Sport

Simon Ammanns goldene Reifeprüfung

Von Philipp Bärtsch (Si), Whistler. Aktualisiert am 14.02.2010

Zwischen den Goldmedaillen von Salt Lake City und Vancouver liegen acht Jahre und ein mühevoller Verwandlungsprozess.

1/19 Sonnenbrille nach langer nacht
Simon Ammann zeigt sich mit Sonnenbrille und seiner dritten Olympia-Goldmedaille.
Bild: Keystone

   

Die sprühende Begeisterung, die überbordenden Emotionen, die saloppen Statements - all diese Züge des skifliegenden Harry Potter von 2002 machen Simon Ammann auch im reifen Springeralter von 28 Jahren zu einem unverwechselbaren Charakterkopf. Simon Ammann ist ein Meister des Abhebens, den Bodenkontakt zu verlieren, gibt seinem Metier den Sinn. Bodenständigkeit und Bescheidenheit, die den Toggenburger Bauernsohn als Mensch prägen, markieren einen schönen Kontrast.

Ammann ist sich selber immer treu geblieben. Dass flatterhafte Züge mehr und mehr verschwanden und er mittlerweile Ruhe und unerschütterliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ausstrahlt, ist einem jahrelangen Reifeprozess geschuldet. Aus sportlicher Sicht haben der Überraschungsolympiasieger von einst und der Dauerbrenner im Kampf um Siege und Titel von heute nicht mehr viel gemeinsam. Der Simon Ammann von 2002, ein Federgewicht mit unterentwickelter Athletik, wäre schon lange chancenlos.

Von der Last nach unten gedrückt

Ammann wurde nach seinem «Gold Rush» nicht nur von der Last der Erwartungen nach unten gedrückt, sondern auch von neuen Regeln eingebremst. Engere Anzüge, die Einführung der Body-Mass-Index- Regel im Jahr 2004 - Ammann war eines der prominenten Opfer einer Entwicklung, die der Weltverband FIS vorantrieb, um das ramponierte Image der Sportart zu korrigieren. Als Symbolbilder für die damaligen Debatten haben sich die Aufnahmen eines bis auf die Knochen abgemagerten Sven Hannawald ins Gedächtnis eingebrannt.

Während die BMI-Regel einige Konkurrenten vom permanenten Hungern befreite, war es für den von Haus aus sehr feingliedrigen und schmalbrüstigen Ammann gar nicht so leicht, zwei, drei Kilo zuzulegen. Doch Disziplinenchef Gary Furrer gelang es in seiner zweiten Rolle als Spezialist für das Krafttraining, den Aufbau so zu steuern, dass Ammann trotz Muskelzuwachs wieder zu seinem phänomenalen Flug- und Körpergefühl fand.

Feintuning ist immer wieder auch im Materialbereich gefragt. Nach Salt Lake City hinkten die Schweizer den führenden Nationen manchmal hinterher. Die Lücken sind längst geschlossen. Heute kann das Swiss-Ski-Team agieren statt reagieren - dank eigenen Projekten mit Schweizer Partnern und dem Österreicher Gerhard Hofer, einem der besten Servicemänner der Szene. Ein wichtiger Schritt war für Ammann der Skimarkenwechsel von Elan zu Fischer im Sommer 2008. Nach dem Jahr der grossen Rückkehr mit WM-Gold auf der grossen und -Silber auf der kleinen Schanze hatte Ammann wieder einen Winter hinter sich, der den Ansprüchen eines Champions nicht genügte.

Materialwechsel und Feintuning

Während der Ursachenforschung konstatierte Ammann, dass er das letzte Engagement seines langjährigen Ausrüsters Elan zunehmend vermisste. Bei Branchenleader Fischer, einer österreichischen Firma, hat er sich auf Anhieb einen mindestens gleich hohen Status wie der Tiroler «Wunderspringer» Gregor Schlierenzauer erarbeitet. Ähnlich wie Michael Schumacher in der Formel 1 gilt Ammann mittlerweile als jener Athlet, der es wie kaum ein zweiter versteht, seine Sportgeräte dank exakter Feedbacks perfekt abzustimmen.

Ein ähnlich feines Sensorium hat Ammann für seinen Körper. Er schafft es praktisch Wochenende für Wochenende, die richtige Spannung aufzubauen und aus jeder Faser das Maximum herauszuholen. Wird der Rhythmus aber durchbrochen und folgen sich die Prüfungen Schlag auf Schlag, beginnt die Präzisionsmaschine zu stottern. Gelingt es Ammann, eine der letzten kleinen Schwächen auszumerzen, kann er im Herbst seiner Karriere auch noch die Vierschanzentournee gewinnen. Es ist eines der Ziele, die ihm als Weltmeister und nun schon dreifacher Olympiasieger bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2010, 01:42 Uhr