Was bitte schön soll dieses Hyperventilieren?

Roger Federer wurde in den letzten Monaten – nicht zum ersten Mal – eine veritable Krise angedichtet. Dabei war die Saison des Baselbieters bis jetzt gar nicht so schlecht, wie es immer heisst.

Die Formkurve stimmt: Nach dem Sieg in Halle bringt sich Roger Federer für das Grand-Slam-Event und seine Titelverteidigung in Wimbledon in eine aussichtsreiche Position.

Die Formkurve stimmt: Nach dem Sieg in Halle bringt sich Roger Federer für das Grand-Slam-Event und seine Titelverteidigung in Wimbledon in eine aussichtsreiche Position.

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Der sechste Erfolg von Roger Federer in Halle führt uns wieder mal vor Augen, wie schnell die Welt des Sportes sich dreht. Noch vor zehn Tagen wurde der Baselbieter mehrheitlich hart für sein Aus im Viertelfinal des French Open kritisiert, was angesichts der heftigen Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga einigermassen nachvollziehbar ist. Vielerorts wurde ihm aber auch gleich noch eine veritable Krise angedichtet, mit Bezug darauf, dass er seit seinem Triumph an der Masters-1000-Veranstaltung von Cincinnati im vergangenen August doch schon seit zehn Monaten kein Turnier mehr gewonnen habe. Und natürlich krochen auch all jene Zeit- genossen wieder aus ihren Schlupflöchern hervor, die schon seit fünf Jahren nach jeder Niederlage monieren, dass sich Federer subito mit seinem Rücktritt befassen sollte – und dies nicht selten in einem derart gehässigen Ton, dass ich mich frage, was diese Menschen umtreibt und welche Probleme sie wirklich plagen.

Mit seinem 77. Turniersieg in Halle vom Sonntag zeigte Roger Federer jedenfalls eine starke Reaktion. Er bringt sich damit für das Grand-Slam-Event und seine Titelverteidigung in Wimbledon in eine aussichtsreiche Position. Der Baselbieter befindet und befand sich definitiv in keiner Krise. In einer Krise steckt ein Sportler, wenn er sich nach mehreren Niederlagen nicht erklären kann, weshalb er sich diese eingefangen hat, und er deshalb verunsichert auf kommende Heraus­forderungen blickt. Federer aber war zu keinem Zeitpunkt ratlos. Weshalb sollte er auch? Von den zehn ach so langen Monaten ohne Turniersieg waren fünf darunter, in denen er gar nicht spielte; wer aber nicht spielt, kann auch nicht gewinnen. Es war ein bewusster Entscheid nach einer der intensivsten Phasen seiner Karriere, in der er an zwei Davis-Cup-Begegnungen sowie 17 Turnieren überall auf dem Globus teilgenommen hatte, es zehnmal in den Final schaffte, dort sechsmal gewann, bis er schliesslich wieder zur Nummer 1 der Welt wurde.

Das gab es alles schon mal

Die Resultate der acht Turniere, die er in dieser ersten Saisonhälfte bisher bestritten hat, waren bei Weitem nicht so schlecht, wie sie vielfach dargestellt wurden. Am Australian Open verpasste er gegen Andy Murray nur knapp den Final. In Rom zog er ins Endspiel ein, in Paris schaffte er es zum 36. Mal hintereinander in den Viertelfinal eines Grand-Slam-Turniers, in Halle landete er schliesslich seinen ersten Sieg in diesem Jahr. Zwei ungewöhnliche Niederlagen musste Federer in Rotterdam und Madrid einstecken, weil es sich bei Julien Benneteau und Kei Nishikori um zwei Spieler handelte, die er sonst normalerweise im Griff hat. So what – der Schweizer ist auch schon in anderen Jahren überraschend gegen Gegner ausgeschieden, die ihm sonst nach einem Spiel am Netz zum Sieg gratulieren müssen. Ein Beispiel gefällig? 2010 sagte er in Rom bereits in Runde 2 Arrivederci, als er gegen den krassen Aussenseiter Ernests Gulbis verlor.

Ansonsten zog er in diesem Jahr nur gegen seine stärksten Mitbewerber den Kürzeren. Das eine oder andere Mal fing er sich zwar eine Klatsche ein, was aber ebenfalls nichts Neues ist: 2008 machte er am French Open gegen Rafael Nadal im Final gerade mal vier Games, im vergangenen Jahr schied er gegen Novak Djokovic im Halbfinal an selber Stätte ebenfalls sang- und klanglos aus. Dies einfach zur Erinnerung für alle jene, die nach jeder Niederlage Federers zu glauben wissen, dass es noch nie so schlimm um ihn gestanden habe. Ihnen allen sei gesagt: Gemach, gemach – es gibt noch keinen Grund zum Hyperventilieren.

Nützen wird es wohl nichts. Federer erlebt mit der übertriebenen Kritik an ihm, was auch andere besonders erfolgreiche Athleten oder Mannschaften nach Niederlagen durchmachen müssen. Als Barcelona in der Champions League ausschied, hiess es gleich: Eine Ära ist zu Ende, Andres Iniesta und Xavi sind satt – ungeachtet der Tatsache, dass der spanische Vorzeigeclub in der Meisterschaft alle in Grund und Boden spielte. Oder Tiger Woods: Ein paar erfolglose Turniere nach seinem Scheidungsdrama reichten bereits vielen zum abschliessenden Urteil, dass der beste Golfspieler der Geschichte nicht mehr zu Grossem fähig sei. Heute ist er wieder die Nummer 1. Roger Federer, Barcelona, Tiger Woods – sie alle haben ihre Fallhöhe durch die vielen Erfolge derart nach oben geschraubt, dass jedes Scheitern dramatisiert wird. Während sie selber in der Regel mit Niederlagen gelassen umgehen, ist die Öffentlichkeit mit ihnen deutlich weniger geduldig. Schnell heisst es dann: Es ist vorbei, aufhören bitte! Bis sie diese Besser­wisser mit dem nächsten Erfolg wieder eines Besseren belehren.

Bilanz wird erst später gezogen

Federer hat in Halle nach seinem Sieg klar zum Ausdruck gebracht, was er von der Kritik an ihm hält: nichts. «Man könnte meinen, ich hätte nur schlecht gespielt die letzten zehn Monate», hielt er dagegen, «das stimmt natürlich überhaupt nicht.» Er selber will erst später eine erste Bilanz ziehen – wenn die Grand-Slam-Veranstaltung in Wimbledon sowie die Hartplatz- Turniere von Montreal, Cincinnati sowie New York vorbei sind. Erst dann wird sich zeigen, ob es sich beim 2013 um eine ganz normale, weil erfolgreiche, Federer-Saison handelt. Oder um ein sogenanntes Zwischenjahr ohne den ganz grossen Ausreisser nach oben, das sich Federer zugesteht, um wieder Atem und neue Energie für die nächsten Jahre zu holen. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 18.06.2013, 09:24 Uhr)

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