Die grosse Curling-Wandlung
Von Stephan Roth. Aktualisiert am 23.02.2010
«Kämpfen, kämpfen!»: Carmen Schäfer ist mit viel Leidenschaft bei der Sache. (Bild: Keystone)
Skip und Ex-Skip: Markus Eggler (links) und Ralph Stöckli diskutieren die Lage. (Bild: Keystone)
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
- Die letzte Saison soll die beste sein
- Olympionikin singt den Schweizer Olympiasong
- Unverkrampft nach Vancouver
Stichworte
Ranglisten
Männer
1. Kanada 8/16.
2. Norwegen 8/12.
3. Schweiz und Grossbritannien je 8/10.
5. Schweden 8/8.
6. Deutschland 9/8.
7. Frankreich 8/6.
8. China und Dänemark je 8/4.
Restprogramm der Round Robin
9. Runde: Schweiz - Frankreich, Norwegen - Grossbritannien, Schweden - Dänemark, Kanada- China.
Frauen
1. Kanada 7/12
2. Schweden 7/10
3. China 8/10
4. Schweiz 7/8
5. Deutschland und Japan, je 7/6
7. Dänemark, Grossbritannien und Russland, je 8/6
10. USA 7/4
Restprogramm der Round Robin
11. Runde: Schweiz - Deutschland, Japan - Schweden; Kanada - Grossbritannien, China - USA. 12. Runde: Schweiz - USA, Kanada - Russland, Japan - Dänemark, Schweden - Deutschland.
Das Curling-Turnier in Vancouver geht in die entscheidende Phase. Und Mitten drin sind die beiden Schweizer Teams. Dabei haben sowohl die Männer um Skip Markus Eggler als auch die Frauen mit Mirjam Ott an der Spitze schon grosse Probleme überwunden.
Janine Greiner, Carmen Küng, Carmen Schäfer und Mirjam Ott starteten mit drei Niederlagen: 4:5 gegen Kanada, 7:8 nach Zusatzend gegen Olympiasieger Schweden und 6:8 gegen Weltmeister China. «Wir wussten im voraus, dass wir zu Beginn gegen drei der besten Teams spielen würden. Da mussten wir damit rechnen», sagte Carmen Schäfer im Interview mit dem Schweizer Fernsehen. «Wir sagten uns: ‹Wir schauen von Spiel zu Spiel, von Tag zu Tag.›»
Die Schweizerinnen liessen sich durch den Fehlstart auch nicht aus der Bahn werfen. Nervenstark gingen sie mit der Drucksituation um und starteten nach einem Ruhetag die Aufholjagd. 8:5 gegen Russland, 8:7 gegen Dänemark, 10:6 gegen Grossbritannien und nun 10:4 gegen den Mitfavoriten Japan.
«Wir wollen eine Medaille»
Das Ott-Team trifft nun in der Round Robin noch in der Revanche für den EM-Final auf Europameister Deutschland (heute 18 Uhr) sowie auf die Amerikanerinnen, die schon alle Chancen aufs Weiterkommen eingebüsst haben. Mit zwei Siegen qualifizieren sich die Curlerinnen des CC Davos direkt für die Halbfinals, mit einem Sieg ist ihnen zumindest die Teilnahme an den Tiebreaks sicher. «Kämpfen, kämpfen», gab Schäfer das Motto des Teams für die verbleibenden Spiele bekannt. «Wir wollen in den Halbfinal. Wir wollen eine Medaille.»
An der Curling-EM 2006 in Basel hatten Ott und ihre Mitstreiterinnen nach drei Startniederlagen und einer eindrucksvollen Aufholjagd noch Bronze geholt. «Wir sind ein Team, das sich während einem Turnier steigern kann», sagte Janine Greiner.
Gegen Japan spielten die Schweizerinnen gestern Abend wieder mit Selbstvertrauen und Präzision. «Es war unsere bisher beste Leistung», sagte Mirjam Ott, die eine Traumquote von 94 Prozent an gelungenen Steinen erreichte. «Mit einer soliden Leistung können wir Deutschland schlagen.» Wie man eine Medaille bei Olympia holt, weiss die 38-jährige Berner Kämpferin, die sich auch mit Boxen fit hält. Sie hat als einzige Curlerin schon zwei geholt. Sowohl 2002 in Salt Lake City im Team von Luzia Ebnöther als auch 2006 in Turin als Skip brachte sie Silber nach Hause.
Männer meisterten Zwischentief
Einen ganz anderen Turnierverlauf erlebten die Männer. Sie starteten mit drei Siegen blendend, verloren danach aber drei von vier Partien. Gestern gelang ihnen dann gegen Europameister Schweden (7:3) ein äusserst wichtiger Sieg. Mit einem weiteren Erfolg im abschliessenden Round-Robin-Spiel gegen Angstgegner Frankreich in der Nacht auf Mittwoch Schweizer Zeit könnten die Schweizer die Halbfinal-Qualifikation klarmachen. Bei einer Niederlage hätten die Schweizer ebenfalls noch sehr gute Chancen, unter die besten vier zu kommen. Nur müssten sie dann sehr wahrscheinlich den Umweg über ein oder zwei Tiebreaks gehen. «So weit wollen wir es jetzt natürlich nicht kommen lassen», sagte Ralph Stöckli, der als Nummer 4 in jedem End das letzte Steine-Paar spielt.
Der 33-jährige St. Galler war bei den Niederlagen gegen Norwegen und Deutschland weit hinter seinen Möglichkeiten geblieben, so dass bereits Überlegungen über eine Umplatzierung Stöcklis diskutiert wurden, wenn man dem Schweizer Fernsehen glauben darf.
Eggler ersetzte Stöckli als Skip
Vor der Partie gegen Frankreich werden die Schweizer noch einmal die Hilfe von Jörg Wetzel, dem Sportpsychologen der Swiss-Olympic- Delegation, in Anspruch nehmen. Das Team arbeitet seit vier Jahren mit ihm zusammen. In Vancouver konnte er bereits Ralph Stöckli aus der spielerischen und mentalen Krise herausholen. Gegen Schweden erreichte er die hervorragende Quote von 94 Prozent an gelungenen Steinen und entschied die Partie mit einem spektakulären Shot, der den Schweizern drei Punkte einbrachte.
Im November hatte Thomas Lips, der Coach von Regio-Basel, seinem Team empfohlen, einen Wechsel auf der Position des Skips vorzunehmen. Markus Eggler, der 1992 als Skip Weltmeister geworden war, ersetzte darauf Stöckli. «Das Skippen braucht sehr viel Energie, so kann sich Ralph voll auf die beiden letzten Steine konzentrieren. Im Spitzencurling entscheidet fast immer der vierte Mann», sagte Eggler der «Berner Zeitung». Stöckli konnte mit der Degradierung gut umgehen. Gegnüber der «NZZ» sagte er: «Ich bin ein Mensch, der viel nachdenkt, manchmal zu viel. Das hat sich für mich als Skip manchmal als Nachteil erwiesen.»
Schweiz ist eine erfolgsverwöhnte Curling-Nation
Als Skip trifft Routinier Eggler nun die Entscheidungen und gibt die Taktik vor. Der 41-jährige Thuner, der in Münchenstein BL lebt, dürfte in Vancouver zum letzten Mal auf internationaler Ebene spielen. Zum Abschluss strebt er noch einmal eine Medaille an. «Wir wollen aufs Podest, nur das zählt», sagte er.
Seit Curling 1998 offiziell wieder olympisch wurde, ging die Schweiz nie leer aus. Patrick Hürlimann holte 1998 in Nagano Gold. 2002 in Salt Lake City gab es für Luzia Ebnöther Silber und Andreas Schwaller (mit Eggler im Team) Bronze. Und 2006 eroberte Ott in Turin Silber. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2010, 14:24 Uhr
