Luongo – der neue Hoffnungsträger von Kanada
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 23.02.2010
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Nein, so hatte man den Turnierverlauf des besten Eishockey-Turniers aller Zeiten – mit einem sonderbaren Modus notabene – nicht erwartet. Die USA, Schweden, Russland und Finnland haben sich nach der Vorrunde bereits für die Viertelfinals qualifiziert, nicht aber der Favorit auf Gold, Kanada. Der Olympia-Gastgeber muss den Umweg über die Playoff-Runde (oder Achtelfinal) gegen die Deutschen nehmen. Gewinnen die Kanadier, dann treffen sie im Viertelfinal auf die Russen, scheiden sie gegen den Underdog aus Germany aus, dann geht dieser Fehltritt als grösstes Debakel in Kanadas Sportgeschichte ein.
So weit soll es aber nicht kommen, auch wenn der Schock im ganzen Land nach der Pleite gegen den Nachbarn aus dem Süden immer noch sehr tief sitzt. «Ich verstehe, dass sich die ganze Nation Sorgen um unser Team macht. Wir müssen nun einfach einen längeren Weg nehmen, um den Final zu erreichen. Aber wir sind immer noch zuversichtlich, dass wir Gold holen werden», sagt der kanadische Verteidiger Drew Doughty, der seine Brötchen bei den Los Angeles Kings verdient.
Die Stimme des Volkes
Der Druck lastet nicht nur auf die Spieler aus dem Mutterland des Eishockeys, sondern auch auf Headcoach Mike Babcock. Dieser musste schon einiges an Kritik über sich ergehen lassen, nicht nur in den Medien, sondern auch auf Twitter. Dort verlangte das Volk nachhaltig, dass auf dem Torhüterposten sofort eine Änderung nötig sei. Babcock ist offenbar der gleichen Meinung wie die Stimme des Volkes und hat in einer Pressekonferenz angekündigt, dass Roberto Luongo ab sofort die Nummer 1 ist. Der Goalie der Vancouver Canucks eröffnete beim 8:0-Sieg gegen Norwegen mit einem Shutout das Turnier, während der berühmtere und erfahrenere Martin Brodeur von den New Jersey Devils gegen die USA nicht überzeugen konnte. Der 37-Jährige wird jetzt zum Ersatzmann «degradiert».
Während Brodeur sich zur Massnahme seines Personalchefs nicht äussern will, zeigt sich der Einheimische Luongo entzückt über die Einsatzmöglichkeit gegen Deutschland. «Ich kann euch gar nicht sagen, wie mich das freut. Das Adrenalin fliesst in meinen Adern. Es wird wieder viel Spass machen, vor heimischem Publikum zu spielen», sagt der Schlussmann der Canucks. Babcock meint zu seinem Schritt: «Wir sind in einem Business, wo nur das Siegen zählt. Wir glauben, dass wir mit ‹Lou› eine grosse Chance haben, das Turnier zu gewinnen.»
Tscheche führt in der NHL-Statistik
Babcock bedient sich eines alten Mittels, um die Feldspieler aufzuwecken und dem Team neuen Schwung zu verleihen: der Torhüterwechsel. Es ist durchaus möglich, dass diese Änderung auch Erfolg hat. So oder so wird von Kanada ein Sieg über Deutschland erwartet. Allerdings müssen sich die hoch bezahlten Stars mit dem Ahornblatt auf der Brust gewaltig steigern, wollen sie überhaupt ein Wort um die Medaillen mitreden.
Interessant ist an diesem olympischen Turnier mit lauter Profis aus der besten Liga der Welt, dass nicht ein kanadischer Goalie die Statistik der Paraden oder gehaltenen Schüsse der NHL anführt. Es ist dies nämlich der Tscheche Tomas Vokoun von den Florida Panthers (93,1 Prozent) vor US-Nationalgoalie Ryan Miller (Buffalo Sabres, 93,0). Luongo folgt auf Rang 12 (91,9) vor dem Schweizer Jonas Hiller (Anaheim Ducks, 91,9). Brodeur liegt erst auf Rang 18 (91,5). Letzterer gilt jedoch in Nordamerika als ein Spieler, der in Playoff-Schlachten oft über sich hinauswachsen kann.
Babcock und Kanada spielen nicht nur auf dem Goalie-Posten mit dem Feuer. Ob nun gegen Deutschland oder allenfalls später gegen Weltmeister Russland – der grosse Favorit steht unter einem gewaltigen Druck. Rick Nash, die ehemalige Flügel-Rakete des HC Davos, ist aber überzeugt: «Mit jedem Spiel werden wir besser.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2010, 16:28 Uhr
