Mit dem Korkenzieher zum Sieges-Champagner
Von Monica Schneider, Vancouver. Aktualisiert am 17.02.2010
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
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Nun, da die olympische Form nach Wochen und Monaten intensiven und raffinierten Trainings sowie Testwettkämpfen und Hauptproben bei den Freestylern endlich da ist, fehlt sie der Halfpipe oben in Cypress Mountain gänzlich. Noch am Dienstagabend im zweiten Training präsentierte sie sich weich, unterschiedlich weich. Und das war nicht einmal das Hauptproblem: «Sie war eine Art Buckelpiste, vor allem unten in der Fläche», sagte Marco Bruni, der Trainer der Schweizer.
Das ist ärgerlich, denn heute Mittwoch (ab 22.05 Uhr Schweizer Zeit) ist für die Freestyler der Tag X dieses Winters. Allen anderen Schneesportlern ergeht es in diesen zu warmen Tagen in Whistler und Cypress aber nicht besser. Wer die verregneten Wettkämpfe der wahren Buckelpistenfahrer sah, konnte sich des Mitleids kaum erwehren.
Ein immenses Selbstvertrauen
Diese Umstände verleihen dem lang ersehnten Showdown der Korkenzieher-Generation eine neue Dimension: Wer kann sich am besten auf die ungeliebte Unterlage einstellen? Iouri «iPod» Podladtchikov, der sich an den prestigeträchtigen X-Games Ende Januar in Aspen nur Shaun White geschlagen geben musste, dem unangefochtenen Leader der Zunft und Olympiasieger 2006, ist zum Mitfavoriten auf eine Medaille aufgestiegen. Vier Tage danach gewann der 21-jährige Zürcher das Canadian Open in Calgary - nicht irgendwie: Er testete jenen Run, den er heute in der Qualifikation zeigen will, sofern die Pipe ihn zulässt. Dass er ihm gelang, liess Podladtchikovs Selbstvertrauen noch ein wenig grösser werden. Eine der Schwierigkeiten wird heute sein, dass die Fahrer bei ihren Landungen nicht verkanten. Das Brett frässe sich sofort in den Schnee, ein Sturz wäre kaum zu vermeiden.
Podladtchikov führt ein starkes Schweizer Team mit Christian Haller, Markus Keller und Sergio Berger an, das allerdings mit Verletzungssorgen kämpfte. Haller fährt seit rund drei Wochen mit gerissenem Innenband und einer Schiene, gab aber Entwarnung für den Wettkampf. Bruni sagt, das Training im weichen Schnee habe keine neuen Schmerzen verursacht. Keller, der Stylist und Weltmeister 2003, erlitt jüngst in sechs Wochen zwei Hirnerschütterungen, die aber, wie er versichert, ausgeheilt sind.
Mit drei Double Corks gerüstet
Podladtchikov nutzte den Monat seit den X-Games, um eine dritte Variante des Double Cork einzuüben, jenes Sprungs mit zwei Salti und mehreren Rotationen, der an die Bewegung eines Korkenziehers erinnert und zwischen Medaillengewinnern und Platzfahrern entscheiden wird. Mit drei Varianten sei er auf Augenhöhe mit dem White, glaubt er. Das Erstaunliche am 21-Jährigen ist nicht sein Mut und seine Risikofreudigkeit, sondern immer wieder sein Selbstvertrauen. Er sagt, es habe sehr viel Wille gebraucht, um so weit zu kommen, «nun gibt es mir viel Kraft, dass ich weltweit als Herausforderer gelte». Allerdings ist er, realistisch gesehen, nicht der einzige. White erwächst sogar teamintern ernsthafte Konkurrenz, gesamthaft beherrschen wohl rund zehn Fahrer den Double Cork. Wer aber beherrscht die Umstände? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2010, 14:21 Uhr
