Bescheidenheit als Tugend, Zielstrebigkeit als Stärke

Der 27-jährige Matthias Sempach hat sich am Eidgenössischen Schwingfest seinen Bubentraum erfüllt. «Er ordnet dem Schwingen alles unter», sagt Bruder Stefan Sempach.

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Sempach Matthias aus Alchenstorf, Schwingerkönig 2013. Am Sonntagabend sitzt der Lokalmatador aus dem Emmental in der Burgdorfer Localnet-Arena. Die Curlinghalle wurde kurzerhand zum Medienzentrum des «Eidgenössischen» umfunktioniert. Die Temporäreinrichtung mit den kahlen Wänden und den weissen Tischen wirkt kühl, und auch der Hauptdarsteller der Pressekonferenz taut gefühlsmässig nicht so richtig auf.

Mit dem Kranz des Festsiegers geschmückt, beantwortet der 27-Jährige artig Frage um Frage; er spricht viel und sagt doch wenig. Denn Matthias Sempach ist noch immer in seinem Film, oder wie er es formuliert: «Ich bin seit Festbeginn wie in einer Röhre. Vorhin blickte ich erstmals kurz raus, aber noch habe ich die Röhre wohl nicht ganz verlassen.»

Vorhin, das war kurz nach dem gewonnenen Schlussgang gegen Christian Stucki. Überwältigt von den Emotionen, dankte der neue Schwingerkönig allen Personen, die ihn unterstützten – nach einigen Worten war er zu Tränen gerührt. Einige Meter nebenan stand Bruder Stefan, der zeitgleich feuchte Augen kriegte. Der 28-Jährige zählt zum engen Umfeld des Festsiegers, hat ihn in den vergangenen Wochen begleitet und beobachtet. Er registrierte, wie locker sein Bruder in den Tagen vor dem Saisonhöhepunkt wirkte.

«Natürlich spürte Mättu den Druck. Aber solche Situationen geniesst er, für ihn ist Druck stets ein Ansporn für gute Leistungen.» Er, der mit seinem Oberarm auf dem Werbeplakat des «Eidgenössischen» präsent ist; er, der in jedem Interview darauf angesprochen wurde, er könne sich unweit seiner Heimat Alchenstorf den Bubentraum erfüllen; er, Matthias Sempach, hielt dem Druck stand, erfüllte sich ebendiesen Bubentraum und ist der neue Schwingerkönig.

Das Glück und die Ruhe

Auf dem Schwingplatz wirkt Sempach oft ernst, streng, zuweilen emotionslos. Doch das Bild, welches in der Öffentlichkeit von ihm projiziert wird, entspricht nicht der Realität. Er ist durchaus humorvoll und sensibel. Doch was den gelernten Landwirt und Metzger primär auszeichnet, sind der Ehrgeiz und die Zielstrebigkeit. «Er ist willensstark, fokussiert, will alles bis ins kleinste Detail planen, optimieren – und: Er ordnet dem Schwingen alles unter», sagt Stefan Sempach.

Unlängst reduzierte Matthias sein Arbeitspensum, engagierte Jean-Pierre Egger – Trainer von Kugelstoss-Olympiasiegerin Valerie Adams – als Betreuer, machte den Schritt zu einem Management und in Richtung Professionalisierung. Freundin Heidi Jenny – das Paar wohnt in einem 5-Zimmer-Häuschen oberhalb von Alchenstorf – hält ihm nicht nur in administrativen Dingen den (breiten) Rücken frei.

Früher äusserte Sempach seine ambitionierten Ziele stets unverblümt, was ihm zuweilen negativ ausgelegt wurde. Seither äussert er sich kontrollierter, wägt die Worte gut ab. Bescheidenheit ist ihm wichtig, artig und gemäss der Schwingertradition dankt er nach jedem noch so kleinen Fest den Gabenspendern. Es erstaunt nicht, erwähnte Sempach gestern als Erstes seinen unterlegenen Gegner: «Stucki ist einer der fairsten Verlierer, die ich je erlebt habe.» 2008 stand ihm der Seeländer im Schlussgang des Kilchberg-Schwinget noch vor der Sonne – «dieses Mal hatte ich das Glück und die Ruhe. Beides hatte mir in der Vergangenheit an grossen Festen gefehlt.»

Stefan Sempach ist überzeugt, dass der Königstitel das Leben seines Bruders nicht entscheidend verändern wird: «Er gilt seit Jahren als Topschwinger, ist den Rummel gewohnt, verfügt über ein gut aufgestelltes Team.» Bald tritt Matthias Sempach seinen neuen Job im Aussendienst eines Futtermittelherstellers an. Vorerst aber wird er den Triumph gebührend feiern. Wetten, dass der neue Schwingerkönig bereits gestern Mitternacht seine «Röhre» verlassen hat? (Berner Zeitung)

(Erstellt: 02.09.2013, 07:30 Uhr)

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Die besten Bilder vom Schwingfest

Die besten Bilder vom Schwingfest Impressionen von «Tages-Anzeiger»-Fotograf Nicola Pitaro.

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