Mit Wahnsinnssprüngen zu Olympia-Gold
Von Adrian Ruch. Aktualisiert am 17.02.2010 4 Kommentare
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Das ist der Double Cork Ten-Eighty
Als sich die amerikanischen Halfpipe-Spezialisten in Vancouver den Medien stellen, tragen sie alle die weisse Teamuniform. Alle? Nein, einer erscheint in einer blauen Jacke und einem schicken Halstuch; in der Hand trägt er eine Tasse Tee. Shaun White wäre auf Grund seiner feuerroten Locken auch sonst aufgefallen, doch das ist nicht der Punkt. Der 23-Jährige ist etwas Besonderes – und stolz darauf. «Ich mache die Dinge etwas anders als die anderen.»
Etwas besonderes war der Kalifornier schon immer. Als 5-Jähriger musste er zweimal am offenen Herzen operiert werden, kurz darauf entdeckte er die Leidenschaft für die Bretter. Und bald schon galt er sowohl auf dem Skateboard als auch auf dem Snowboard als Wunderkind – mit 7 wurde er von Burton unter Vertrag genommen, mit 13 schloss er den ersten Millionen-Dollar-Kontrakt ab.
Und jetzt, eine Dekade später, ist er der unbestrittene Superstar der Snowboardszene. Er sammelt X-Games-Medaillen wie andere Pins, er ist Olympiasieger in der Halfpipe, sein Jahreseinkommen wird auf über 8 Millionen Franken geschätzt, und er zählt Musiker, Schauspieler sowie Basketballprofis zu seinen Freunden. Mit Rivalen herumhängen, wie das unter Snowboardern üblich ist, mag er nicht. «Ich mache die Dinge etwas anders als die anderen.»
«Ich mag es nicht zu verlieren»
Das Markenzeich Shaun Whites sind seine langen roten Haare. Sollte er sie abschneiden, würden sie sich umbringen, haben ihm weibliche Fans gedroht. Seine unverkennbare Frisur hat White einst den Übernamen «fliegende Tomate» eingetragen. Doch dieser Bezeichnung ist er überdrüssig geworden. Er will nun – in Anlehnung an eine Figur aus der Muppet-Show, die sich durch unbändigen Appetit auszeichnet – «Monster» genannt werden. Charakterlich passt das; des Amerikaners Erfolgshunger ist ungestillt.
«Ich mag es nicht, zu verlieren, also stellte ich sicher, dass ich gewinne.» Damit ihm dies gelingt, geht er eigene Wege. Sein Sponsor Red Bull hat Shaun White in den Rocky Mountains eine Halfpipe gebaut, die nur per Helikopter zugänglich ist. Dort konnte er dann ganz ungestört und vor den Blicken der Konkurrenten geschützt neue Tricks einüben. «Ich mache die Dinge etwas anders als die anderen.»
Double Cork mit weicher Landung
Über eine halbe Million Franken soll das «Project X» gekostet haben; doch es dürfte sich sowohl für den Sponsor als auch den Athleten gelohnt haben. Schaumstoffwürfel am Ende der mächtigen Schneerinne ermöglichten eine weiche Landung. So konnte White den Furcht erregenden Double Cork lernen, ohne sich in Verletzungsgefahr zu begeben. Mit diesem Sprung (siehe auch Seite 12) hat er den Snowboardsport auf ein neues Niveau gehoben. Wer diesen Trick, einen doppelten Salto mit dreifacher Schraube, heute in Cypress Mountain nicht im Programm hat, wird kaum ganz weit vorne landen.
Je nach Beschaffenheit der Halfpipe sind für den Olympiasieg zwei bis drei Varianten des Überkopfsprungs nötig. Der 23-Jährige hat seine Konkurrenten quasi gezwungen, sich den Double Cork auch anzueignen. Die meisten haben sich schwer getan, Iouri Podladtchikov freilich nicht. Schon den zweiten Versuch stand der Zürcher – ohne Luftkissen notabene. Während seine Verfolger verbissen um den Anschluss kämpften, machte Shaun White schon den nächsten Schritt und zauberte einen Double McTwist 1260 aus dem Helm, einen doppelten Vorwärtssalto mit dreieinhalb Schrauben. «Ich mache die Dinge etwas anders als die anderen.»
Der Neid der Weggefährten
Vor allem aber macht er die Dinge besser. «Er hat das Snowboarden im Blut und den Willen, jeden einzelnen Wettkampf zu gewinnen. Er bringt die ganze Sportart weiter. Shaun White ist für den Snowboardsport was Tiger Woods für den Golfsport», sagt der Schweizer Freestyle-Coach Marco Bruni. Obwohl White grossen Anteil daran hat, dass Snowboarden gesellschaftsfähig geworden ist, gewinnt er in der Szene keinen Popularitätswettbewerb, zumindest nicht mehr. Seine Weggefährten nehmen ihm seine Extrazüge übel; sie passen nicht in ein Umfeld, indem sich Konkurrenten nach geglückten Läufen gegenseitig abklatschen.
Im privaten Gespräch, wenn er nicht darauf bedacht ist, das Image des coolen Stars zu pflegen, ist Shaun White ein anständiger Junge. Marco Bruni sagt, er sehe nur einen Grund für dessen mässige Beliebtheit. «Er ist die klare Nummer 1; und wer so viel Erfolg hat, hat automatisch Neider.» Respekt wird ihm gezollt, Zuneigung bekommt er hingegen weniger als andere. Damit geht es ihm ähnlich wie Tiger Woods. Das Zitat stammt vom Überflieger, doch es könnte durchaus auch aus dem Mund des Übergolfers kommen: «Ich mache die Dinge etwas anders als die anderen.»
In hohem Bogen durch die Luft
Unschlagbar ist freilich auch Shaun White nicht, vor Stürzen gefeit schon gar nicht. An den X-Games in Aspen schlug er im Training mit dem Helm dermassen auf der Halfpipe-Kante auf, dass sein Kopfschutz in hohem Bogen durch die Luft flog. Der 23-Jährige gibt zu, dass das Missgeschick ihn heftig durchgeschüttelt habe.
Doch sein erster Gedanke sei gewesen, wieder nach oben zu gehen und den Trick gleich nochmals zu versuchen. Gesagt getan. Kurz darauf riskierte Shaun White im Wettkampf den Double McTwist 1260 erneut, stand ihn und wurde mit dem Sieg belohnt. Er macht die Dinge eben etwas anders als die anderen – auch heute? (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.02.2010, 20:35 Uhr


Danny Meier
Es ist immer interessant Wenn man Sachen von Leuten liest die keine Ahnung haben. An ein Format wie Terje Håkonsen oder Shaun Palmer oder gar Craig Kelly wird der Knirps nie herankommen denn erster auf dem Treppchen zu sein ist das eine aber Kollegialität und eine gewisse Ethik hochzuhalten das andere. Das es nie mehr so wird wie vor 15 Jahren ist klar aber man kann sich auch positiv abgrenzen (!) Antworten