Der Weisse, der mit den Kenyanern läuft

Von Christophe Martin, Eldoret. Aktualisiert am 04.03.2009 2 Kommentare

Auf anspruchsvollen Naturstrassen und gewandt wie die einheimischen Athleten bereitet sich Viktor Röthlin im Hochland Kenyas auf den London Marathon vor.

Nach dem Training werden im Camp Kleider aufgehängt und einige Tassen Tee getrunken.

Christophe Martin

Abenteuerliche Körperwäsche unter der Freiluftdusche im Camp.

Abenteuerliche Körperwäsche unter der Freiluftdusche im Camp. (Bild: Christophe Martin)

Wer beim Athletentransport nicht wie Röthlin vorne Platz findet, steigt hinten auf.

Wer beim Athletentransport nicht wie Röthlin vorne Platz findet, steigt hinten auf. (Bild: Christophe Martin)

Eldoret, morgens um 6 Uhr. Das Dunkel der Nacht liegt noch über der Stadt am Äquator. Die Musik aus einer nahen Diskothek im Zentrum scheint ebenso erst verklungen wie die Stimme des Imams, der für die islamische Minderheit das 4-Uhr-Gebet verkündet hat. Trotz der frühen Stunde sitzt Viktor Röthlin schon munter in einem bronzefarbenen Toyota-Pickup unterwegs ins 50 km entfernte Kapsabet, wo er mit der Gruppe um Martin Lel trainieren will. Am Steuer sitzt Claudio Berardelli. Der 28-jährige Italiener betreut als Coach der Managementgruppe Rosassociati etwa 40 Langstreckenläufer im kenyanischen Hochland.

Wenn ein Athlet von den Annehmlichkeiten eines Hotelbetriebs in einem der gängigen Leistungszentren Gebrauch macht, kann ein Trainingslager abgesehen von den körperlichen Belastungen recht entspannend sein. Viktor Röthlin verzichtet während seiner acht Wochen in Kenya auf manche Annehmlichkeit. Wenn er hier weilt, macht ihm niemand das Bett, er kocht mindestens einmal pro Tag selber und nimmt für die Trainingseinheiten oft zeitraubende Anreisen in Kauf.

Mitte Januar ist er nach Eldoret gereist, wo er sich bis 21. März auf den Marathon in London vorbereitet. Dort will er am 26. April den Europarekord brechen, den der Portugiese Antonio Pinto und der Franzose Benoit Zwierzchiewski mit 2:06:36 Stunden halten. Röthlins Bestzeit von 2:07:23 aus dem vergangenen Jahr ist nur 47 Sekunden davon entfernt. Bis vor zwei Wochen sahen die Prognosen noch düster aus. Nach einer Grippe im Januar war er zu Beginn des Aufenthalts buchstäblich seiner Form nachgerannt, und dann hatte er auch noch den Halbmarathon von Rash al-Khaimah wegen Magenbeschwerden aufgeben müssen.

Prozession von Schülern und Bauern

An besagtem Morgen absolviert er sein erstes Training nach der Rückkehr vom Wettkampf im Emirat. Unterwegs zum frühen Training kreuzen wir hauptsächlich verbeulte Peugeots und Toyotas aus den 70er- und 80er-Jahren. Berardellis 4×4-Maschine fällt auf. Doch sie hat nichts mit Protzerei zu tun, das zeigt die Fahrt nach Kapsabet. Der Strassenbelag ist nur teilweise geteert, über weite Distanzen dominieren gewaltige Löcher den Asphalt, oder dann schütteln wellige Naturstrassen die Insassen durcheinander, derweil die Landschaft hinter dem Fahrzeug in einer grossen roten Staubwolke verschwindet.

Während der Fahrt kommt Leben in die ländliche Gegend der Provinz Rift Valley, Hunderte von Kindern strömen in ihren Uniformen aus dem Hinterland zur Strasse und gehen dann auf parallel verlaufenden Pfaden in Richtung Schule. Erwachsene Männer mit Bügelfaltenhose, Krawatte und Veston auf dem Weg zur Arbeit verlieren sich die endlose Strasse entlang. Die Kleinbauern haben ein anderes Ziel. Sie steuern mit abenteuerlich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads festgezurrten Milchkanistern die Sammelstelle an. Das sind die Eindrücke auf Röthlins Weg zu einem speziellen Training.

Eine Stunde Autofahrt ins Training

Die Reise zum Treffpunkt beim Camp von Martin Lel dauert eine Stunde. Ein erster Athlet steht schon da. Es ist ein Bushrunner, die Art von Läufer, die sich einfach beim Training einer Profigruppe anschliesst und darauf hofft, eines Tages entdeckt zu werden. Die Chance ist klein, aber die Hoffnung gross.

In der aufgehenden Morgensonne schlendert ein gutes Dutzend Bushrunner daher. Erst dann kommen Lel und die andern allmählich aus dem Camp herauf. Weil an diesem Tag Dokumentarfilmer das Training begleiten, werden die Bushrunner für einmal ausgeladen. Sie müssen selber trainieren oder direkt an die Arbeit. Wenn sie eine haben. Die 18 Campmitglieder verteilen sich auf die beiden Pickups, um weitere zehn Minuten zum effektiven Trainingsstart zu fahren. Je 4 im Innenraum, der Rest verteilt sich auf die Ladefläche.

Berardelli hat Röthlin überzeugt, den Ausflug nach Kapsabet mitzumachen, um nach dem Abstecher ins Arabische Emirat schnell wieder den Rhythmus zu finden. «Nach diesem Break fühle ich mich wieder stark motiviert für die zweiten vier Wochen in Eldoret», sagt Röthlin, und ein Training in den Nandi Hills bei Kapsabet kann er nicht ausschlagen. In dieser Gegend wird auf vielen Quadratkilometern Tee angepflanzt. Ein saftiges Grün erfreut das Auge. «Das ist die schönste Gegend, die ich hier kenne», erzählt Röthlin begeistert. «Auf einem dieser Hügel würde ich gerne ein Haus bauen.»

Nach 65 Minuten und 17,5 Kilometern quer durch die Nandi Hills ist Röthlin sichtlich zufrieden. «Zum ersten Mal, seit ich in Kenya bin, habe ich gespürt, wie mein Herz während des Trainings das gesamte Volumen ausschöpfen konnte und wie der Puls zwischen den Steigungen auf die wechselnde Belastung reagierte», sagt er auf der Rückfahrt zu Berardelli.

Röthlin ist sein eigener Trainer, aber Berardelli ist für ihn eine wichtige Stütze. Nach dem Abschluss seines Studiums in Sportwissenschaft und einer ersten Zusammenarbeit mit dem Marathon-Manager-Pionier Gabriele Rosa hat Berardelli vor fünf Jahren für den «Dottore» die Leitung der Camps rund um Eldoret übernommen. Auch Röthlin lässt sich von Rosassociati managen.

Wenn das Training zum Rennen wird

Die Läufer sind in verschiedenen Häusern in Kapsabet, in Kaptagat und in Eldoret stationiert. Zur Hauptsache betreut Berardelli Marathonläufer. Und zwar höchst erfolgreich. Lel hat dreimal in London und zweimal in New York triumphiert, Robert Cheruiyot viermal in Boston und einmal in Chicago, Evans Cheruiyot (nicht mit Robert verwandt) einmal in Chicago. Zur Gruppe gehört unter anderen auch Janet Jepkosgei. Sie wurde 2007 als erste Kenyanerin Weltmeisterin über 800 m und ist seit einiger Zeit mit Berardelli liiert. Er und Röthlin tauschen sich täglich aus, profitieren gegenseitig von ihren Erfahrungen. «Viktor hat nicht die gleichen körperlichen Voraussetzungen wie ein Kenyaner, aber er ist smart», sagt er. Röthlin profitiert von den gemeinsamen Trainings, kann aber auch während einer Einheit umdisponieren, wenn die Kenyaner aus einem Training plötzlich ein Rennen machen. So wie einen Tag nach dem Lauf durch die Nandi Hills, als bei einem locker angesetzten 40-km-Lauf das Tempo nach der Hälfte bereits 3:30 Minuten pro Kilometer beträgt. Nach 25 Kilometern setzte sich der Schweizer ins Auto, um Kräfte zu sparen.

Tänzeln über unebene Naturwege

Im Laufe der Woche schöpft er indes dank einiger guter Trainings weiter Zuversicht. Beim Longrun am Samstag braucht er für 35 km nur 2:02 Stunden. Ein Wert, der sich mit den Tests im Vorjahr vergleichen lässt. «Jetzt ist der Knopf aufgegangen», freut sich Röthlin.

Mehrmals pro Woche nimmt er längere Anfahrtswege in Kauf. Nur morgens allerdings, wenn die belastenden Trainings anstehen. Zu den langsameren und kürzeren Einheiten startet er abends um 17 Uhr jeweils vom Rosa-Haus im Villenviertel Elgon View. Oft mit Robert Cheruiyot, dem Spanier Javier Caballero und seit einigen Tagen auch mit Valentin Belz, dem Bruder von Christian Belz. Der Berner ist vergangene Woche angekommen und wird bis zur Rückreise Röthlins Zimmerpartner sein.

Die roten Naturwege, auf denen die Trainings stattfinden, sind uneben und oft mit grossen Steinen durchsetzt. Die meisten Europäer kämen darauf nicht zurecht, Röthlin tänzelt drüber wie die Einheimischen. Die Kenyaner akzeptieren Röthlin wie ihresgleichen – auch weil er sie und ihr Leben respektiert. Nach dem Training in den Nandi Hills trinkt er wie alle eine Tasse süssen Tee mit viel Milch. Zuvor hat er sich vor dem Haus Schweiss und Staub vom Körper gewaschen. Das warme Wasser für diese Freiluftdusche hat der Koch des Camps während des Trainings aufgeheizt. Der Kessel auf der Feuerstelle neben dem Haus fasst über 100 Liter. Sie mussten kesselweise von der nahen Wasserstelle hochgetragen werden.

Im Rosa-Haus, einer Villa europäischen Zuschnitts, gibts auch eine Badewanne. Röthlin zieht dennoch die Dusche vor. «In einem Land, in dem Wasser ein so rares Gut ist, finde ich es nicht angebracht zu baden», sagt er.

Eldoret, das logistische Zentrum der Provinz Rift Valley, ist eine schnell wachsende Stadt mit 250 000 Einwohnern. Vor zehn Jahren waren es noch 100 000 weniger. In den nächsten Jahren dürfte diese auf 2100 Metern über Meer gelegene Metropole die Städte Nakuru und Kisumu überholt haben und punkto Grösse hinter den Millionenstädten Nairobi und Mombasa Platz 3 belegen.

Die Grösse von Eldoret ist auf den ersten Blick unfassbar. Das Zentrum erstreckt sich auf einer Länge von vielleicht 800 Metern und einem knappen Dutzend Querstrassen. Hier drängen sich unter der Dunstglocke von Abgasen und aufgewirbeltem Sand Minisupermärkte, unzählige Metzgereien mit ausgestellten Rinderhälften im ungekühlten Schaufenster, Geschäfte für Haushaltwaren, Handyläden, Banken, Restaurants und vieles mehr. Am Tag ein pulsierender Moloch voll wuselnder Menschen, am Abend ein fast unheimlicher Ort, an dem sich kaum ein Weisser, ein Muzungu, mehr auf der Strasse zeigt. Es gibt keine Strassenbeleuchtung, die herumstehenden Gestalten flössen nicht immer Vertrauen ein. «Regel Nummer 1 lautet: wenn es dunkel ist, nicht mehr auf die Strasse gehen», erklärt Viktor Röthlin lachend.

Der Muzungu als Familienmitglied

Am Tag zieht es den 34-jährigen Schweizer durchaus hierhin, wenn es gilt, Lebensmittel einzukaufen. Besonders angetan hat es ihm der riesige Früchte- und Gemüsemarkt. «Hier kann man noch sonnengereifte Früchte kaufen», schwärmt er. Der Schnitz einer kenyanischen Orange ist eine Offenbarung für den Gaumen. In einer etwas moderner eingerichteten Metzgerei kauft er das Fleisch. Am liebsten hat er, wenn ihn der Metzger bei der Nachfrage nach einem besonderen Stück auf den nächsten Tag vertröstet. «Dann weiss ich, dass es garantiert frisch ist.»

Bezüglich Annehmlichkeiten gäbe es auf der Welt viele Alternativen, aber Röthlin zieht es immer wieder nach Eldoret. Seit über zehn Jahren schon. Hier hat er von den Kenyanern gelernt, hier hat er die Grundlage für seinen Aufstieg zum gegenwärtig besten Europäer gelegt, hier hat er enge Kontakte mit kenyanischen Topleuten geknüpft und Freunde gewonnen. So wie Abraham Tandoi. Der einstige Pacemaker, der sein Freund geworden ist, hat ihn am vergangenen Samstag in einer mehrstündigen Zeremonie seiner Familie vorgestellt. «Das war eine Riesensache», erklärt Röthlin. «Jetzt gelte ich als Familienmitglied.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 23:22 Uhr

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2 Kommentare

Hans Sägesser

05.03.2009, 08:51 Uhr
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Schöner Bericht den ich gut nachvollziehen kann. Ich habe während rund 7 Jahren in Kenya gelebt, teilweise auch im Hochland, allerdings in Western Kenya in Kisii. Die satt grünen Hügelzüge und das fast immer gute Wetter sind natürlich tolle Bedingungen für Lauftrainings. Nicht um sonst sind die Kenyaner immer top in den Laufwettbewerben. Ich hoffe Victor Rötlin kann viel von dem profitieren. Antworten


alfred grospitz

05.03.2009, 21:14 Uhr
Melden

wer den pilatus hochlaufen kann, der schafft auch den kilimandscharo. gute idee dieses obwaldeners in kenia zu trainieren. Antworten



Programm & Resultate

Freundschaftsspiel
EndeSchweiz - Deutschland5:3
EndeSpanien - Serbien2:0
EndeNorwegen - England0:1
Playoff
EndeSion - Aarau3:0
Stand: 26.05.2012 20:56
Brussels Ladies Open
26.05EndeRadwanska - Halep7:5 6:0
Stand: 26.05.2012 17:02
GP Monaco 2012 - Qualifikation
1:14.3011 Michael Schumacher
1:14.3812 Mark Webber
1:14.4483 Nico Rosberg
Stand: 27.05.2012 16:04
Keine Daten vorhanden
Keine Daten vorhanden
Roland Garros
27.05Live Cipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 6:3 1:5
Stand: 27.05.2012 15:59
Keine Daten vorhanden
Keine Daten vorhanden
Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0511:00Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0511:00Bolelli - Nadal
28.0511:00Djokovic - Starace
28.0511:00Federer - Kamke
Stand: 25.05.2012 15:24
Keine Daten vorhanden
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