«Die Qualität ist gut, bei der Quantität bin ich viel kritischer»
Von Monica Schneider. Aktualisiert am 01.03.2010
Umfrage
Sechsmal Gold, insgesamt neun Medaillen in Vancouver: Hat die Schweizer Delegation Ihre Erwartungen erfüllt?
Ja
Nein
1880 Stimmen
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
- Die letzte Saison soll die beste sein
- Olympionikin singt den Schweizer Olympiasong
- Unverkrampft nach Vancouver
Stichworte
Zum Abschluss seiner ersten Spiele als Headcoach von Swiss Olympic zog Gian Gilli mit seinem Team Bilanz. Die Erwartungen – rund ein Dutzend Medaillen – wurden quantitativ nicht erfüllt: 6 Goldund 3 Bronzemedaillen stehen 6 vierte Plätze gegenüber, die 146-köpfige Delegation gewann 18 Diplome und belegte 27 Top-Ten-Plätze. Dass die Eishockeymannschaft auf sich aufmerksam machte und sich die Curling-Teams steigerten, freut den Engadiner besonders.
Gian Gilli, Sie waren zwei Wochen lang Pendler zwischen den Olympiawelten Whistler und Vancouver – wie viele Kilometer waren Sie im Auto unterwegs?
Ouh, das waren viele, zwischen 3000 und 3500, manchmal war das aber auch erholend, besonders bei Nachtfahrten.
Das Konzept mit zwei Zentren hat sich also trotzdem bewährt?
Ja, auf jeden Fall, das waren perfekt organisierte Spiele, für mich die zweitschönsten nach Lillehammer 1994.
Die Delegation blieb mit 6-mal Gold und 3-mal Bronze unter den Erwartungen.
Ja, aber ich muss zwei Fazite ziehen: Medaillen und keine Medaillen. Bei 6-mal Gold und 3-mal Bronze muss man nichts hinterfragen. Bei den goldenen war die Qualität sehr hoch, 6-mal Gold ist historisch, alle in traditionellen Sportarten ausser jene im Skicross – die haben einen unheimlichen Wert. Der Sieg im Langlauf war das erste Gold für die Schweiz überhaupt.
Und quantitativ?
Was die Quantität betrifft, bin ich kritischer. Da haben wir unser Ziel klar nicht erreicht. Die Vorgabe war ein 8. Rang im Medaillenspiegel, der nur die Anzahl Auszeichnungen berücksichtigt. Wir liegen auf Platz 11. In diesem Bereich muss die Schweiz zulegen. Mit 6 vierten Plätzen und 27 Top-Ten-Rängen sind wir nahe dran, deshalb mache ich mir sportlich keine grossen Sorgen. Da ist viel Potenzial vorhanden, aber das zählt an Olympia nicht.
Wird die Strategie künftig sein, die Ausnahmeathleten noch mehr zu fördern, dafür an andern Orten bewusst Abstriche zu machen?
Swiss Olympic fördert nach einem klaren System, das die Leistungen der vergangenen Jahre sowie Bemühungen im Nachwuchsbereich berücksichtigt. Da müssen wir noch deutlicher Prioritäten setzen. Wo Potenzial besteht, müssen wir investieren, damit wir längerfristig bei den Allerbesten sind.
Welchen Sinn machen Selektionen aufgrund von «halben» Qualifikationen oder solchen, die erst im letzten Moment erreicht wurden?
Diesen Punkt müssen wir in der Tat hinterfragen. Wir haben wenige nachselektioniert, die nur die Hälfte der Kriterien erfüllten – und niemand von ihnen hatte einen Exploit. Die Konsequenz daraus muss sein, dass wir die Leistungskriterien hochhalten.
Auffällig war, dass kaum eine Frau glänzte, ganze Ski- und Langlaufteams blieben unter den Möglichkeiten. Woran lag das?
Ich habe keine Ahnung, ob das Zufall war oder passiert ist, weil wir die Frauen zu wenig förderten. Ich weiss es nicht. Aber wir werden das zusammen mit den Verbänden genau analysieren.
Bevölkerungsmässig ist Norwegen kleiner als die Schweiz, an Olympia aber erfolgreicher. Was kann man von den Norwegern kopieren?
Sie haben eine ausgeprägte Winnermentalität, können sich in wichtigen Momenten steigern. Es braucht ein ehrliches Bekenntnis zu einem langfristigen, harten Trainingsprozess. Und es braucht das Bekenntnis zu einer Gesellschaft, in der Sport ganz gross geschrieben wird. Das können wir lernen von den Norwegern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.03.2010, 13:43 Uhr
