Er ist ins Tennis verliebt

Sportredaktor René Stauffer begleitet den Baselbieter seit 20 Jahren journalistisch. Eine Würdigung

Eleganz, Klasse, Perfektionsstreben, Detailpflege, Hingabe und Traditionsbewusstsein: Roger Federer ist der vielleicht beliebteste Champion, den das Tennis je hatte. Bild: Keystone

Eleganz, Klasse, Perfektionsstreben, Detailpflege, Hingabe und Traditionsbewusstsein: Roger Federer ist der vielleicht beliebteste Champion, den das Tennis je hatte. Bild: Keystone

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Roger ­Federer kehrte zurück an jenen Ort, an dem er Grand-Slam-Champion geworden war. Ich hatte die Ehre, ihn bei diesem Kurztrip am 14. Dezember 2003 zu begleiten, 161 Tage nach seinem Triumph. Ich wurde Zeuge ­davon, welch starke Emotionen die Rückkehr in den All England Club bei ihm auslöste. Er erinnerte sich an jedes Detail, besuchte jede Ecke, auch Court 2, wo er wegen eines Hexenschusses fast aufgeben musste. Und er ­erinnerte sich an sein ­dominantes Gefühl an jenem tränen­reichen Sonntag, dem 6. Juli.

«Der Moment, als ich die Trophäe in die Höhe strecken konnte, war magisch, kaum zu fassen», sagte er. «Der Pokal ist wunderschön, aus Gold, nicht zu schwer, nicht zu leicht. ­Alles hier, das Grüne, das Gras, war schon immer ­speziell für mich. Alle meine Lieblingsspieler haben auf diesem Platz so gut ­gespielt, Wimbledon ist mein Lieblings-Grand-Slam. So viele träumen davon, hier zu gewinnen. Und ich dachte, ­warum ausgerechnet ich?»

Triumph und Desaster

14 Jahre später hat er diese Frage längst beantwortet, und das mehrfach: Weil er der perfekte Rasenspieler ist und ideal all jene Anforderungen erfüllt, die das Zitat von Rudyard Kypling über dem ­Eingang zum Centre Court einfordert: «If you can meet with triumph and disaster and treat those two impostors just the same.» Wenn du mit Triumph und ­Desaster umgehen und diese beiden ­Betrüger gleich behandeln kannst.

Als Tennisjournalist von Tagesanzeiger.ch/Newsnet hatte und habe ich das Privileg, Federers Karriere eng zu begleiten, seit inzwischen über 20 Jahren. Sogleich merkte ich, dass Wimbledon für ihn über allem steht. Noch vor seinem 17. Geburtstag gewann er im All England Club das Juniorenturnier. 19 Jahre später ist seine Faszination für diese Championships ungebrochen. Hier erlebte er seine grössten Triumphe und auch einige seiner bittersten ­Momente, wie im Final 2008, als seine Siegesserie gegen Rafael Nadal spätabends riss.

Federer kam zurück, holte seither drei weitere Titel und schwang sich ­empor zum alleinigen Rekordsieger des traditionsreichsten, prestigeträchtigsten und schönsten Turniers. Niemand könnte diese Position besser ausfüllen als ­Federer, der Prototyp des kompletten Tennisspielers, mit seinem Offensivgeist, seinem Variantenreichtum, seiner Inspiration, seiner Cleverness und ­seinen schnellen Händen. Er steht aber auch für die Werte, die dieses liebevoll organisierte Turnier vertritt: Eleganz, Klasse, Perfektionsstreben, Detailpflege, Hingabe, Traditionsbewusstsein. Auch deshalb ist Federer der vielleicht beliebteste Champion, den das Tennis je hatte.

«Man sollte eben perfekt spielen können»

Selbst seine Vorgänger, Legenden wie Rod Laver oder Ken Rosewall, lieben ihn. Weil er ihr Erbe sorgsam verwaltet, mit Demut, Bescheidenheit, Menschlichkeit und Respekt gegenüber allen und allem. Wie er es als vierfacher Familienvater versteht, mit dem immer noch grösser werdenden Rummel umzugehen, ohne im hohen Sportleralter an Leistung einzubüssen, beeindruckt selbst seine Nächsten wie seine Eltern.

Ich habe meine Theorie, weshalb ihm dies so gut gelingt: weil er sich selber nicht so wahnsinnig wichtig nimmt. Am wichtigsten war für ihn stets das Spiel, das Tennis – ein Sport, den er vielleicht mehr liebt als sonst jemand. Diese Liebe war stets sein Antrieb, auch wenn sie nicht immer erwidert wurde.

Als ich ihn erstmals spielen sah, am 11. September 1996 an einem internationalen Juniorenturnier in der Guggach-Anlage in Zürich, erlebte ich ihn in seiner ungeschliffensten Form: ein brillanter Junior, der seine Nerven und auch seinen Schläger nicht immer im Griff hatte, mit sich schimpfte, aber gewann. Er imponierte mir dann aber im ersten Interview, das ich gleichentags mit ihm führte. Auf die Frage, weshalb er sich so gehen lasse, sagte er, er wisse zwar, dass ihm das «ewige Motzen» schade. «Aber man sollte eben perfekt spielen können.» Dies war tags darauf der ­Titel meiner ersten Story über ihn.

Seither ist er in diesem Bestreben schon sehr weit vorangekommen, wohl weiter als je einer vor ihm. Seither sind auch unzählige Storys und Interviews dazugekommen. Sie zu schreiben, wurde nie langweilig. Denn Federer begegnet den ­Medien mit Respekt, kooperiert mit ­ihnen – ­insbesondere mit jenen aus der Schweiz. Er gibt uns den Stoff, den wir wünschen. Auch das macht er mit ­bewundernswerter Hingabe und ­Ausdauer; und auch dies nicht in erster Linie für sich, sondern für die Öffentlichkeit und in der ­Absicht, dem Tennis etwas zurück­zugeben.

Keine Allüren, grosse Geduld

Federer lädt zwar keine Journalisten oder Fotografen nach Hause oder zum Essen ein. Er ist aber, vor allem an den Turnieren, immer sehr zugänglich und hilfsbereit, gerade für Medienleute, die er schon lange kennt. Dass er sein Leben so konsequent führt, macht die Zusammenarbeit mit ihm angenehm und berechenbar. Er verträgt auch Kritik. Aber was gibt es schon zu kritisieren bei ­jemandem, der bei allem Erfolg so ­sympathisch, normal und ohne Allüren geblieben ist und es geschafft hat, trotz ­aller Höhenflüge bodenständig zu bleiben? Dabei hat er längst die Dimensionen eines normalen Sportstars hinter sich gelassen, ist zur lebenden Legende geworden und wird, etwa im Januar bei seinem Comeback in Perth, empfangen wie ein Staatspräsident.

Der Motor seiner Karriere aber war und ist weiterhin Wimbledon. Die perfekte Bühne, das Opernhaus des Tennis – wie geschaffen für ihn, den ewig jungen Künstler aus der Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 08:19 Uhr

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