Andy Schleck ist bereit für den Tour-Sieg
Heute vier Pässe
204,5 Kilometer mit vier klassischen Pässen der Savoyer Alpen (Colombière, Aravis, Saisies und vor allem Madeleine) und 4000 Höhenmeter stehen nach dem Ruhetag auf dem Programm der 9. Etappe der Tour de France. Für das amerikanisch-schweizerische BMC-Team ist es eine Premiere: Es geht darum, das Maillot Jaune von Cadel Evans zu verteidigen. Nach seinem Sturz vom Sonntag ist der Weltmeister noch immer angeschlagen. «Der linke Arm schmerzt nach wie vor und braucht intensive Therapie», doch die Hauptsache ist, dass die Beine gesund sind.» Das gelbe Leibchen, das ihm am Sonntag angezogen wurde, schenkte Evans dem zweiten Sportlichen Leiter Jacques Michaud, der gestern in Morzine seinen 59. Geburtstag feierte, dort, wo er 1983 eine Tour-Etappe gewann. (mb)
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Für die einen ist Bjarne Riis der Teufel, weil er ziemlich emotionslos zugegeben hat, bei seinem Tour-de-France-Sieg 1995 gedopt gewesen zu sein. Für die andern ist er der beste Teamchef im Radsport, der mit seinen Methoden viel dazu beigetragen hat, dass er sich langsam erholt. Die einen trauen ihm alles Schlimme von organisiertem Doping bis zum elektrisch unterstützten Velo zu, die andern vertrauen seiner Philosophie, die auf Kommunikation, Vertrauen und Teamgeist basiert. Und erfolgreich ist.
Zu den andern gehörten in den letzten Jahren die Softwarefirma CSC und die Internetbank Saxo Bank. Seit gestern ist bekannt, dass es auch in den nächsten beiden Jahren Unternehmer gibt, die an das glauben, was ihnen Riis zu erklären versucht. Bei einer Pressekonferenz am Ruhetag in Morzine stellte der Däne die Softwarefirma Sunguard, die als kleiner Geldgeber schon in diesem Jahr dabei war, als neuen Co-Sponsor vor. Und er sagte, dass er auch einen Titelsponsor gefunden habe, dessen Namen aber erst nach der Tour de France bekannt gegeben werde. «Das ist eine gute Nachricht», sagte Riis, «auch für den Radsport. Ihr dürft ruhig lachen.»
Die Stürze der Schlecks
In den Wochen vor dem Tour-Start hatten noch Riis’ Feinde gelacht. Die ungewisse Zukunft der Mannschaft war das eine Problem, das Schlagzeilen machte, die Gewissheit, dass die Schleck-Brüder das Team Ende Saison verlassen werden, das andere. «Wir haben das besprochen und beschlossen, dass die Zukunft in der Tour kein Thema sein darf und dass wir auch nicht darüber sprechen würden», sagt Fabian Cancellara, «wir wollten, dass unsere ganze Konzentration dem Rennen gilt.»
Ähnlich war die Reaktion nach den Zwischenfällen der ersten Tage. Zuerst in den Ardennen, als Andy Schleck nach zwei Stürzen schon verloren hatte und sich nur rettete, weil Cancellara das Feld zum Warten anhielt. Dann auf den Pavé, als sich Fränk Schleck das Schlüsselbein brach. «Meine Wunden sind verheilt, und ich habe nicht vor, noch einmal zu stürzen», sagt Andy jetzt. «Als Fränk ausfiel, nahmen wir das zur Kenntnis als etwas, das wir nicht ändern können», sagt Cancellara, «dann fuhren wir zu und gaben Gas.»
Etwas zum Geniessen
Fabian Cancellaras sechs Tage im Maillot jaune waren eine erste Genugtuung für das Team mit den vielen Schwerarbeitern. Etwas zum Geniessen auch, wie Riis sagte, doch seit der ersten Bergetappe vom Sonntag sind alle überzeugt, dass es noch besser kommen wird. Allen voran Andy Schleck, der in Avoriaz erstmals eine Tour-Etappe gewann. «Ich bin in der Form meines Lebens», sagt er. «Ich will die Tour gewinnen.»
Im Aufstieg nach Avoriaz hatte ihn Riis via Funk aufgefordert, schon sechs Kilometer vor dem Ziel anzugreifen. Schleck fand, das entspreche nicht der Strategie des «Step by Step» und wartete auf Contadors Angriff. Als dieser Zahn ausfiel, schlug er zurück. Die zehn Sekunden, die er dabei herausholte, waren nicht wichtig. «Es war ein Sieg für den Kopf», sagt Teamkollege Cancellara. «Es war das erste Mal, dass Contador eine Schwäche zeigte und jemand ihm davonfahren konnte. Andy ist ein cooler Typ, der das ausnützen wird. Ihn zeichnet vor allem eines aus: Er hat keine Angst.»
Fränk war der Denker
Das heisst: Ihm tut es zwar weh, dass ihn sein Bruder in den entscheidenden Tagen nicht wird unterstützen können, aber er befürchtet keine negativen Auswirkungen. Fränk, der in der Vuelta um den Sieg fahren wird, war als zweiter Leader vorgesehen, was als taktischer Vorteil hätte ausgenützt werden können. Er war für Andy stets so etwas wie ein Lenker und Denker. «Stürze passieren, daran lässt sich nichts ändern», sagt der jüngere der Brüder. «Ich habe mein Schlüsselbein auch schon zweimal gebrochen. Natürlich fehlt er mir, und meine Aufgabe wird schwieriger. Aber wir telefonieren sehr häufig miteinander, und er hat sich unheimlich über meinen Etappensieg gefreut. Er unterstützt mich, so gut es geht. Als ich 2006 im Giro Zweiter wurde, war er auch nicht dabei.»
Damals war der 21-Jährige die Sensation, in der man einen zukünftigen Toursieger sah. Jetzt ist er 25 und wirkt so abgebrüht, dass er die Voraussage erfüllen könnte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.07.2010, 07:52 Uhr

