Der Schwimmsport wird zur Farce
Von Monica Schneider. Aktualisiert am 23.06.2009
Der internationale Schwimmsport lässt sich in zwei Epochen einteilen: in jene vor dem März 2008 und in jene danach. Im Frühjahr 2008 lancierte der Ausrüster Speedo den Ganzkörperanzug LZR, in der Folge wurden Weltrekorde en masse geschwommen, bis Ende Jahr an die hundert.
Und der LZR blieb natürlich nicht der einzige schnelle Anzug, andere Ausrüster zogen nach, brachten weiterentwickelte Produkte auf den Markt, inzwischen sind es rund zwei Dutzend Anbieter mit mehreren Hundert verschiedenen Anzügen.
Der Weltverband Fina hatte längst die Kontrolle und die Schwimmer die Übersicht über die Situation verloren, doch eines waren allen klar: Die teilweise nicht einmal mehr wasserdurchlässigen Materialien waren signifikant leistungssteigernd und deshalb begehrt.
Material steht nun im Zentrum
Bis März 2008 stand also die Leistung des Athleten im Zentrum, seither ist es das Material. Auf Druck grosser Schwimmnationen wie den USA und Australien sollte die Fina in diesem Frühjahr nun Ordnung ins Chaos bringen und hinsichtlich der WM Ende Juli in Rom eine verbindliche Liste erlaubter Anzüge veröffentlichen.
Nachdruck verliehen dieser Forderung die französischen Meisterschaften im März in Montpellier, als Fred Bousquet im bereits fortgeschrittenen Schwimmeralter von 28 Jahren über 50 Meter Crawl in 20,94 als Erster unter 21 Sekunden blieb und seinem Kollegen Alain Bernard über 100 Meter ein ähnlicher Meilenstein gelang: 46,94, auch dies ein Fabelweltrekord.
Zirkus Maximus in Rom
Unterwegs waren die Franzosen in unterschiedlichen Anzügen, getragen wurden wohl beide zu einem schönen Teil zu ihrer Bestzeit. Denn bevorteilt werden schwerere Athleten, sie profitieren vom Auftrieb, den ihnen das Material verleiht.
In einem zweiten Anlauf veröffentlichte die Fina gestern die definitive Liste der in diesem Jahr zugelassenen Anzüge (ab 2010 gelten sowieso neue Regeln). Das Resultat ist ernüchternd: Erlaubt ist bis Ende Jahr alles. Begründung: Für ein zuverlässiges Kontrollverfahren hätte das mit den Untersuchungen betraute Labor in Lausanne mehr Zeit benötigt.
«Das wird ein riesiger Zirkus, das heisst, dass die WM zur einzigen Materialschlacht wird», sagt der Zürcher Sprintspezialist Flori Lang, der befürchtet, dass es keinerlei Chancengleichheit geben wird. «Jeder muss sich selber um einen möglichst schnellen Anzug kümmern, aber längst nicht jeder hat Zugang zu allen Modellen.»
Und längst nicht jeder kann sich ein solches leisten. Für rund 700 Euro hat sich der EM-Zweite über 50 Meter Rücken einen Anzug gekauft, «trainieren kann ich darin aber nicht, weil ich Angst habe, dass er noch vor der WM kaputt geht».
Wenigstens für Gleichberechtigung sorgen
Dass die technologische Entwicklung nicht aufgehalten werden kann, sei den Schwimmern klar, sagt Lang. «Es wird immer neue und bessere Lösungen geben, deshalb sollte der Weltverband wenigstens für Gleichberechtigung sorgen.»
Dass ihm dies gelingen könnte, scheint jedoch fraglich. Denn mit der Zulassung aller Anzüge hätte auch die Homologierung aller Weltrekorde dieses Frühlings einhergehen müssen, mit der bewusst zugewartet worden war.
Während aber Bousquets Zeit in die Rekordbücher aufgenommen wird, wurde die Leistung Bernards nicht anerkannt - ohne Begründung. Bei anderen Bestwerten hiess es immerhin, man warte noch auf Details von Dopingkontrollen. Die sind mittlerweile gut gelagert. Sie fanden im März statt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.06.2009, 14:40 Uhr

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