«Die Diagnose war ein Schock»
Von Interview: Philipp Rindlisbacher. Aktualisiert am 12.01.2012 1 Kommentar
Olympiasieg und Doktortitel
Einstiger Branchenprimus Im August 2004 erlebte Degenfechter Marcel Fischer seine sportliche Sternstunde. Der Seeländer wurde in Athen Olympiasieger, es war die erste Goldmedaille eines Schweizer Fechters. Im gleichen Jahr wurde Fischer Teameuropameister und erhielt den Swiss Award in der Kategorie Sport. Während elf Monaten rangierte er an der Spitze der Weltrangliste; 2005 triumphierte er am Grand-Prix-Turnier in Bern.
Für die Olympischen Spiele in Peking konnte sich Fischer nicht qualifizieren. Im Herbst 2008 trat er zurück. Der Mediziner erwarb an der Basler Universität den Doktortitel und arbeitet als Orthopäde im Thurgauer Kantonsspital in Münsterlingen. Fischer ist in Brügg bei Biel aufgewachsen, mit Partnerin und Tochter lebt er in Scherzingen. Der 33-Jährige ist Athletenbotschafter der Organisation «Right to Play», welche über den Sport das Leben von Kindern in benachteiligten Regionen verbessern will.
Marcel Fischer hat aufwühlende Monate hinter sich. Im vergangenen Jahr wurde beim 33-Jährigen Ohrspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert – ein Krebsleiden, an welchem jährlich nur 1 bis 2 von 100'000 Menschen erkranken. Im Juni musste sich der Seeländer in einem mehrstündigen operativen Eingriff eine bösartige Geschwulst aus der rechten Wange entfernen lassen. Noch ist Fischers rechte Gesichtshälfte gelähmt.
Wie geht es Ihnen sieben Monate nach der Operation?
Marcel Fischer: Ich fühle mich gut, es geht mir von Tag zu Tag besser. Schmerzen verspüre ich keine mehr. Nur unmittelbar nach dem Eingriff tat es weh.
Waren die psychischen Schmerzen stärker als die physischen?
Die ärztliche Diagnose war ein Schock. Mir ist aber bewusst, dass täglich viele Leute mit solch einem Befund konfrontiert werden. In meinem Fall war dies sicher aussergewöhnlich, weil ich vergleichsweise jung bin.
Wie haben Sie die Diagnose verarbeitet?
Ich fiel glücklicherweise nie in ein tiefes Loch. Ich bin eine Kämpfernatur, jemand der stets vorwärtsblickt. Nach der Diagnose wollte ich jedes Detail wissen, auf alles seriös vorbereitet sein. Resignieren kam nicht infrage. Ich hatte auch grosses Glück, dass sich so viele Menschen um mich kümmerten. Meine Familie war und ist mein Auffangbecken, Freunde erkundigen sich ständig nach mir.
Sind Sie im Alltag eingeschränkt?
Ich führe ein normales Leben, arbeite wieder als Orthopäde. Noch ist meine rechte Gesichtshälfte gelähmt. Ich kann aber normal sprechen, es fällt nur optisch auf. Doch damit habe ich mich arrangiert. Es erstaunt mich ein wenig, dass mich das Ganze nicht stärker stört. Wichtig ist sicher, dass mein Umfeld mit mir nicht anders umgeht als zuvor.
Befürchten Sie, dass die Lähmung dauerhaft anhält?
Nein. Ich weiss, dass die Lähmung zurückgehen wird. Sie ist bereits rückläufig. Vor der Operation machte ich mir aber schon einige Gedanken.
Haben Sie Angst vor gesundheitlichen Rückschlägen?
Ich bin erleichtert, dass es mir nun wieder derart gut geht. Mir ist bewusst, dass ein Restrisiko vorhanden ist, dass es Rückfälle geben kann. Ich will aber nicht grübeln. Kein Mensch steht hundertprozentig auf der sicheren Seite. Meine beruflichen und familiären Lebensziele haben sich durch die Krankheit nicht verändert. Ich hadere nicht mit dem Schicksal.
Sie betrieben jahrelang Leistungssport, erlebten Höhen und Tiefen. Hilft Ihnen Ihre sportliche Vergangenheit, den Kampf gegen die Krankheit anzunehmen?
Ja, sehr sogar. Im Sport war ich oft mit extremen Belastungen konfrontiert. Ich trainierte, hatte grosse Erwartungen – musste trotzdem Enttäuschungen wegstecken. Ich erinnere mich an die Zeit vor Olympia 2004. Ich war die Weltnummer 3, wegen eines umstrittenen Qualifikationsmodus aber nicht direkt für die Spiele qualifiziert. Das war ein Schock, für mich eine grosse Ungerechtigkeit. Ähnlich fühlte ich mich nach der Diagnose. Die Erfahrung, solche Dinge zu verarbeiten, hat mir geholfen. Auch die mentale Stärke aus dem Sport kam mir gelegen. Ich habe mich optimal auf die Operation und die Rehabilitationszeit eingestellt. Als ich aus der Narkose aufwachte, war ich nicht total geschockt.
Als Arzt wissen Sie über die medizinischen Hintergründe Ihrer Krankheit Bescheid. Ist das ein Vorteil oder vielmehr eine zusätzliche Belastung?
Etwas von beidem. Ich kannte die Therapien und Medikamente, wusste, worauf ich würde achten müssen und was auf mich zukommen könnte. Doch das machte es nicht nur einfacher. Es ist nicht immer gut, alles zu wissen. So war ich mir beispielsweise bewusst, welche Arten von Komplikationen auftreten können.
Das Wort Krebs nehmen Sie nie in den Mund...
...es ist mir zu negativ behaftet. Ich bevorzuge andere Ausdrücke.
Erlaubt es Ihr Gesundheitszustand, Sport zu treiben?
Ich kann wieder alles machen, trainiere Ausdauer, spiele Badminton und Tennis. Tennis ist eine Leidenschaft von mir. Noch habe ich aber nicht das Niveau, das ich vor der Operation hatte.
Auf der Fechtplanche stehen Sie dagegen nicht mehr?
Nein. Seit meinem Rücktritt vor über drei Jahren habe ich nie mehr gefochten. Ich bin nicht der Typ für halbe Sachen. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es konsequent. Der Schlussstrich war für mich richtig, ich hatte als Spitzensportler eine perfekte Karriere.
Sind Sie deshalb verhältnismässig früh zurückgetreten?
Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere, von solchen Erfolgen wagte ich als Jugendlicher nicht zu träumen. Ich war privilegiert, konnte parallel zum Sport meine Ausbildung vorantreiben. Der Beruf wurde dann zunehmend wichtiger. Den Rücktritt habe ich nie bereut. Mein Herz schlägt aber noch immer für den Sport, die Emotionen, welche ich während Wettkämpfen verspürte, fehlen mir manchmal schon ein wenig.
Verfolgen Sie die Szene nach wie vor?
Unmittelbar nach meinem Rücktritt brauchte ich etwas Abstand. Mittlerweile verfolge ich das Geschehen wieder intensiver. Der Kontakt zu meinen ehemaligen Teamkollegen blieb bestehen und auch das Weltcupturnier in Bern besuche ich jedes Jahr.
Der Berner Fabian Kauter gewann im Vorjahr WM-Bronze und ist die Nummer 4 der Welt. Was trauen Sie ihm künftig zu?
Ihm stehen alle Türen offen. Er ist schnell, technisch talentiert und trainingsfleissig. Zuletzt hat er bewiesen, dass er auch an Grossanlässen bestehen kann.
Wie haben Ihre ehemaligen Teamkollegen auf Ihren Schicksalsschlag reagiert?
Ich spürte grosse Anteilnahme. Mit Athleten wie Fabian Kauter habe ich jahrelang täglich trainiert. Wir haben viel erlebt, das schweisst zusammen.
> (Berner Zeitung)
Erstellt: 12.01.2012, 16:10 Uhr
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1 Kommentar
Krebs ist kein Schicksal! Nur eine Krankheit! Und auch hier, stirbt die Hoffnung zuletzt! Nun, nach 3 Jahren Diagnose: "böser" Krebs, entsprechenden Therapien etc., lebe ich in Brasilien und zwar ganz normal! Ohne Medi oder so. Jeder Tag ist ein geschenkter Tag! Kollege Krebs ist in der CH geblieben! Das möchte ich allen Betroffenen sagen: es gibt die Hoffnung! Für Sie und Ihre Familien!!! Antworten

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