Federer und der Djokovic-Effekt

Ein Debakel lag in der Luft: Wie der Schweizer gegen den Serben fast unterging und warum Nadals Worte den Nagel auf den Kopf treffen.

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Schon der zweite Ballwechsel bei Roger Federers erstem Aufschlagspiel hatte Signalwirkung (Hier geht es zum Liveticker mit Videos und Umfragen): Nach einem guten Aufschlag brauchte er eine Rückhand nur noch longline ins Feld zu spielen – doch er verzog sie, der Ball landete im Netz. 15:15 statt 30:0. Ein kleiner Schock mit Folgen. Drei verlorene Punkte folgten, und schon war er erstmals gebreakt, lag er 0:2 zurück. Er war zum ersten Mal an dem gescheitert, was die «New York Times» den «Djokovic-Effekt» nennt: Wer zurzeit gegen den momentan überragenden Serben antritt, weiss, dass er etwas Besonderes bringen muss, dass es sonst nicht reicht – gut zu sehen bei den spektakulärsten Ballwechseln der Partie. Und das führt dazu, dass man gerne zu viel riskiert, auch wenn es gar nicht nötig wäre.

Djokovic registrierte die Botschaft. Federer hatte ihm signalisiert: Ich habe Respekt vor dir und weiss, dass ich besonders gut spielen muss. Der Serbe, voller Selbstvertrauen, fand sogleich zu einem Niveau, das selbst er nur selten erreicht. Federer dagegen war verunsichert, er suchte sein Spiel und Selbstvertrauen, und die Zahl der unerzwungenen Fehler stieg derweil ständig an. Er hätte zwar wohl auch mit einer besseren Leistung nicht mitgehalten mit einem Gegner, der phasenweise eine unmenschliche Leistung zeigte, alles zurückbrachte, oft die Linien traf und über längere Strecken einfach keine Fehler machen konnte. Es war eine Vorstellung, die die Worte von Rafael Nadal nach dem Final von Doha in Erinnerung riefen: So gut habe er noch nie jemanden Tennis spielen sehen, hatte der Mallorquiner dort gesagt.

Debakel lag in der Luft

Nach dem ersten Satz, der nur 22 Minuten dauerte, totalisierte Federer bereits ein Dutzend unerzwungener Fehler - und damit zehn mehr, als seinem Gegner unterlaufen waren. Dieser blieb auf seiner Wolke, breakte den Aussenseiter auch im zweiten Satz nach Belieben. Ein Debakel lag in der Luft. Tatsächlich muss weit zurückgehen, um eine ähnliche Abfuhr zu finden: An einem Grand-Slam-Turnier auf Hartplatz hatte Federer zuletzt 2001 nur drei Games in zwei Sätzen gewonnen, als 20-jähriger Emporkömmling in New York gegen Andre Agassi (1:6, 2:6, 4:6).

Erst als alles verloren schien, meldete sich bei ihm der Stolz zurück. Getragen von den Zuschauern, die ihn vor dem dritten Satz frenetisch anfeuerten, begann er, besser zu servieren und seinen Respekt abzulegen. Zwar zeigte sich der «Djokovic-Effekt» immer noch, zum Beispiel im sechsten Game, in dem er zu seinen einzigen Breakchancen kam (und dieses zum 4:2 schliesslich auch gewann). Doch zwei der ersten drei Breakmöglichkeiten verschlug er mit Vorhandbällen, die er wiederum viel zu riskant angesetzt hatte – Brechstangentennis, sozusagen.

Service erstaunlich

Dass vor dem vierten Satz das Dach geschlossen wurde, was eine zehnminütige Pause nach sich zog, half ihm darauf nicht. Während er seinen Schwung etwas verlor, konnte sich Djokovic wieder sammeln. Mit drei Passierbällen für die Lehrbücher und einem starken Return in die Füsse holte er sich sein fünftes Break (zum 5:3), und ein weiteres brauchte er nicht mehr – und konnte sich so bald dem kuriosen Siegerinterview stellen.

Erstaunlich war, dass der Serbe auch besser aufschlug. Federer brachte 36 Prozent seiner Aufschläge nicht zurück und musste zehn Asse hinnehmen, während ihm nur fünf Asse gelangen und lediglich 28 Prozent seiner Aufschläge den direkten Punkt brachten. Djokovic hatte auch eine deutlich höhere Quote bei den geglückten ersten Aufschlägen (67 % gegenüber 57 %). Das führte dazu, dass Federer als Rückschläger kaum ins Spiel kam, er gewann in dieser Rolle lediglich 26 Ballwechsel, 18 weniger als Djokovic. Doch am klarsten unterlegen war er in den Grundlinienduellen. Die Differenz der Winner und der unerzwungenen Fehler betrug bei ihm am Ende – 17 (34/51), bei Djokovic + 13 (33/20). Gegen Gilles Simon hatte die Nummer 1 in fünf Sätzen noch fünfmal mehr unerzwungene Fehler produziert (100).

Erstellt: 28.01.2016, 13:08 Uhr

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