«Ihr Torhüter war grossartig»
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 19.02.2010
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Gewiss, vor vier Jahren an Olympia hatte die Schweiz mit einem sensationellen 2:0-Erfolg über das Mutterland des Eishockeys aufhorchen lassen. Damals in Turin war neben dem starken Kollektiv von Ralph Krueger Doppeltorschütze Paul«Kanda-Päuli» DiPietro sowie Goalie Martin Gerber, der 50 Paraden zeigte, die ganz grossen Helden. Es war eine Sternstunde in der Geschichte des Schweizer Eishockeys, ja, des helvetischen Mannschaftssports; der unerwartete Sieg war ungefähr gleich bedeutend, wie wenn die Schweizer Fussballer Brasilien mit 1:0 an der WM schlagen würden.
Dieses 2:3 nach einem Penaltykrimi am 18. Februar 2010 Lokalzeit in der ausverkauften Arena von Vancouver ist nicht weniger wert als der Triumph von 2006. Im Gegenteil: In der Höhle des Gastgeberlandes hat die Auswahl von Swiss Ice Hockey dem Gold-Favoriten, dessen Selektion als stärker eingestuft werden muss als Team Canada vor vier Jahren im Piemont, alles abgefordert und sogar einen 0:2-Rückstand wettgemacht. Dabei hatte der Underdog mit einer Ausnahme, als die Heads ein Foul von AHL-Stürmer Andres Ambühl an Superstar Sidney Crosby im 3. Drittel übersahen, von den Spielleitern keineswegs einen Bonus erhalten. Das Krueger-Team musste einige krasse Fehlentscheidungen sowohl der Heads als auch der Linesmen aus den USA und Schweden schlucken.
Das Lob der NHL-Stars
Der eine Punkt einer aufopfernd kämpfenden Schweizer Mannschaft bleibt in der Statistik verewigt, die eindrückliche Leistung von Goalie Jonas Hiller in Erinnerung. Der Appenzeller hat in seinem zweiten olympischen Auftritt in seiner Karriere mit 44 Paraden vor dem Penaltydrama mit Gerbers Parforceleistung von 2006 gegen den gleichen Gegner gleichgezogen. Damit ist der Goalie der Anaheim Ducks, der sich im Shootout nur von Crosby bezwingen liess, endgültig in den Schweizer Torhüter-Olymp aufgestiegen. Hiller hatte zwar zuvor oft gute Leistungen mit der Nationalmannschaft gezeigt – unter anderem an der A-WM 2007 in Moskau– der ganz grosse Exploit ist dem Ostschweizer im rot-weiss-roten Dress der Landesauswahl aber bisher verwehrt geblieben.
Komplimente erhielt Hiller nicht nur von seinen Mitspielern, sondern auch vom Gegner. «Der Torhüter war grossartig», lobte Martin Brodeur seinen Gegenüber mit Schweizer Pass. Der kanadische Goalie selbst bot in diesem aussergewöhnlich guten Match ebenfalls eine starke Vorstellung. Brodeur erinnerte noch an die kanadische Pleite vor vier Jahren: «Er war so gut wie Marty Gerber.» Und auch Crosby, dem es schliesslich in seinem zweiten Penaltyversuch gelang, den Schweizer Goalie zu bezwingen, fand: «Hiller hat sich sehr auf seine Aufgabe fokussiert.» Anaheims Klubkolle Ryan Getzlaf meinte: «Er hat grossartig gespielt. Ich weiss, wozu er fähig ist. Schliesslich spiele ich mit ihm das ganze Jahr.» Und Kanadas Captain Scott Niedermayer schliesslich verteilte das grösste Lob, was ein Torhüter überhaupt vom Gegner erhalten kann. «Seine vielen Paraden waren schon frustrierend für uns.»
Das beste Spiel des Lebens?
Hiller selbst blieb nach dem aufwühlenden Duell zwischen den millionenschweren NHL-Stars und der Schweizer Auswahl mit nur zwei bestandenen NHL-Profis gewohnt gefasst. «Ich weiss nicht, ob das mein bestes Spiel in meiner Laufbahn war. Ich muss mir das Ganze nochmals auf einem Videoband anschauen.» Der 28-Jährige zeigte sich aber überzeugt, dass «es eines der besten Spiele einer Schweizer Nationalmannschaft gewesen ist, die ich gesehen habe. Ich glaube nicht, dass wir diesen Punkt gestohlen haben. Wir haben wirklich gut spielt und diesen Punkt verdient gewonnen.»
Der ehemalige Goalie des HC Davos scheint heuer seine Karriere erst richtig lanciert zu haben. Mit seinem neuen Vertrag bei den Ducks – 18 Million US-Dollar über die nächsten vier Jahre – ist er auch finanziell gut gebettet. Mit anderen Worten: Der bewegliche Hiller ist auf dem Weg, der beste Torhüter aller Zeiten in der Geschichte des Schweizer Eishockeys zu werden.
Wenn er es nicht schon ist.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.02.2010, 17:24 Uhr
