Die neue Schweizer Nervenstärke
Von Stephan Roth. Aktualisiert am 24.02.2010 10 Kommentare
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
Können Sie sich noch an den Sommer 2006 und den WM-Achtelfinal der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft gegen die Ukraine erinnern? Natürlich; wer könnte vergessen, wie mit Ricardo Cabanas, Marco Streller und Tranquillo Barnetta alle drei Schützen der Nervenbelastung nicht gewachsen waren.
Dreieinhalb Jahre später geben die Schweizer Sportler bei Olympia meist ein ganz anderes Bild ab. Sie treten eiskalt, selbstsicher und nervenstark auf, wenn es zählt. Dem Druck, der schon manchen in einer entscheidenden Situation gelähmt hat, halten sie stand. So wie Simon Ammann, der als Favorit auf der Kleinschanze antrat und seinen Gegnern keine Chance liess. Nach dem ersten Sprung in Führung liegend behielt er die Nerven und sprang zu seinem vierten Olympia-Gold.
Auch bei seinem zweiten Auftritt liess sich der Toggenburger auf der Grossschanze durch nichts aus der Ruhe bringen. Weder durch das Theater einer Protestdrohung der österreichischen Konkurrenz noch durch die Last, Sporthistorisches leisten zu können. Ammann sprang souverän. Er holte als erster Skispringer vier Einzel-Goldmedaillen und setzte sich mit seinem vierten Gold ein Denkmal als erfolgreichster Schweizer Olympionike bei Winterspielen.
«Iceman» Janka: Kaltblütiger geht es nicht
Doch nicht nur Ammann stellte Nervenstärke, für die Schweizer davor nicht bekannt waren, unter Beweis. Gestern Abend wurde Carlo Janka seinem Übernamen «Iceman» gerecht. Im Riesenslalom führte der Weltmeister nach dem ersten Lauf mit nur zwei Hundertstelsekunden Vorsprung. Die Konkurrenz sass ihm im Nacken. Und der Norweger Kjetil Jansrud stellte ein Zeit auf, an der sich alle Gold-Kandidaten die Zähne ausbissen. Alle ausser Janka, der ruhig blieb und unbeirrt und ungefährdet zu Gold fuhr.
Dass Janka davor Enttäuschungen in der Abfahrt (8.) und in der Super-Kombination (4.) zu verkraften hatte, konnte der erst 23-jährige Bündner ausblenden, auch wenn er sagte: «Es ist nicht ganz einfach gewesen nach diesen Rückschlägen.» Immerhin signalisierte «Janks» den Fernsehzuschauern des Schweizer Fernsehens, dass auch seine Nerven beansprucht worden waren. «Die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf ist mir ewig vorgekommen», sagte er hinterher seelenruhig.
Eishockey-Team gewinnt Penaltyschiessen
Das Schweizer Eishockey-Team musste sich im Achtelfinal gegen Weissrussland dem ultimativen Nerventest stellen. 2:2 stand es trotz klarem Schweizer Chancenplus nach der Verlängerung. Das Penaltyschiessen musste entscheiden. Die Mannschaft des abtretenden Trainers Ralph Krueger, die davor das Penaltyschiessen gegen Turnierfavorit Kanada verloren hatte, liess sich jedoch nicht von ihrem Weg abbringen. Thomas Déruns und Romano Lemm verwandelten ihre Penaltys unglaublich souverän und Torhüter Jonas Hiller, für den das Spiel mit seinem Fehler vor dem 0:1 denkbar schlecht begonnen hatte, stoppte zwei Weissrussen.
Für ihre Nervenstärke wurden die Schweizer mit einem Platz im Viertelfinal gegen die USA (heute 21 Uhr, Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live) belohnt. Dass auch die Schweizer Eishockeyanerinnen das Spiel um Platz 5 im Penaltyschiessen gegen Russland gewannen, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Bereits sechs Goldmedaillen
Wie Ammann war auch Mike Schmid als Favorit in die Skicross-Konkurrenz gegangen. In der Qualifikation gelang dem Berner Oberländer die beste Zeit. Auch er liess sich durch die Drucksituation nicht lähmen. Er dominierte der Reihe nach den Achtelfinal, den Viertelfinal, den Halbfinal und liess der Konkurrenz auch im Final nicht den Hauch einer Chance.
Auch der Bündner Langläufer Dario Cologna sowie der Walliser Abfahrer Didier Défago entpuppten sich als Winnertypen und dürfen sich jetzt Olympiasieger nennen. Somit hat die Schweiz bereits sechs Goldmedaillen auf dem Konto. Mehr haben bisher nur die USA und Deutschland (je 7) erobert.
Curler überwanden Tiefs
Ein stabiles Nervenkostüm präsentierten auch die Curling-Teams. Die Equipe von Mirjam Ott verkraftete drei Startniederlagen und setzte zu einer Siegesserie an, die ihr die Halbfinalqualifikation gegen Kanada einbrachte. Das Männerteam um Skip Markus Eggler und Ralph Stöckli, dessen Selbstvertrauen angeknackst war, überwand ein Zwischentief, bezwang Angstgegner Frankreich sicher und kämpft gegen Topfavorit Kanada nun ebenfalls um den Finaleinzug. Auch die Zusammenarbeit mit Sportpsychologe Jörg Wetzel half den Schweizer Curlern.
Angesichts der beeindruckenden Nervenstärke, die unsere Athleten bisher an den Tag legten, muss man fast davon ausgehen, dass die Schweizer Nationalhymne in Vancouver noch nicht zum letzten Mal erklungen ist.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.02.2010, 10:25 Uhr
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10 Kommentare
CH-Fussballer sind mental selten im Kollektiv bereit und man verlässt sich auf andere. Man hat 90 Min, Zeit sich einzureden, dass man gewinnt. Schlimmstenfalls im Penaltyschiessen und das ist dann meist schlimmsten Falls. Darum: Freut euch auf 3 Spiele in SA und geniesst die WM trotzdem. CHer haben vielfach eine 2. Mannschaft "für die Spiele danach" In andern Sportarten scheints zu klappen. Bravo. Antworten
