Sport

Die Macht der Patriarchen

Von Christian Brüngger. Aktualisiert am 08.06.2011 5 Kommentare

Viele Sportverbände werden von Männern im Pensionsalter geführt. Weil nur einer aus der eigenen «Familie» Chancen hat, so weit aufzusteigen.

1/13 Der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF) Lamine Diack ist 78 Jahre alt, im Amt seit 1999.
Bild: Keystone

   

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Sepp Blatter ist das bekannteste Gesicht einer mächtigen Veteranengilde. Der letzte Woche wiedergewählte Fifa-Präsident feierte im März seinen 75. Geburtstag. Noch älter ist Lamine Diack mit 78. Er fühlt sich aber jung genug, um im August eine weitere Amtsperiode als Präsident des Leichtathletikverbandes zu absolvieren. Seine Perspektiven sind glänzend. Diack ist der einzige Kandidat. In der Altershitparade der Präsidenten fallen darum primär die Reiter auf – aus einem zweifachen Grund: Sie werden mit Haya bint al-Hussein von einer Frau geführt. Die Prinzessin aus Jordanien wirkt mit ihren 37 Jahren in diesem Seniorenkreis blutjung.

Dass der Weltsport von alten Männern regiert wird, ist auf mehrere Gründe zurückzuführen. Der wichtigste zeigt, wie sich eine Basisdemokratie clever ausnutzen lässt. In allen grossen Verbänden ist der Kongress die oberste politische Instanz. Er entscheidet über die Aufnahme von Bewerbern, er wählt den Präsidenten (und in der Fifa auch bald die WM-Organisatoren). Jedes Mitglied besitzt im Kongress eine Stimme. Noch vor einem halben Jahrhundert hatten grosse Nationalverbände mit vielen Mitgliedern proportional mehr Gewicht als kleinere. Mit der Verschiebung der politischen Machtverhältnisse und der Emanzipation vieler (afrikanischer) Staaten kippte dieses System.

Burkina Faso wie Deutschland

Seither ist Papua-Neuguinea oder Burkina Faso ebenso bedeutend wie die USA oder Deutschland. Klar ist auch: Der Modus wird kaum mehr geändert. Welches an sich unbedeutende Mitglied wäre schon bereit, sich selber um die Macht zu bringen?

Zumal ein zweiter Faktor als beliebtes Schmiermittel wirkt: Ist ein Verband wie die Fifa kommerziell (höchst) erfolgreich, profitiert jedes einzelne Mitglied davon. Und zwar direkt in Form von Geldbeiträgen oder indirekt beispielsweise durch Infrastrukturprojekte. Sie sind mittels Regeln ausdrücklich gewünscht. «Entwicklungshilfe» nennen sie gewisse Sportfunktionäre abschätzig und implizieren zudem, dass damit die Grenzen zwischen Hilfe und Bestechung zerfliessen können. Das Resultat ist meist dasselbe: Die Beschenkten bedanken sich beim Mann an der Spitze mit ihrer Stimme. Die Machthaber sind damit kaum mehr aus ihren Positionen zu bringen, da kann die sportpolitische Karriere möglicher Konkurrenten noch so exzellent sein.

Machtlos gegen Familie

Ein Sebastian Coe, immerhin 800-m-Olympiasieger und -Weltrekordhalter sowie Chef der Olympischen Spiele von 2012 in London, wagt selbst als Vizepräsident des Leichtathletikverbandes nicht, gegen seinen Präsidenten Diack anzutreten. Er wäre machtlos. Wie Diack haben sich viele der aktuellen Präsidenten innerhalb ihres Verbandes hochgearbeitet. Sepp Blatter ist seit 1975 in der Fifa. Nach 17 Jahren als Generalsekretär stieg er 1998 zum mächtigsten Sportfunktionär auf.

Der Karriereverlauf von Gian-Franco Kasper scheint eine Kopie zu sein: Der Schweizer Präsident des Internationalen Skiverbandes kam 1975 zur Fis, war 23 Jahre ihr Generalsekretär und ist seit 1998 ihr Präsident. Diese Erfolgsfunktionäre verfügen folglich über ein breites Netzwerk und kennen die Mechanismen und Strukturen perfekt. Das ist insofern entscheidend, als die Sportverbände in einem strikt sind: Nur aus der eigenen «Familie» hat einer Chancen, bis an die Spitze vorzustossen.

«Jasager werden belohnt»

Quereinsteiger sind als Präsidenten von Weltsportverbänden so selten wie schwarze Schneemänner. Helmut Digel befasst sich als Soziologie-Professor an der Universität Tübingen auch mit den Mechanismen von Sportverbänden. Zudem ist er seit Jahren Topfunktionär in der internationalen Leichtathletik. In einem noch unveröffentlichten Aufsatz kritisiert er die Verbände massiv.

Digel schreibt: «Die Tendenz zur geschlossenen Gesellschaft des internationalen und nationalen Sports ist ... offensichtlich. Der Begriff der Familie wird als ideologische Leerhülse gepflegt, um auf diese Weise das Aussen von dem Innen sorgfältig zu trennen. Wenn es in der Familie selbst ein enfant terrible gibt, so wird dieses sehr schnell isoliert. Man entledigt sich deshalb entschieden und äusserst gezielt aller Kritiker. Jasager werden hingegen mit ihrer Devotheit gewürdigt, belohnt und bevorzugt.» Digel sagt, er spreche aus eigener Erfahrung. 2007 wurde er als Vizepräsident des internationalen Leichtathletikverbandes abgewählt.

Vatermord ist ausgeschlossen

Ein interessierter Beobachter ist Gunter Gebauer, Philosophie-Professor an der Freien Universität in Berlin mit Spezialgebiet Sport. Er sagt: «Der Präsident verkörpert das patriarchalische Oberhaupt einer Familie, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert kennen. Die Verbandsvertreter sind in dieser Analogie seine ungleichen Söhne. Aber weil der Vater allen gibt, existiert in dieser Welt kein Vatermord.»

Substanzielle Reformen erwarten in dieser geschlossenen Welt weder Digel noch Gebauer. «Solange die Verbände finanziell erfolgreich sind, werden sie von Männern im fortgeschrittenen Alter geführt», sagt Gebauer.Der Sport wird also auch in Zukunft mitunter alt aussehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2011, 09:06 Uhr

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5 Kommentare

Peter Morgenthaler

08.06.2011, 09:56 Uhr
Melden 1 Empfehlung

zu den Reitern: Was an einer jungen Frau aus einem korrupten Mohammedaner-Clan jetzt vorbildlich sein soll, erschliesst sich mir nicht. Antworten


Dan Horber

08.06.2011, 10:29 Uhr
Melden

Das Alter der Präsidenten ist die eine Seite - die Amtsdauer von in der Regel über 10 Jahren die Kehrseite. Und Wahlen mit nur einem Kandidaten sind keine (Aus-)Wahlen. Antworten



Programm & Resultate

Freundschaftsspiel
EndeSchweiz - Deutschland5:3
EndeSpanien - Serbien2:0
EndeNorwegen - England0:1
Playoff
EndeSion - Aarau3:0
Stand: 26.05.2012 20:56
Brussels Ladies Open
26.05EndeRadwanska - Halep7:5 6:0
Stand: 26.05.2012 17:02
GP Monaco 2012 - Qualifikation
1:14.3011 Michael Schumacher
1:14.3812 Mark Webber
1:14.4483 Nico Rosberg
Stand: 27.05.2012 16:04
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Roland Garros
27.05Live Cipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 6:3 1:5
Stand: 27.05.2012 15:59
Keine Daten vorhanden
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Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0511:00Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0511:00Bolelli - Nadal
28.0511:00Djokovic - Starace
28.0511:00Federer - Kamke
Stand: 25.05.2012 15:24
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