Nach Ammann kommt nichts

Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 22.02.2010

Mit zwei Goldmedaillen ist die Schweiz eine Skisprungnation. Tatsächlich? Am olympischen Teamwettbewerb von heute nimmt sie nicht teil. Denn neben Simon Ammann und Andreas Küttel gibt es keine Springer mehr.

Simon Ammann fliegt allen davon: Nach seinem Rücktritt werden die Schweizer Skispringer gegenüber der Konkurrenz das Nachsehen haben.

Simon Ammann fliegt allen davon: Nach seinem Rücktritt werden die Schweizer Skispringer gegenüber der Konkurrenz das Nachsehen haben.
Bild: Reuters

Die Schweizer Sportfans tun gut daran, die vier Goldflüge des Überfliegers aus dem Toggenburg auf Video aufzunehmen. Denn es könnte nach einem Rücktritt des 28-jährigen Simon Ammann und dem 30-jährigen Ex-Weltmeisters Andreas Küttel in Sachen Skispringen Ende Feuer sein für den helvetischen Sportkonsumenten. Seit dem Rücktritt von Guido Landert und Michael Möllinger vor ungefähr zwei Jahren besteht das Nordisch-Team von Swiss-Ski nur noch aus den beiden Routiniers – dahinter folgt nix. Es herrscht Personalnot.

Die Skisprung-Verantwortlichen hoffen auf eine neue Generation, die in Bälde das aktuelle Mini-Team ergänzen könnte. Aber der St. Galler Pascal Egloff (18) und der Romand Rémi Français (20) sind noch nicht für die Weltelite bereit, wie Versuche an Weltcup-Springen in diesem Winter zeigten. Wann das der Fall sein wird, wissen die Skisprung-Götter. Das Vorhaben von Disziplinenchef Gary Furrer, die beiden schon für die Winterspiele 2010 einzubauen und allenfalls das olympische Teamspringen zu bestreiten, musste schon früh begraben werden.

Strukturelle Probleme

Die Problematik der grossen Lücke hinter Ammann und Küttel ist nicht neu. Trotz den grossen Erfolgen von «Simi» in Salt Lake City 2002, aber auch des Einsiedlers Küttel blieb ein Boom für das Skispringen im Winterland Schweiz aus.

«Das Problem ist strukturbedingt», erklärte Furrer anlässlich der Weltcup-Prüfungen vor Weihnachten in Engelberg gegenüber der «SonntagsZeitung». «Skisprungklubs sind nur dort verwurzelt, wo es auch Schanzen gibt.» Im Vergleich zum Ausland ist aber die Zahl an Anlagen äusserst tief. Furrer: «Im Sommer stehen nur Nachwuchsspringern abgesehen von Kleinstschanzen praktisch nur Gibswil im Zürcher Oberland und Einsiedeln zur Verfügung, im Winter bloss St. Moritz.» Da staunt Herr und Frau Schweizer. Damit würden, so Furrer weiter, ganze Regionen für das Skispringen verloren gehen. Im Kanton Wallis, ein Nährboden für erfolgreiche Schneesportler, existiere kein einziger Skisprungverein, im Kanton Graubünden gerade einer. Der Kanton Tessin sei auf dieser Landkarte inexistent.

Eine kleine Gruppe von Unentwegten

Während sich die Fussball-Klubs dem Ansturm von Jugendlichen kaum mehr erwehren können, und auch das Eishockey (vorläufig noch) immer noch seinen Festen Platz in der Schweizer Sporttradition hat, ist das Interesse am Skispringen im Land vergleichsweise gering – trotz den Erfolgen von Ammann oder Küttel. Bloss ungefähr 100 Skispringer zählt Swiss-Ski, alle Altersstufen inbegriffen.

Das Problem der Rekrutierung ist primär ein strukturelles, aber kein finanzielles. Swiss-Ski hat vorgesorgt, dass auch der Betrieb in den nordischen Disziplinen aufrecht erhaltet werden kann. Auch das ist auf die Erfolge des Spitzenduos Ammann und Küttel zurückzuführen. Denn Verantwortlichen ist die Situation bewusst. «Nach dem Abschied der beiden wird ein Loch entstehen. Wenn sich Schweizer Skispringer dereinst zwischen den Rängen 20 und 30 im Weltcup klassieren, so ist das gut», meinte Marc-Oliver Völz anlässlich des Weltcup-Events in Einsiedeln. Der Trainer hofft aber gleichzeitig, dass sich dank gezielter Nachwuchsarbeit wieder bessere Zeiten einstellen werden.

Es gibt ja noch die Aufzeichnung

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das gilt auch für das Skispringen in der Schweiz. Schliesslich besteht in Zukunft für den Fan noch die Aussicht, den Videoknopf zu drücken und mit Ammann zusammen nochmals in den Olymp zu fliegen. Die Vergangenheit ist ja so viel schöner als die Gegenwart (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2010, 18:30 Uhr


  • Whistler Mount.
  • 8°C
  • 18°C
  • Vancouver
  • 12°C
  • 16°C

Vancouver