Wenn Federers Zeit kommt

Der Triumph in Melbourne zeigt: Das Glück findet einen meist dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Doch der Sieg liess Federer auch die Endlichkeit seiner Karriere bewusst werden.

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Warum erinnere ich mich gerade jetzt so lebhaft an die verregneten Pariser Abende im Juni nach den verlorenen French-Open-Finals von Roger Federer? An die Fussmärsche zurück zur Metrostation bei der Porte d’Auteuil? Wie in einem schlechten Film passte das Wetter damals zur Stimmung. Federer war wieder einmal nicht an Rafael Nadal vorbeigekommen, und mit jedem weiteren Mal verdichtete sich die Gewissheit: ­Paris würde der Makel in seiner wunderbaren Karriere bleiben.

Grosser Empfang: So wurde Roger Federer am Flughafen Kloten begrüsst. Video: SDA.

Dafür war es dann umso süsser, als er es 2009 im elften Versuch doch noch schaffte. Als es ihm niemand mehr so richtig zugetraut hatte, seine Ära am Ablaufen schien, ihn Nadal als Nummer 1 abgelöst hatte. Als der Spanier in jenem Jahr früh und völlig überraschend gegen den schwedischen Riesen Robin Söderling ausschied, wusste Federer: jetzt oder nie. Ganz Paris wünschte es ihm, der mit seiner Eleganz so gut zur Stadt von Yves Saint Laurent und Coco Chanel passt. Ihn zu sehen, wie er die Coupe des Mousquetaires stemmte, kam einem dann fast surreal vor. Es zeigte: Das Glück findet einen oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Aber man muss bereit sein, wenn es so weit ist.

Die Freude verloren

Die Parallelen zu Federers grandiosem Sieg in Melbourne vom vergangenen Sonntag sind nicht zu übersehen. 1666 Tage musste er sich gedulden, bis er nach Wimbledon 2012 einen weiteren Grand-Slam-Titel feiern durfte. In dieser Zeit war er an den vier bedeutendsten Turnieren achtmal im Halbfinal und dreimal im Final gestanden. Doch die letzte Hürde konnte er einfach nicht überspringen. Der 18. Major-Sieg war nah und doch so fern. Denn inzwischen hatte sich tief in Federers Kopf eingegraben, dass er die grossen Spiele verliert. Zu oft hatte er das gegen Nadal erlebt, nun passierte es ihm auch gegen Novak Djokovic. Und irgendwann war auch er müde geworden.

Verletzungen bremsten ihn, und man sah, dass er langsam die Freude verlor. Weniger auf dem Court als an den Begleiterscheinungen dieses Lebens. An den internationalen Pressekonferenzen spürte man, wie wenig Lust er noch hatte, die immer gleichen Fragen zu ­beantworten. Deshalb war es genau das Richtige, dass er im vergangenen Sommer die Notbremse zog. Die sechs­monatige Pause tat ihm gut wegen seines ­linken Knies und vor allem für ­seinen Kopf. Nach so vielen Jahren in der Mühle des globalen Tenniszirkus musste er ­diesem einmal den Rücken kehren, um nochmals Energie und ­Motivation zu schöpfen. Er wanderte mit seinem Vater im Appenzell, ging mit den Kindern ins Hallenbad und zum ­Minigolf und genoss es, für einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen.

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Jene Monate halfen ihm auch, die Rolle des alternden Stars abzustreifen, der es in den entscheidenden Spielen nicht mehr auf die Reihe kriegt. Ohne die geistige Frische dank seines Sabbaticals hätte er einen Endspurt wie nun gegen Nadal nicht zustande gebracht. Es wäre für Federer das Einfachste gewesen, sich im fünften Satz bei 1:3, als dann doch wieder alles zu laufen schien wie immer, mit dem Gedanken anzufreunden, dass er trotzdem ein ausgezeichnetes Turnier gespielt habe. Doch er gab sich nicht zufrieden. Und auch wenn er es danach abstritt: Er hatte diesen Titel unbedingt noch gewollt. Seine Aussage in der Siegerrede, er hätte sich auch mit einem Unentschieden zufriedengegeben, war Koketterie.

Siegen als Selbstverständlichkeit

Vor dem Australian Open war Federer von den Wettanbietern als 20:1-Aussenseiter geführt worden. Was für ein Kontrast zu früher, als man in Wimbledon 2005 oder 06 gerade mal das 1,3-Fache des Einsatzes zurückbekommen, wenn man auf den Schweizer Maestro gesetzt und Recht behalten hatte. Seine Siege waren damals eine Selbstverständlichkeit. Und weil sie uns so alltäglich erschienen, war es zu jener Zeit gar nicht so einfach, ihm publizistisch gerecht zu werden. Wir Tennisreporter flüchteten uns oft in Zahlen, um das Unfassbare fassbar zu machen. Wir schrieben von Siegesserien, Assen und abgewehrten Breakbällen und zuweilen von der Bodenhaftung, die er sich trotz allem bewahrt hatte.

Zurück auf dem Thron: Roger Federer gewinnt die Australian Open. Video: Tamedia/SRF.

Es brauchte den US-Schriftsteller ­David Foster Wallace, der Federer nicht Woche für Woche bei der Arbeit zuschauen konnte, um ihn nochmals in einem anderen Licht erscheinen zu ­lassen. Sein Essay «Federer als religiöse Erfahrung», der zuerst in der «New York Times» erschien, ist bis heute unerreicht. Foster Wallace, der selbst ein talentierter Tennisjunior gewesen war, beobachtete Federer während Wimbledon 2006 aus der Nähe. Dessen Sieg wurde erwartet, und er enttäuschte nicht, obschon ihn Nadal erstmals in ­seinem Reich herausforderte.

Foster Wallace staunte wie ein kleines Kind und prägte den Begriff der Federer-Momente für jene Ballwechsel, nach denen einem der Mund offen blieb. Er schrieb, für den Tenniskünstler schienen wie für den Basketballer Michael Jordan oder den Boxer Muhammad Ali gewisse physikalische Gesetze nicht zu gelten: «Federer wirkt nie gehetzt, verliert nie die Balance. Seine Bewegungen sind eher harmonisch als athletisch. ­Genau wie Ali, Jordan oder Maradona wirkt er realer und zugleich irrealer als seine Gegner. Federer in Weiss auf dem Wimbledon-Rasen ist wie ein Wesen aus Fleisch und Licht.»

Den Kämpfer entdeckt

Foster Wallace starb 2008. Es wäre interessant gewesen, zu lesen, wie er nun den Final der alten Rivalen Federer und Nadal beschrieben hätte. Denn so kunstfertig der Schweizer auftrat, als er alle überragte – seine wahre Grösse offenbarte sich uns erst, als er öfter zu verlieren begann, von seinem Sockel gestossen wurde. Es ist einfach, wenn einem alle zujubeln. Aber wie geht man damit um, wenn einen plötzlich die kritischen Fragen der Journalisten durchbohren? Wenn hinter dem Rücken geflüstert wird, man habe den Zeitpunkt für den Abgang verpasst? Wie gelingt es da noch, positiv zu bleiben? Trotzdem an sich zu glauben? Nach Jahren, in denen er alles so leicht hatte aussehen lassen, entdeckten wir den Kämpfer Federer.

In seiner Zeit der Dominanz hatte der Schweizer auch davon profitiert, dass er in einer Zwischenphase nach der Ära Sampras/Agassi aufgestiegen war. Es gab keine Herausforderer, die sein Spiel zerstören konnten. Andy Roddick wurde zu seinem häufigsten Opfer und bewahrte trotzdem den Humor. Federer spielte ­damals vergleichsweise konservatives Tennis, siegte primär dank seiner Überlegenheit an der Grundlinie, seiner exzellenten Beinarbeit und seines unerschütterlichen Selbstvertrauens. Doch als ihm mit Nadal ein Rivale erwuchs, der im Grundlinienspiel noch solider war als er, musste er sich neu erfinden. Was nicht so oft erwähnt wird: Federer ist nicht nur Rekordsieger, er ist erstaunlicherweise auch ein Rekordverlierer. Niemand verlor so viele Paris-Finals wie er (vier) und so oft ein Grand-Slam-Endspiel (sechsmal) gegen den gleichen Gegner (Nadal).

Björn Borg trat mit 25 resigniert zurück, als er in John McEnroe seinen Bezwinger gefunden zu haben schien – nach drei verlorenen Major-Finals in Folge gegen den grossmäuligen New Yorker. Federer stellte sich der ultimativen Herausforderung, die Nadal für ihn war, weil der mit seiner Linkshänder-Vorhand seine Schwachstelle schonungslos aufdeckte: die einhändige Rückhand. So schön auch dieser Schlag Federers anzuschauen war – wenn ihn der Muskelprotz aus Mallorca mit seinen extrem überrissenen Topspinbällen malträtierte, brach er zusammen. Nadal agierte im Stile eines Boxers, der immer wieder auf den wunden Punkt ­seines Widersachers einprügelt.

Die Rückhand hat gewonnen

Wer sich Videos der ersten Duelle der ungleichen Champions anschaut, der sieht, welch enorme Fortschritte Federer auf der Rückhand gemacht hat. Der Tennis-Analytiker Jeff Sackmann wertete jeden Punkt des Finals von Melbourne aus. Er errechnete für die Federer-Rückhand im elften Grand-Slam-Treffen mit Nadal erstmals einen positiven Wert. Als der Schweizer 2014 gleichenorts den Halbfinal der beiden ­verlor, führten für Nadal 75 Prozent der Ballwechsel, in denen er die Federer-Rückhand anspielte, zu einem Punkt. Am Sonntag war es nicht einmal die Hälfte. Der Beweis, dass Federer das Spiel mit seiner Rückhand gewann.

Wir spekulierten oft, wie viele Grand-Slam-Siege er wohl errungen hätte, wenn es keinen Nadal gegeben hätte. ­Bestimmt weit über 20. Doch Tennis ist keine Mathematik, und die Bedeutung eines Spielers für diesen Sport lässt sich nicht nur an Major-Titeln festmachen. Sonst wäre Pete Sampras (14) grösser als Björn Borg (11), der erste Rockstar dieses Sports. Ist er aber nicht. Dank Nadal und später Novak Djokovic musste sich ­Federer im Herbst seiner Karriere auf seinen Angriffsgeist zurückbesinnen. Es wäre schade gewesen, hätten wir das nicht erlebt.

Müder Champions: Roger Federer am Tag nach seinem 18. Grand-Slam-Titel. Video: Reuters.

Die beiden Jahre mit Stefan Edberg an seiner Seite (2013, 2014) hätten mindestens einen Grand-Slam-Titel verdient gehabt. Nun ist er mit Verzögerung gekommen. Ein besseres Skript als diesen Sieg über Nadal nach einer solch langen Wartezeit hätte es für Federer nicht geben können. Es kam alles zusammen.

Der Vergänglichkeit begegnet

Paradoxerweise wurde sich der 35-Jährige in diesem grossen Moment, in dem er es nochmals allen bewiesen hatte, seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst. Stets hatte er betont, er mache sich keine Gedanken über einen möglichen Rücktritt. Denn wenn man erst einmal darüber nachdenke, sei er nicht mehr weit. Nun stellte er infrage, ob er am Australian Open 2018 nochmals dabei sein werde. Vielleicht wollte er die Erwartungen, die er wieder in die Höhe ­geschraubt hat, etwas dämpfen. Aber er hat diese Tür nun einmal aufgestossen. Und die Gedanken darüber, was für ihn der passendste Zeitpunkt für einen Rücktritt sein könnte, werden folgen.

Wir müssen uns damit abfinden, dass das Tennis in absehbarer Zeit ohne ihn auskommen muss. Mitreissende Federer-Finals wie am Sonntag wird es nicht mehr viele geben. Er hat uns, die seine Karriere verfolgt haben, auf eine lange, schöne Reise mitgenommen. Die regnerischen Abende in Paris waren die Ausnahme. Gerade deshalb haben sie sich wohl so sehr im Gedächtnis eingebrannt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2017, 10:34 Uhr

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