Wawrinkas brandneue Gefühle in New York
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Die Szene in einer Sportbar in Manhattan an diesem Dienstagabend hat Symbolcharakter. Auf einem der riesigen Bildschirme werden die grössten Momente von Boxstar Mike Tyson gezeigt, auf einem zweiten läuft Rafael Nadals Nachtmatch live – und dazwischen ist auf einem dritten Monitor zu sehen, wie Stanislas Wawrinka am frühen Abend mit Sam Querrey den letzten Amerikaner aus dem US Open geworfen hat.
Genau: «Stan the man» Wawrinka ist angekommen in der Topliga des Sports. Er wird von nun an nicht mehr nur als der Mann bekannt sein, der neben Roger Federer in Peking Gold gewann.
Bescheiden und nett
Der junge Familienvater selber braucht an diesem Abend länger als normal, um zu verarbeiten, was geschehen ist. Was geschehen ist? Er hat einen turbulenten und verrückten Match gewonnen, mit 7:6 (11:9), 6:7 (5:7), 7:5, 4:6, 6:4, nach 4:28 Stunden, damit erstmals nach fünf Niederlagen in den Achtelfinals die letzten acht eines Grand-Slam-Turniers erreicht, wodurch erstmals zwei Schweizer Männer gemeinsam so weit gekommen sind an einem der vier grössten Turniere. Der 25-jährige Lausanner, der auf einem Bauernhof zusammen mit Behinderten aufgewachsen ist und einst eine Rudolf-Steiner-Schule besucht hat, bleibt auch im Moment seines grössten Erfolgs bescheiden, nett, zurückhaltend, wie immer. Aber man merkt, wie stolz er ist, auch etwas aufgewühlt.
Das sei ein wichtiger Moment in seiner Karriere, sagt er, «aber es ist schwierig, meine Gefühle zu beschreiben. In einem solchen Match, vor einem solchen Publikum – da geschehen so viele Dinge, das muss man selber erlebt haben, um es zu verstehen.» Der Druck sei enorm, und nach dem Matchball falle alles von einem ab, «dann kommt die Müdigkeit».
Er sei sehr zufrieden, glücklich, «das ist die Entschädigung für all die Jahre der Arbeit». Er habe auf dem Weg zum 14. Sieg in seiner 21. Fünfsatzpartie vor allem versucht, um jeden Ball zu kämpfen, und dabei gespürt, wie Querrey am Ende müde wurde, dass er ihm körperlich überlegen war. Deshalb habe er sich noch rigoroser zum Angreifen entschieden. «Ich wusste, dass er Mühe haben würde, mich zu passieren, zumal es auch noch stark windete.»
Mit Mut den Sieg erzwungen
Dies ist bezeichnend für die Wandlung, die er unter Peter Lundgren in kürzester Zeit vollzogen hat: Wawrinka, der früher oft zu passiv und abwartend spielte, hat nun sein Schicksal in die eigenen Hände genommen und den Sieg erzwungen, vorne am Netz, mit Risikobereitschaft und Mut, mit 16 Assen und 66 Winnern, aber auch 59 unerzwungenen Fehlern, doch die zählen am Ende alle nicht mehr. Genau wie die Tatsache, dass er an diesem Tag weniger stark aufgeschlagen hat als bei seinen Siegen zuvor, gegen Michail Kukuschkin, Juan Ignacio Chela und Andy Murray.
Wawrinka hat keine Mühe zuzugeben, dass an der Quelle des besten Turniers seiner Karriere, das ihn in die Top Twenty zurückbringen sollte, der neue Mann an seiner Seite steht: der 46-jährige Peter Lundgren, mit dem er seit Ende Juli arbeitet. Der Schwede, der als Spieler selber viele Top-5-Spieler geschlagen, aber nie Wawrinkas Konstanz erreicht hat, der mit Marcelo Rios, Roger Federer und Marat Safin drei frühere Weltranglistenerste betreute. Von seinen Erfahrungen profitiert er nun.
Selbstvertrauen wie noch nie
«Lundgren hat alle diese Emotionen schon erlebt und weiss, wie man damit umgeht», sagt Wawrinka. «Und es stimmt auch, dass er mir viel Vertrauen einflösst und mich ermutigt, kompromisslos zu spielen, auch wenn dabei Fehler passieren.» Der langhaarige Schwede habe ihn von Anfang an verstanden, er finde «immer den richtigen Moment und die richtigen Worte, um etwas zu besprechen». Der Trainerwechsel sei «wie ein neuer Start für mich und brachte neue Motivation». Auch der Sieg über Murray, einen Mitfavoriten des US Open, habe dazu beigetragen, dass sein Selbstvertrauen so gross sei wie wohl noch nie.
Der Mittwoch steht dann ganz im Zeichen der Erholung, und die hat Wawrinka auch nötig – insbesondere sein rechter Oberschenkel, in dem er sich gegen Murray eine kleine Zerrung zugezogen hat.
Am für ihn spielfreien Montag hat er deswegen kaum trainiert, für den Achtelfinal Schmerzmittel genommen und das Bein stark einbinden lassen. «Ich hatte nicht erwartet, dass es gegen Querrey so gut gehen würde. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es sich verschlimmert hat.» Von einer Behinderung könne man nicht sprechen, «ich muss nur die Schmerzen akzeptieren.»
Es wird schwierig
Wawrinka zeigt grossen Respekt vor Michail Juschni, seinem nächsten Gegner, dem er 2007 in Montreal und dieses Jahr in Miami auf Hartplätzen unterlag, ihn dazwischen aber auf Sand zweimal schlug. Die 28-jährige Nummer 14 der Weltrangliste sei ein ausgezeichneter Grundlinienspieler mit einer starken Rückhand. «Wir haben immer harte Partien gegeneinander, er stand hier schon im Halbfinal und mag die Bedingungen. Es wird schwierig. Aber ich werde mich vor allem auf mich konzentrieren und versuchen, gut zu servieren und anzugreifen, vor allem seine Vorhandseite. Er ist nicht gerne in der Defensive.»
Im Song von Jay-Z, der nun über die Boxen dröhnt, während sich Wawrinka auf dem Bildschirm dem Sieg nähert, heisst es: «New York – Betondschungel, wo Träume gemacht werden. Es gibt nichts, was du nicht erreichen kannst. Diese Strassen werden dir brandneue Gefühle geben, die Lichter dich inspirieren. Du fühlst dich als Champion.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.09.2010, 08:52 Uhr

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