etwas steht, wird das nicht unbedingt von der‹New York Times› übernommen. Das ist das Extreme an der englischen Presse. Und heute las ich wieder, wie super ich alles gemacht hätte.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.02.2010, 15:52 Uhr











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