Der verrückte Amerikaner

Adam Kimble will zum Kilometerfresser werden. Er plant, in 45 Tagen quer durch die USA zu laufen. Er würde dabei 4876 km zurücklegen. Die Krux: Kimble rennt erst seit vier Jahren.

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Natürlich hat sich Adam Kimble in den letzten Wochen immer wieder den ­Vergleich mit «Forrest Gump» aus dem gleichnamigen Film anhören müssen. Gump wird darin unter anderem zum Dauerläufer, indem er 3 Jahre, 2 Monate, 14 Tage und 16 Stunden ununterbrochen läuft. Auch der Amerikaner Kimble versucht sich ab Montag an einem Husarenstück, das ihn nicht gleich Jahre, aber doch anderthalb ­Monate beschäftigen würde. 4876 km will der 29-Jährige quer durch die USA laufen. Weil nicht der Weg sein Ziel ist, sondern die Zeit, möchte er 46 Tage, 8 Stunden und 36 Minuten unterbieten. So lange dauerte der Road-Trip von Frank Giannino Jr. 1980. Dass der Rekord die Jahre überdauerte, sagt aus, wie schwierig es ist, diese ­Vorgabe zu tilgen.

Zwar begibt sich nicht gleich jeden Tag ein Ausdauerläufer in dieses strapaziöse Abenteuer. Mit den Jahren aber sind etliche Rekordversuche zusammengekommen. Alle diese Athleten mussten früher oder später jedoch erkennen: Da liegt maximal ein Alterskategorie-Rekord drin (ja, das gibt es) – oder eine Premiere mit noch zweifelhafterem ­Charakter. So wird auch ein Barfusslauf-Rekord quer durch die USA geführt oder eine Bestzeit im Schottenrock.

Der Chicagoer Kimble bildet also bloss die neuste Ausgabe dieser stählern-sonderbaren Spezies und fällt ­innerhalb der Speziellen doch noch auf. Denn Kimble ist ein Laufnovize. Vor fünf Jahren absolvierte er seinen ­ersten Halbmarathon, vor vier seinen ersten Marathon, vor zwei Jahren sein erstes Rennen über 100 km. Selbst in der kleinen Ultramarathon-Szene ist Kimble ein eher ­Unbekannter. Immerhin gewann er im letzten Jahr den Lauf durch die Wüste Gobi, 250 km betrug damals die ­Distanz. Das klingt in den Ohren von Durchschnittssportlern bereits horrend – ist im Vergleich zu seinem Rekord­versuch dennoch nur ein Klacks.

Bis 8000 Kalorien pro Tag

Nun müsste Kimble im Schnitt 109 km pro Tag laufen (und phasenweise wohl gehen), damit er sich zum «King of Roads» machen könnte. Kimble plant, ­jeweils um 3.15  Uhr morgens aufzu­stehen, zu essen und danach bis zu 16 Stunden ein menschliches Perpetuum mobile zu bilden. 6000 bis 8000 Kalorien benötigt sein Körper pro Tag. Seine Frau und vier Freunde begleiten ihn in zwei bis drei Fahrzeugen.

Um einen möglichst hohen Sightseeing-Faktor geht es Kimble nicht. Aber auf seiner Website (adamkimble.com)kann man schauen, wo er sich gerade aufhält – und ihn dann wie Forrest Gump ein bisschen läuferisch begleiten. Ein­tönigkeit erwartet den Langbart­träger. Kimble simulierte sie, indem er die Mehrheit seiner Trainingskilometer auf einer 16-km-Schlaufe ­abspulte – von morgens bis abends. Um Schnee oder superwarmen Temperaturen auszuweichen, entschied er sich zum Start im ­Februar in Kalifornien. In Huntington Beach südlich von Los Angeles geht es los und im Idealfall durch 16 Staaten bis zum Times Square in New York.

Dass Kimble ankommt, hält der Schweizer Mediziner und Ultradistanz-Triathlet Beat Knechtle für unmöglich. «Kann man vergessen», sagt der 51-jährige Appenzeller knapp. Knechtle muss es wissen, er verkörpert die schweizerische Variante von Forrest Gump. Auf seiner Website hat er minutiös aufgelistet, was er in den letzten 21 Jahren alles an hart erkämpften Kilometern gesammelt hat. Beispielsweise 26'312 km auf dem Rad pro Jahr oder 3923 km zu Fuss. 2013 beendete er als erster Athlet zwei sogenannte Deca-Ironman in einem Jahr, also Wettkämpfe über 38,62 km Schwimmen, 1802,5 km Radfahren und 421,950 km Laufen. Nein, die Kommas sind nicht verrutscht.

Das Alter macht den Läufer

Über 200 Studien publizierte der Mediziner zu seiner sportlichen Leidenschaft und kann das Ziel von Kimble darum Schritt für Schritt zerlegen. Knechtles Vorbehalte beginnen beim Alter. Die besten Ultramarathonläufer sind gestandene Männer (oder Frauen) in ihren 40ern. Dazu kommt die Erfahrung: Diese Grössen verfügen über eine enorme Zahl an Rennen über ultralange Distanzen, wissen entsprechend gut, wie sich ihr Körper verhält und wie sie mit ihm umgehen müssen.

Selbst der besttrainierte Dauerläufer gerät nämlich mit der Zeit in ein «Energiedefizit», wie Beat Knechtle sagt. Hinzu kommen die Belastungen für den Bewegungsapparat. ­Jeden Tag exakt gleich viele Kilometer kann keiner bewältigen. Knechtle hält 80 km pro Tag – über einen Zeitraum, wie ihn Adam Kimble plant – ohnehin für das Maximum.

Jüngere Ultradistanzathleten ver­letzen sich häufiger als ältere, beispielsweise an Knien oder Waden (siehe Box). «Spätestens nach einigen Tagen wird Kimble sein ­Unterfangen verletzt aufgeben müssen», ist Knechtle überzeugt. Schliesslich könne ein dritter ­Faktor hinzukommen: ein überreiztes Immun­system. In seiner ­jugendlichen ­Frische aber sieht Adam Kimble seinen Vorteil und lebt bald ganz nach dem Mantra der Szene: «Nur die Harten kommen in den Garten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2016, 23:13 Uhr)

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Ultradistanz-Rennen

Viel gesünder als ihr Ruf

Wer joggt – und sei es im moderaten Umfang pro Woche –, bekommt von Nichtläufern stets zu hören: «Das muss den Bewegungsapparat mit den Jahren doch stark belasten!» Studien können allerdings das Gegenteil belegen, selbst für Ultramarathonläufer, also Sportler, die Wettkämpfe von 50 km und länger bestreiten. Eine der neusten und aussagekräftigsten Publikationen stammt von US-Medizinern von 2014. Darin wurden die Karrieren von 1212 US-Ultramarathon­läufern mittels Fragebogen analysiert. Die Schlussfolgerung der Autoren: «Im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung sind Ultra­marathonläufer gesünder und verpassten weniger Arbeits- oder Schultage wegen Krankheit oder Verletzung.»

Der Körper der Vielläufer passt sich schlicht den Belastungen an. Erhellend ist in diesem Zusammenhang eine deutsche Studie von 2009. Die Mediziner begleiteten 22 Ultradistanzläufer am Trans Europe Foot Race. Es führt über 4487 km von Bari ans Nordkap. Alle 1000 km erstellten die Wissenschaftler bei ihren Probanden ein Fuss-MRI, weil sich die Auswirkungen des Dauerlaufens häufig an den Füssen zeigen. Was die Experten feststellten: Die Knochendichte erhöhte sich bis zum Laufende als Folge der Belastung gar, zugleich wuchs der Achillessehnen-Durch­messer von 6,8 mm auf 7,8 mm.

Unbeschadet aber kommt kaum ein Ultramarathonläufer über die Jahre. 77 Prozent verletzten sich in der US-Studie innert der 12 Monate vor dem nächsten grossen Lauf, am häufigsten am Knie. Negative Auswirkungen kann das Dauerlaufen auch anderweitig haben: Der Prozentsatz an Allergikern ist bei ihnen klar höher als bei Normalos. (cb)

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