Die perfekte Krönung beantwortet auch die grossen Fragen

Mit dem 8. Wimbledon-Titel hat Federer die letzten Zweifel ausgeräumt, ob er in einem Atemzug mit den grössten Sportlern der Geschichte genannt werden kann – mit Ali und Jordan.

Spass mit Federers Jungs: Der Auftritt von Lenny und Leo brachte die Zuschauer im Centre Court zum Schmunzeln. (Video: TA/lko)

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Als Roger Federer vor knapp einem Jahr seinen Entscheid bekannt gab, die Tennis-Saison abzubrechen und auch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro auszulassen, auf die er sich lange gefreut hatte, sahen viele darin den Anfang vom Ende. Nein, nein, schwächte sein Manager Tony Godsick damals ab: Er tue das nur, um stärker zurückzukommen. Federer hatte sich im Januar am Meniskus verletzt, hatte wohl zu wenig lange pausiert, sich mit Knie- und Rückenproblemen durch einige Turniere gequält, ehe er die Notbremse zog. Nur kurz diskutierte er mit seiner Frau in den Monaten der Therapie die Frage, ob er überhaupt auf die Tour zurückkehren sollte. Federer wollte, keine Frage, und Mirka, die ihre Karriere verletzungsbedingt früh abbrechen musste, stand schon immer bedingungslos hinter seiner Karriere.

Federer hatte keine Mühe, fünf Monate lang nur zu trainieren, während er in der Weltrangliste zurückrutschte und erstmals seit 2002 aus den Top 10 fiel. Wer ihm Ende 2016 vorausgesagt hätte, er würde bei seinem Comeback in Melbourne gleich seinen ersten Grand-Slam-Pokal seit fast fünf Jahren gewinnen und sich am 16. Juli mit seinem 8. Titel zum alleinigen Rekord-Wimbledon-Sieger krönen lassen, wäre für verrückt erklärt worden – auch von ihm selber. Genau dies ist aber geschehen, und dazwischen gewann er drei weitere Turniere: in Indian Wells, Miami und Halle.

Mit 35 Jahren und 342 Tagen ist ­Federer nun der älteste Wimbledon-Sieger der Profiära, die 1968 begann. Dank eines undramatischen 6:3, 6:1, 6:4 gegen den überforderten und an einer Blase leidenden Kroaten Marin Cilic. Der 1111. Sieg seiner Profikarriere im 11. Wimbledon-Final ist die perfekte Krönung seiner Karriere – an seinem Lieblingsturnier, dem Ort seiner Träume, seiner Wiege als Champion.

Video: Und dann war der Sieg plötzlich da

Nach weniger als zwei Stunden schlug Federer zum Titel auf.

Dass es dazu kam, hat er nicht nur seiner Beharrlichkeit und Klasse zu verdanken. Um in diesem Alter noch so erfolgreich zu sein, braucht es auch ein Team, das ihn gut berät, zu den richtigen Entscheiden führt. Und gerade darin bewies Federer mit seinem Umfeld über seine gesamte Karriere und speziell im vergangenen Jahr wieder Weitblick. Er zeigte sich als eine Art König von Midas des Tennis, der der Sage nach sogar seine Tochter in Gold verwandelte: Alle seine Entscheidungen und seine Planung, mitsamt dem freiwilligen Verzicht auf die gesamte Sandsaison und Roland Garros, erwiesen sich rückblickend als ideal.

Zu Beginn seiner Karriere hatte ­Federer als Rohdiamant gegolten, der zwar alles konnte, aber zu emotionell war, um zum konstanten Siegspieler zu werden. Inzwischen ist er mit 19 Grand-Slam-Trophäen, unzähligen Rekorden und 302 Wochen an der Spitze der Weltrangliste der klar erfolgreichste Spieler der Tennisgeschichte.

Für Nadal und Djokovic kaum noch einzuholen

Zusammen mit Sandkönig Rafael Nadal, der in Paris eben zum 10. Mal das French Open gewann, ist er der Einzige, der ein Grand-Slam-Turnier öfter als siebenmal gewinnen konnte.

Trotz der Klasse seiner Hauptrivalen Nadal (15) und Novak Djokovic (12) dürften ihn diese nun nicht mehr einholen, was die Grand-Slam-Pokale betrifft, die bedeutendste Rekordliste im Tennis. Zumal nichts darauf hin­deutet, dass Federer bald nachlassen könnte. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass auch der Sieg am US Open im September über ihn führen dürfte. Und inzwischen ist auch die Nummer 1 wieder sehr nahe, die ihn aber nicht mehr wirklich interessiert und für die er keine Kompromisse eingehen wird.

Auf Augenhöhe mit Ali und Jordan

In Wimbledon hat Federer zudem einen Erfolg errungen, der über seinen Sport hinaus Beachtung findet. Er hat damit wohl die letzten Zweifel ausgeräumt, ob er tatsächlich in einem Atemzug mit den grössten Sportlern der Geschichte genannt werden kann – mit Muhammad Ali, Michael Jordan oder Jack Nicklaus. Erstaunlich daran ist, dass er bereits das 70. Grand-Slam-Turnier bestritt. Mehr hat in der Profi­ära noch niemand absolviert, einzig der Franzose Fabrice Santoro erreichte diese Zahl. Dass es Federers letztes sein wird, davon ist nicht auszugehen. Und statistisch war es sogar eines seiner besten. Immerhin ist er der Erste seit 41 Jahren und Björn Borg, der Wimbledon ohne Satzverlust gewann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2017, 23:30 Uhr

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