1500 Spritzen bis zum Skandal

Sie wollten den Erfolg – und überschritten die Grenze. Das ganze Team wurde gesperrt. Jetzt beschäftigt der Fall das Schweizer Bundesgericht.

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Am Anfang stand der Wunsch, besser als bisher zu sein. Die Geschichte der Essendon Bombers aber, ­einem der ­ältesten Footballclubs in Australien, ­endete im grössten Doping­skandal des Landes, in Morddrohungen, Anwalts­gefechten und mit einer Höchstbusse. «Die Saga», wie sie in Australien inzwischen genannt wird, ­beschäftigt das Land nun seit viereinhalb Jahren. Sie führt seit letzter ­Woche auch nach Lausanne ans Schweizer Bundesgericht. Doch der Reihe nach.

Australian Football, eine Mischung aus Rugby und American Football, das ohne ­Schutzausrüstung gespielt wird, ist der beliebteste Zuschauersport im Land mit einer ­geschlossenen Profiliga, wie sie auch die grossen ­US-Sportarten ­kennen. 18 Vereine zählen zur AFL, ­darunter die 1871 gegründeten Bombers aus dem Nordwesten von Melbourne. 45'000 Fans kommen im Schnitt an ihre Spiele; laufen sie im Cricket Ground von ­Melbourne auf, ihrem Zweitstadion, sind es 90'000.

Das Interesse am Club kontrastiert mit den Erfolgen von Essendon. Vor 16 Jahren vermochte es letztmals den ­Titel zu gewinnen. Darum wurde James Hird geholt, ein früherer Bombers-­Captain und eine nationale Grösse. Hird sollte die Negativserie beenden. Doch mit ihm begann 2011 der tiefe Fall.

Kälberblut zur Erholung

Im September des Jahres traf er seinen neuen Fitness-Chef Dean Robinson und den Sportwissenschaftler Stephen Dank. Hier endet die Übereinstimmung des Trios zu diesem folgenschweren ­Gespräch, wie sie sich auch sonst über die Jahre ­immer wieder widersprachen. Anhand der Gerichtsakten ist ­allerdings klar: Die drei einigten sich, die Fitness der Athleten und deren ­Erholungszeit zwischen den Trainings und Wettkämpfen zu verbessern. Ihr gemeinsames Ziel führte zu Spritzen, Pillen, Pulvern und Infusionen. Wie Versuchskaninchen habe man die Sportler gehalten, urteilten später die australischen Medien.

Die Mehrheit der Substanzen waren Hausmittelchen und ­legal, wenn auch umstritten und von zweifelhafter ­Wirkung. So erhielten die Spieler ein ­Extrakt aus Kälberblut, um sich damit schneller zu erholen. Sie schluckten grotesk überdosierte ­Vitaminpillen und ein Pflanzenextrakt, das bei Alzheimerpatienten eingesetzt wird. Erst AOD-9604 aber brachte neben einem zweiten Mittel den Skandal ins Rollen. Es soll den Stoffwechsel ­ankurbeln und damit beim Fettverbrennen helfen, sagen seine ­Anhänger. Die Weltanti­doping-Agentur fügte AOD-9604 auf Anfang 2011 ­vorsorglich ihrer Dopingliste bei.

Die Sorgen des Teamarztes

Einmal in der Woche liessen sich die ­Essendon-Spieler während der Saison 2012 dieses Mittel spritzen. Bevor «das Programm» begann, wie es intern ­genannt wurde, informierte Sportwissenschaftler Dank die Athleten. Er liess alle Footballer ein Formular unterschreiben, in dem sie sich mit den ­Behandlungen einverstanden erklärten und versicherten, kein Aufhebens darum zu machen. Als Konsequenz ­«vergassen» sämtliche Spieler bei ­Dopingkontrollen, diese Präparate und Verfahren ­anzugeben. Diese Unterlassung sollte sie noch einholen.

Die Fitmacher des Clubs, denen Coach James Hird viel Freiraum ­gewährte, entwickelten eine beeindruckende Energie: Über 1500 Injektionen nahmen sie vor – oder liessen sie den Spielern anbringen. Dazu kamen 16'500 Dosen des Kälberblutmittels oder 8000 Einheiten des Pflanzenextrakts. Im Schnitt erhielt jeder Essendoner rund um die Saison 2012 fast 40 Spritzen. Keiner von ihnen beschwerte sich – keiner von ihnen zweifelte diese pharmazeutische Rundumbehandlung an.

Selbst ein Grossteil der Betreuer, ­darunter Coach Hird, liess sich Muntermacher spritzen oder schluckte Pillen. Bei Hird ist gar dokumentiert, dass sein Körper allergisch reagierte. Doch alle vertrauten sie Dean Robinson und Stephen Dank, die sich aus gemeinsamer Zeit bei anderen Sportclubs kannten. Dank sagte, nachdem die Causa aufgeflogen war, in Bezug auf das Personal ­salopp: «Ja, wir sind ein bisschen über die erlaubte Liste der Weltanti­doping-Agentur hinausgegangen, aber es waren ja keine Spieler involviert.»

Marginalisiert wurde der langjährige Teamarzt Bruce Reid, weil James Hird die Machenschaften von ­Robinson und Dank favorisierte. Also schrieb ihm der Arzt im Januar 2012 eine E-Mail (welche die australische Antidoping-Agentur in ihrem Dossier zum Fall öffentlich machte). Darin heisst es: «Ich habe fundamentale Probleme, momentan der Clubarzt zu sein.» Und weiter: «Ich bin sicher, Steve Dank glaubt, ethisch korrekt und legal zu handeln. Nimmt man aber eine Aussensicht ein, frage ich: Wollen wir unsere Kinder wirklich mit einem abgewandelten Hormon behandeln, von dem wir nicht berichten sollen?» Zugleich wies Reid auf die Gefahren von AOD-9604 hin und hinterfragte seine Legalität.

Hird reagierte mit einer SMS an ­seinen Vorgesetzten, in dem er ihn um ein Treffen mit «Reidy» (Reid), «Danksy» (Dank») und «Weapon» (Robinson) bat, denn Reid «hat alles gestoppt, was ein bisschen frustrierend ist. Ich brauche dein Beschwichtigungstalent in Aktion.» Dieser warnte ihn vor den Spritzen, worauf Hird zurückschrieb: «Ich will die Grenzen nicht überschreiten, aber die anderen Clubs sind uns weit voraus.»

Der Fall wird öffentlich

Am 4. Februar 2013 erzählte der erste ­Essendoner Spieler öffentlich, man ­operiere jenseits der Grauzone. Am ­7. ­Februar eröffnete die australische ­Antidoping-Agentur ihre Recherche, ­zusammen mit der Football-Liga. Am 24. Juni gestand Captain Jobe Watson, AOD-9604 erhalten zu haben. Die Liga strafte den Club mit der Rekordbusse von 2 Millionen australischen ­Dollar (rund 1,4 Millionen Franken), sperrte den ­Verein vom Final, suspendierte Coach Hird für zwölf Monate – wie auch weitere Funktionäre. Zudem wurden 34 Spieler des Teams provisorisch gesperrt, also fast die ganze Mannschaft. Ein Liga-internes Schieds­gericht sprach die Spieler später frei.

Die australische Antidoping-Agentur mit Aurora Andruska an der Spitze, welche wegen ihrer Arbeit gar Morddrohungen erhalten hatte, opponierte nicht. Ansonsten hätte sich der Fall weiter vor heimischen Gerichten abgespielt. Am letzten Tag der Rekurrierungsfrist im Mai 2015 zog die Weltantidoping-Agentur den Fall an den Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne. Dieser entschied im Januar 2016: Die Spieler ­gehören gesperrt. Letzte Woche nun ­zogen sämtliche 34 Athleten dieses ­Urteil ans Bundesgericht. Es ist die ­finale Instanz und wird den Entscheid kaum umstossen, dafür ist er zu gut ­dokumentiert: Mehr als 300 Personen interviewten die Antidoping-Kämpfer und sichteten über 160 000 Dokumente.

Der unbekannte Gönner

Trotzdem bekamen sie in den letzten Jahren die Kraft des australischen Lieblingssports zu spüren. Allein James Hird verklagte die Behörde zweimal – und fiel beide Male durch. Seine Anwalts- und Gerichtsschulden sind auf 1,75 Millionen Dollar gewachsen. Davon übernahm ein anonymer Gönner die 750'000 Dollar, welche er den Dopingbekämpfern schuldet. Sportwissenschaftler Stephen Dank hat 24 Klagen gegen Journalisten am Laufen, weil sie seinen Ruf zerstört ­hätten. Die Essendon Bombers, ­deren Equipe wegen der Sperren arg ­dezimiert ist, müssen sich Spieler ausleihen – aus Gegnerteams oder unterklassigen ­Mannschaften. Die Fans zeigen sich von allem unbeeindruckt: Die Mitgliederzahl des Essendon Football Club steigt ­kontinuierlich.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.02.2016, 22:28 Uhr)

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