Das Geheimnis hinter Röthlins Gold
Dossiers
Artikel zum Thema
Es war ein Fehlstart für Viktor Röthlin einen Tag nach seinem EM-Gold. Als der Marathonläufer beim Boarding am Flughafen von Barcelona sein Ticket zeigte – er war in die Businessclass aufgestuft worden –, wurde er erst einmal abgewiesen. Nach einigen Telefonaten des Bodenpersonals aber lief es rund: 1:40 Stunden später feierte ihn sein Fanklub in Kloten, und Radio- sowie TV-Journalisten lieferten sich einen Wettbewerb, wer ihm das Mikrofon näher ans Gesicht drücken konnte. Röthlins Ehefrau Renate schaute diesem Treiben ebenso amüsiert zu wie Vater Niklaus. Sein Sohn blieb locker, präsentierte seine Medaille und sprach noch einmal von seinem souveränen Rennen.
Die Basis für diesen Erfolg hatte er in den Wochen davor in unzähligen Trainings gelegt. Das Grundmuster sieht seit der Vorbereitung für die EM 2006 immer ähnlich aus, denn in Barcelona absolvierte der 35-Jährige bereits seinen 19. Marathon. Röthlin hat längst herausgefunden, wie er den Formaufbau steuernmuss,umexaktzumSaisonhöhepunkt in Topverfassung zu sein. In einer frühen Phase läuft er bis 160 km pro Woche. Die marathonspezifischen Einheiten aber fehlen noch weitestgehend. Diese «Aufwärm»-Phase schliesst Röthlin gerne mit einem Lauf ab, im Frühling ist es meist der Grand Prix von Bern, um seinen aktuellen Formstand zu überprüfen.
1000-m-Läufe als Abhärtung
Dann beginnt die spezifische Marathonvorbereitung. Sie verläuft, von Ausnahmen abgesehen, nach dem immer gleichen, standardisierten Schema. Die drei Vorbereitungszyklen von je vier Wochen sind nahezu identisch aufgebaut: Sie bestehen aus langen, schnellen und lockeren Trainings. Einmal pro Woche absolviert Röthlin einen sogenannten Longrun. Die Distanz steigert er innert eines Zyklus von Woche zu Woche von 30 über 35 auf 38 km. In der vierten Woche lässt er dieses lange Training aus.
Die Longruns läuft er mit circa 90 Prozent des Marathontempos. Hat er den zweiten Zyklus erreicht und fühlt er sich dabei schon gut genug, fügt er diesen langen Läufen unmittelbar noch 3-mal 1000 m in einem schnellen Tempo von leicht unter drei Minuten an. Sie sollen ihn zusätzlich abhärten, eine mentale Herausforderung sein und helfen, wenn er in einem Marathon zu beissen hat. An solche Trainings denkt er in den schwierigen Phasen des Rennens gerne.
Zu diesen Longruns kommen meist zwei schnelle Trainings pro Woche, tendenziell im Marathontempo oder etwas schneller. 15-mal 3 Minuten kann eine solche Einheit sein, 3-mal 5 km plus 1-mal 2 km oder 8-mal 1 km auf der Bahn. Kürzere Distanzen legt Röthlin keine zurück.
Die weiteren Einheiten bezeichnet Nationalcoach Fritz Schmocker als «Füllertrainings». Sie finden in einem für Röthlin gemächlichen Tempo statt. An diesen lockeren Lauftagen arbeitet er zusätzlich im Kraftraum. Im Schnitt kommt er auf 30 km pro Tag, auf bis zu 220 km und maximal 13 Trainings pro Woche.
Trainingspartner angestellt
Jeden Zyklus schliesst er mit einer Regenerationswoche ab, in der er die Belastung reduziert – aber nicht den Umfang. Er lässt den Longrun aus und minimiert die Strapazen der schnellen Trainings, um bei dieser diffizilen Abstimmung zwischen zu wenig und zu viel nicht zu überborden und seinen Körper zu verletzten.
Bei all diesen Trainings ist der Kenianer Abraham Tandoi dabei. Ihn hat Röthlin als Trainingspartner angestellt. Tandoi fungierte vor allem in seinen Anfängen darüber hinaus als sein Pacemaker während der Marathons. Tandoi wird von Röthlin bezahlt, lebt auch bei ihm zu Hause und vermochte seinen Chef zumindest in kürzeren Rennen schon zu bezwingen.
Gerade weil viele Trainings standardisiert sind und er immer wieder Tests einbaut und anhand von Pulsdaten sowie Laktatwerten weitere Informationen gewinnt, kann er seine jeweilige Form praktisch punktgenau abschätzen. Er fügt all diese Werte zudem in ein System ein, das er selber entwickelt hat. Dieses spuckt jeweils eine Zeit aus, die er bei optimalen Bedingungen erreichen sollte.
Grosse Umstellung
Trotz der vertrauten Abläufe nahm Viktor Röthlin für die EM eine grosse Umstellung vor: Vor früheren Marathons schlief er in den letzten 12 Wochen auf 2500 m, trainierte auf 1800 m. Dieses Mal ist er, abgesehen von den «Füllläufen» für die anderen Einheiten, stets auf 300 m hinuntergefahren. So fiel die Anpassung an die Höhe weg, er konnte die Trainings schneller laufen und sich ideal an die Hitze gewöhnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2010, 11:32 Uhr

