Botschafterin aus dünner Luft

Mira Rai war Kindersoldatin. Dann wurde die Nepalesin zufällig zu einer der weltbesten Bergläuferinnen.

Mira Rai trainiert in der Nähe von Chamonix für den Mont-Blanc-Berglauf 2015: Auf 82 Kilometer sind 6000 Meter Höhendifferenz zu überwinden. Foto: Jordi Saragossa

Mira Rai trainiert in der Nähe von Chamonix für den Mont-Blanc-Berglauf 2015: Auf 82 Kilometer sind 6000 Meter Höhendifferenz zu überwinden. Foto: Jordi Saragossa

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Solvente Westler hetzen gerne in Laufschuhen Bergpfade hinauf und ­hinab. Bergvölker ausserhalb von Europa oder Nordamerika haben dafür ­selten Zeit und Geld. Mira Rai fällt in ­diesem ­speziellen Kosmos der Kilometer- und Höhenmeterfresser doppelt auf: Die circa 28-Jährige ist Nepalesin und eine der weltbesten Trail-Läuferinnen. Dass sie mittlerweile über diese kleine Szene hinaus bekannt ist, hängt mit einem mehrfach prämierten Dokumentarfilm ­zusammen. Er heisst «Mira» und erzählt ihr Leben.

Dieses ist so facettenreich, dass das ­renommierte «National Geographic» die zierliche Frau jüngst als «Abenteurerin 2017» auszeichnete. Denn Rai überwindet so manche Widerstände, von denen die steilen Pfade der Berg­regionen nur die offensichtlichsten sind. Rai stammt nämlich aus einem Land, in dem Frauen oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, wie sie in «Mira» erzählt. Es bedeutet beispielsweise: kaum schulische Aus­bildung, viel und harte Heimarbeit, Kinder kriegen sowie generell klein­räumig denken.

Bubenarbeit für die Trotzige

Doch das Mädchen, das auf rund 1300 m über Meer ganz im Osten von Nepal ohne fliessend Wasser und Strom in einer sehr armen Bauernfamilie aufwächst, will nicht vor- und damit fremdbestimmt leben. Also schleppt sie ­bereits von klein auf Brennholz heim, holt Wasser und trägt schwere Reissäcke in die nächstgelegene Stadt.

Die Trotzige verrichtet Bubenarbeit und schliesst sich als Teenager ohne Absprache mit ihren Eltern den maoistischen Widerstandskämpfern des ­Landes an. «Zwei Mahlzeiten am Tag, ein bisschen Geld und Beschäftigung» versprechen sie Mia Rai bei der Rekrutierung. Sie ergreift die Chance, die ­Familie und damit diese Region zu ­verlassen, in der ihr Schicksal bestimmt scheint.

Rai lächelt im Film entspannt, wenn sie von dieser Lebensphase berichtet. Dies hängt auch damit zusammen, dass sie in den zwei Jahren zwar zur Soldatin und potenziellen Killerin ausgebildet wurde, aber nie kämpfen musste.

Als etwa 14-Jährige wurde Rai von Maoisten zur Soldatin ausgebildet. Foto: Privat

Vor elf Jahren endete der Bürgerkrieg. Rai erhielt als einstige Kinder­soldatin keine Militäranstellung und kehrte notgedrungen heim zu ihren vier Geschwistern und Eltern. Doch der Traum, viel mehr als Mutter und Gattin zu werden, hielt an. Also zog die junge Frau in die Hauptstadt Kathmandu zu einem Bekannten aus paramilitärischer Zeit.

Arbeit aber fand sie nicht, das ­Ersparte war aufgebraucht und ihr ­Widerstand schon fast gebrochen, als das Leben der Hobbyläuferin die entscheidende Wende nahm: Beim Joggen ­luden sie zwei Läufer zu einem Training ein, wie sie glaubte. Es stellte sich als Berglauf über 50 km mit 3900 Höhenmetern Auf- sowie 3500 Abstieg heraus. Rai, schlecht ausgerüstet und ohne ­Essen und Getränke angereist, schaffte es als einzige Frau ins Ziel. Da merkte sie: «Da ist also etwas, das ich wirklich gut kann.» Dabei war sie davor nie ­länger als 25 km am Stück gerannt.

Die Eltern können es kaum glauben

Doch das tägliche Wasserholen, Reissack- und Holzschleppen ihrer Kinder- und Jugendtage sorgten für die notwendige Grundlage – und führten sie 2015 ­innerhalb einer Saison erstmals ins Ausland und an der Berglauf-WM-Serie gleich auf den zweiten Platz. In der ­Dokumentation schauen sich ihre ­Eltern, lange landlose Bauern, diese für sie wohl unfassbare Welt mit grossen ­Augen auf dem Handy der prominenten Tochter an. Sie sorgt mittlerweile dafür, dass Mutter und Vater täglich über drei Mahlzeiten verfügen und die Geschwister das Schulgeld bezahlen können.

Der rasante Aufstieg hat Rai für ­nepalesische Verhältnis gut verdienend gemacht – und zu einer nationalen Grösse. Primär für Mädchen und Frauen ist die Sportlerin zu einem ­Vorbild geworden. Rai nimmt diese Rolle mit viel Energie an, versteht sich als Botschafterin aus dünner Luft und Vorläuferin von Nepalesinnen, die sich ebenfalls von Haus und Herd emanzipieren möchten.

Trailer zum Film «Mira». Video: Youtube

In der Heimat hat sie ­darum schon Frauenläufe organisiert, besucht regelmässig Schulen und ermuntert die Mädchen, selbstbewusst zu sein und kühn zu denken – so, wie sie es mittlerweile tut. Dass dazu auch (viel) Glück gehört, ist Teil von Mira Rais besonderem Lebenslauf. Denn ein Brite, der Trial-Rennen in Nepal veranstaltet, hörte nach dem ­Premieresieg von dieser herausragenden Novizin. Er nahm Rai unter seine sportlichen Fittiche und sorgte via Crowd­funding dafür, dass sie erste ­Wettkämpfe im Ausland bestreiten (und ­gewinnen) konnte. Zu den kulantesten Donatorinnen zählten gar Konkurrentinnen aus Europa.

Im Dokumentarfilm, der für vier Franken übers Netz (vimeo.com) ausleihbar ist, kann man diese Mira Rai aus einem Kleinstkaff im nepalesischen Nirgendwo plötzlich nach Frankreich, Hongkong oder Italien reisen sehen. Wer ihr superarmes Elternhaus in «Mira» kennen gelernt hat, vermag immerhin zu erahnen, was sie empfinden muss, als ihr in Hongkong plötzlich die Wolkenkratzer-Wände ­entgegenfunkeln.

Verletzung – mit Happy End?

Zwischen diesen Welten die Balance zu finden, ist schwierig. Zumal nach dem raschen Durchbruch und dem täglich mehrstündigen Lauftraining plötzlich der Körper rebelliert. Im April des ­vergangenen Jahres verletzte sich Rai an einem Berglauf in England: Riss im ­vorderen Kreuzband. Im Spätsommer wurde sie in Italien operiert. Wie zu ihren sportlichen Anfängen profitierte sie von Gönnern. Ohne sie hätte Rai die Behandlungskosten niemals tragen können. Nach einer längeren Pause ist sie wieder im Training. Im Frühling will sie die nächsten Einsätze bestreiten.

Der Rückschlag soll schliesslich kein permanenter Stillstand sein. Trotzdem werden diese nächsten Monate zentral für ihr (Athleten-)Leben. Es haben schon weitaus erfahrenere Läuferinnen mit deutlich besserer medizinischer und physiotherapeutischer Versorgung nie mehr zu ihren Glanzzeiten finden ­können. Allerdings besitzen sie auch nicht die Vita der Mira Rai.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2017, 23:42 Uhr

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