Sport

«Es darf nicht sein, dass ein Athlet im Schweizer Haus abstürzt»

Von Andreas W. Schmid, Whistler. Aktualisiert am 18.02.2010

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann über den Wert der drei Goldmedaillen, die Finanzkrise und abgestürzte Sportler.

Nicht nur eitel Freude: Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann klatscht mit Skisprung-Olympiasieger Simon Ammann ab.

Nicht nur eitel Freude: Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann klatscht mit Skisprung-Olympiasieger Simon Ammann ab.
Bild: Keystone

Mit den Goldmedaillen von Simon Ammann, Didier Défago und Dario Cologna sowie dem dritten Podestplatz von Olivia Nobs erlebt der Schweizer Skiverband an den Olympischen Spielen in Kanada glorreiche Tage – Zeit, um mit Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann eine Zwischenbilanz zu ziehen. Der 40-jährige Aargauer muss sich an den Olympischen Winterspielen in seinem Amt um sieben verschiedene Wintersportdisziplinen kümmern.

Herr Lehmann, Was ist das Geheimnis des Erfolges von Swiss-Ski?
Am ersten Tag, an welchem ich ins Präsidium von Swiss-Ski gewählt wurde, habe ich gesagt: Wir müssen den Verband professionalisieren, und zwar auf allen Stufen. Wir brauchen überall die besten Leute am richtigen Ort. Wir haben jetzt – ein Beispiel unter vielen – einen Topmarketingmann, der es versteht, die Einnahmen markant zu erhöhen. Seit 2006 haben wir die Einnahmen von 27 Millionen auf 36 Millionen Franken erhöht. Das meiste davon fliesst in den Sport zurück.

Die Finanzkrise ging anscheinend an Swiss-Ski vorbei.
Dem ist tatsächlich so. Wir hatten nie eine Finanzkrise. Im Gegenteil: Wir haben unzählige Anfragen von Sponsoren und könnten unsere Werbeflächen doppelt verkaufen.

Was trägt sonst noch dazu bei, dass Swiss-Ski so viel Erfolg hat?
Das Wichtigste sind sicher talentierte Athleten, zudem braucht es gute Strukturen in der Nachwuchsarbeit. Beides ist bei uns vorhanden.

Swiss-Ski hat bis jetzt an den Spielen in Vancouver 4 Medaillen gewonnen. 13 waren Ihr Ziel. Ist das realistisch – oder liegt gar noch mehr drin?
Die 13 Medaillen hatten wir im vergangenen Herbst definiert, als wir noch nicht wussten, dass Lara Gut verletzt ausfällt. Bei den Frauen kalkulierten wir mit zwei Medaillen, wie wir sie an der WM in Val d’Isère geholt hatten. Das wird nun sehr schwer, trotzdem wollen wir an den 13 Podestplätzen festhalten. Medaillen sind jedoch nicht das ein und alles. Nicht in jeder Disziplin sind Medaillen möglich, aber wenn eine Mannschaft ihr Potenzial ausschöpft, dann ist schon sehr viel erreicht. Bis jetzt ist das überall geglückt, das macht mir am meisten Freude.

Was bereitet Ihnen Sorgen?
Wenn ein Athlet sich nicht professionell verhält. Es darf nicht sein, dass ein Sportler im Schweizer Haus vor allen Leuten abstürzt.

Das war hier an Olympia der Fall?
Ja, das kam in den letzten Tagen vor. Aber ich will jetzt keinen Namen nennen.

Was passiert mit dem Athleten?
Ich habe das mit den verantwortlichen Trainern besprochen. Direkt nehme ich nie Einfluss. Das ist nicht meine Sache. In der Regel sieht der Betreffende es ein, und dann ist es für mich in Ordnung. Ausrutscher gibt es überall. Wer sich korrekt verhält, der hat es auch einfacher, wenn es mal nicht so läuft. Sonst heisst es sehr schnell: Das war ja klar, so kann man keine Leistung bringen.

Nachdem Didier Cuche zum Sportler des Jahres 2009 gewählt wurde, stehen die Chancen für Ammann, Défago und Cologna mindestens so gut. Wen würden Sie wählen?
Aus sportlicher Sicht müsste ich Federer wählen. Er spielt in einer Weltsportart mit. Das ist beim Skisport nicht der Fall. In Australien kennt niemand Didier Cuche. Emotional sieht es natürlich anders aus. Da kommen alle drei sehr wohl in Frage. Ich werde mich jedoch hüten, Ihnen hier einen Namen zu nennen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.02.2010, 11:02 Uhr