«Ich spürte, dass für Roger alles möglich ist»

Severin Lüthi, der Coach von Roger Federer, sieht sich durch den Triumph in Melbourne bestätigt. Er erzählt, wieso er dem Maestro keinen freien Tag gönnte.

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Severin Lüthi, hätten Sie vor sechs Monaten daran geglaubt, dass Roger Federer das Australian Open 2017 gewinnen könnte?
Damals dachte ich nicht ans Australian Open. Da herrschten andere Gedanken vor. Aber ich spürte im November, Dezember, dass für Roger in Melbourne alles möglich ist. Denn ich sah, dass es keine Rückschläge gab und mit welchem Esprit er jeden Tag dabei war. Ich sagte schon seit Jahren: Ich bin überzeugt, dass Roger noch einen Grand-Slam-Titel gewinnt. Mindestens einen. Er war ja auch so oft im Halbfinal oder im Final. Doch stets stand ihm einer vor der Sonne. Nur schon der Finalvorstoss wäre hier grossartig gewesen. Aber dass er gewonnen hat, macht in der öffentlichen Wahrnehmung einen riesigen Unterschied. Viele sagen: Entweder hat man alles richtig gemacht oder alles falsch. Auch wenn das natürlich Unsinn ist.

Was bedeutet dieser 18. Titel für Federer?
Ich bin einfach sehr glücklich für ihn. Als ich 2008 mit ihm zu arbeiten begann, hatte er das Pfeiffersche Drüsenfieber. Und schon damals hörte ich Leute sagen: Ist das jetzt schon das Ende? Jetzt sind wir im Jahr 2017, und er hat das Australian Open gewonnen. Und die Zeitungen werden nun alle schreiben, er sei wieder der Grösste.

Wie haben Sie diesen Final vorbereitet?
Weil wir mehr Zeit hatten, sprachen wir auch mehr darüber. Am Donnerstag spielte Roger seinen Halbfinal, am Freitag hatte er eigentlich frei. Aber ich sagte zu ihm: «Spiel doch trotzdem eine halbe Stunde mit einem Linkshänder.» Denn Roger hatte im Dezember nie mit einem Linkshänder trainiert. Und gegen Melzer hatte er in der ersten Runde Mühe gehabt. Deshalb schlug er ein paar Bälle mit Omar Jasika. Wir gingen in die Halle, damit wir unsere Ruhe hatten. Am Freitag schauten wir uns zusammen Nadals Match gegen Dimitrov an. Von A bis Z. Es ist nicht so, dass man etwas total Neues entdeckt. Aber es war doch interessant. Denn Nadal spielt nicht gleich wie vor sechs, sieben Jahren.

Was war die taktische Marschroute im Final?
Es war wichtig, dass Roger angriffig spielte, Nadal keine Zeit gab in den Ballwechseln. Das Niveau war unglaublich hoch. Fast nur Winner von beiden Seiten. Die Bälle waren schneller als in früheren Jahren. Das machte einen grossen Unterschied. Wichtig ist, dass Roger mit einem klaren Bild auf den Court ging. Es war unglaublich, mit welcher Überzeugung er in diesen Match stieg. Er war sich sicher, dass er gewinnen würde.

Haben Sie ihn die Rückhand schon einmal so stark spielen sehen?
Er hat sie unglaublich gut geschlagen, das stimmt. Dadurch drängte er Nadal in die Defensive. Aber es ist nicht das erste Mal, dass er sie so gut spielt. Als er Nadal am ATP-Finale (2011) 6:3, 6:0 schlug, nahm er die Bälle mit der Rückhand ähnlich früh und spielt sie auch so flach. Aber die Bedingungen sind überall anders, deshalb kann er anderswo auch nicht genau gleich spielen wie hier. Aber natürlich hat uns dieses Turnier wieder viele Informationen gegeben.

Hand aufs Herz: Hat Federer Sie überrascht?
Er überrascht mich fast jeden Tag. Ich wusste, dass er es kann. Aber es zu erleben, ist dann doch noch etwas anderes.

Er holte erstmals einen Grand-Slam-Titel, indem er drei Fünfsatzmatches gewann. Was sagt das über ihn aus?
Das war ich mir nicht bewusst. Das ist sicher ein gutes Zeichen. Als ich zu Roger stiess, sagte er immer: Wenn du ein Grand Slam gewinnen willst, musst du in der Verfassung sein, um siebenmal über fünf Sätze zu gehen. Und dafür arbeitet er hart.

Was kann er noch verbessern?
Man kann immer an Details feilen. Aber mich beeindruckt, wie er es schaffte, angriffig zu spielen, ohne zu sehr zu forcieren. Und dieser Sieg wird ihn sicher ermutigen für die Zukunft.

Federer betonte in den letzten Tagen immer, wie wichtig für ihn sein Team sei. Welchen Anteil haben Sie?
Wir alle versuchen einfach, unser Maximum zu geben. Ein Prozent hier herauszuholen, eines dort. Aber wir wissen auch, dass es der Spieler ist, der es umsetzen muss. Es ist nett, dass er in solchen Momenten an uns denkt. Aber es ist sein Sieg. Und er wird ihm sicher viel Motivation geben.

Welche Rolle spielt Ivan Ljubicic?
Ich kann etwas von Ivan lernen, aber auch umgekehrt. Wir ergänzen uns sehr gut. Ich bin auch froh für ihn, weil er in einem schwierigen Moment zu uns stiess. 2016 war kein einfaches Jahr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2017, 17:47 Uhr

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