Die ewig junge Ikone

Tony Hawk ist seit mehr als 20 Jahren die Ikone des Skateboard-Sports. Der Multimillionär verdient sein Geld aber längst nicht mehr nur mit Wettkämpfen, sondern mit Videogames und Skateboard-Artikeln.

Quelle: Youtube.


Es geht nur um diesen einen Trick. Den 900er, zweieinhalb Rotationen in der Halfpipe, Vert genannt. Vor zehn Jahren stand Tony Hawk diesen erstmals - im zwölften Versuch - und zementierte damit seinen Stellenwert in der Skateboard-Szene - oder besser: den Sockel für die Statue, die ihm diese einst widmen wird. Nun steht er im Pariser Grand Palais, «dem schönsten Gebäude dieser Stadt», wie Hawk selber sagt - und, trotz PR-Faktor in dieser Aussage, har er vielleicht recht: Der Grand Palais, zwischen Champs-Élysées und Seine gelegen, dieser Glaskuppelbau von enormem, schier unvorstellbarem Ausmass, ist der Ort, wo sich Tony Hawk und seine Freunde die Ehre geben.

Vom Gegen- zum Miteinander

«The Tony Hawk Show» nennt sich das, wenn der mittlerweile 41-Jährige mit jenen Leuten, mit denen er seit 20 und mehr Jahren skatet, eine Skateboard-Session präsentiert. Früher war es ein Gegeneinander, heute einzig ein Miteinander. Denn Hawk trat 1999, nachdem er eben diesen 900er gestanden hatte, vom Wettkampfsport zurück. Seinem Ruhm tat dies keinen Abbruch, im Gegenteil. Denn im Jahr zuvor war das erste Videogame unter seinem Namen auf den Markt gekommen. Die Spielserie wurde ein Grosserfolg. Vergangenen Monat kam die 15. und revolutionärste Folge auf den Markt, «Tony Hawk: Ride». Dafür beteiligte sich Hawk an der Entwicklung eines Gamecontrollers in Form eines Skateboards. «Darauf bin ich richtig stolz», sagt Hawk. «Wir haben einen besseren Job gemacht, als ich mir das erträumt habe.»

Wie ein Traum verlief auch Hawks Aktivkarriere. 1982, 14-jährig, begann er professionell zu skaten. In den folgenden Jahren entwickelte er sich zur grossen Figur dieser Sportart, gewann bis Anfang der 90er-Jahre 73 von 103 Contests. Dann die grosse Baisse: Skateboarden war nicht mehr hip, «The Birdman» plötzlich ohne gesicherte Einkünfte. Die Wende gelang erst 1995, als der Sportkanal ESPN die X-Games lancierte, die sich den Ruf als Olympische Spiele der Funsportarten erwarben. An den X-Games gewann Hawk insgesamt 9 Gold-, 3 Silber- und 2 Bronzemedaillen und wurde damit bei einer breiteren Schicht der Bevölkerung bekannt.

Das nützte er nicht nur mit seinen Videogames, sondern auch mit nach ihm benannten Skate-Produkten aus und wurde laut dem US-Magazin «Forbes» zum bestverdienenden Action-Sportler. So verdiente Hawk 2008 12 Millionen Dollar, mit Hawk-Produkten setzten seine Firmen 200 Millionen Dollar um. Seine Twitter-Nachrichten im Internet verfolgen mittlerweile fast 1,9 Millionen Leute. Dort stellte er im Sommer auch ein Bild von sich online, als er im Weissen Haus zu Besuch war: Er konnte es nicht lassen und fuhr auf seinem Skateboard durch die geschichtsträchtigen Gänge...

Jeden Tag auf dem Skateboard

Der mittlerweile - für die Branche - ältere Herr steigt immer noch aufs Skateboard, wenn es geht, jeden Tag. Sicher hält der Sport jung, aber auch beim Kalifornier sind einige Falten und graue Schläfen auszumachen, die ihn eben nicht mehr wie einen 20-Jährigen erscheinen lassen, trotz entsprechender Kleidung. «Ich muss schon hart trainieren, um mein Niveau zu halten», gibt er denn auch zu. Aber der Sport sei bis heute für ihn in erster Linie Spass. Das wird dann auch im Grand Palais deutlich, wenn Hawk & Friends den 5500 Zuschauern eine eindrückliche Vorstellung zeigen. Auch wenn der Showaspekt zeitweise etwas zu deutlich im Zentrum steht. So wird schon kurz nach Beginn klar, dass der 900er, der sagenumwobene Trick, Höhepunkt der 90-minütigen Darbietung sein wird, das Highlight am Schluss, man fühlt sich ein wenig wie im Zirkus.

Hawk hat sich mit dem Vert-Skateboarden eine kleine Welt für sich bewahrt. Es ist kein Zufall, dass mit einer Ausnahme alle seine Mitstreiter älter als 30 sind. Die Disziplin Halfpipe entwickelt sich seit Jahren nicht mehr gross weiter, weil der Aufwand für solche Anlagen einfach zu gross ist. Denn das ist es ja, was den Skatern an ihrem Sport so viel Spass macht: Dass sie ihn in ihrer «natürlichen» Umgebung ausüben können, ohne weitere Hilfsmittel, auf Strassen und Treppen. Auf der anderen Seite ist der Verschleiss am eigenen Körper in der Disziplin «Street» auch deutlich höher. Kein Wunder, wenn ein ums andere Mal Sprünge aus zwei Metern Höhe und mehr auf den Asphalt abgefedert werden müssen. Für Hawk ist das längst nichts mehr: «Die meisten Tricks stehst du nicht beim ersten Mal. Und von denen gibt es solche, wo du deinem Körper schon einen gewissen Schaden zufügst, ihn sozusagen missbrauchst, ehe du den Trick zum ersten Mal stehst. Das interessiert mich nicht mehr so sehr. Ich hab sieauf Video, das reicht mir.»

Olympische Pläne

Vielleicht ist das der Grund, dass Hawk auch heute noch zwei und mehr Meter aus der Halfpipe hinausfliegt und dabei seine Rotationen vollführt. In früheren Jahren hatte er sich auch dreimal am Freestyle.ch die Ehre gegeben (1997-1999), doch das liegt schon ein Weilchen zurück. Die Halfpipe auf der Landiwiese war so hoch wie jene im Grand Palais, auch in Zürich zeigte er den 900er, obschon die Zürcher Halfpipe etwas weniger breit war. Weshalb in Paris amerikanisch mit der «biggest ramp in Europe» geworben wurde...

Andere, jüngere Fahrer mögen mittlerweile technisch weiter sein als Tony Hawk, Gehör erhält Tony aber trotzdem noch. Bezüglich Plänen, die Sportart olympisch zu machen, meint er: «Vielleicht wäre das etwas für Rio 2016. Man muss sich aber schon im Klaren sein: Die Olympischen Spiele brauchen uns, nicht umgekehrt. Wir sind der‹Cool-Faktor›, den sie mit den Snowboardern im Winter gefunden haben - und für den Sommer noch suchen.»

2016 wäre Hawk 48, und auch wenn er sagt: «Niemand weiss, bis in welches Alter man skaten kann - wir sind ja immer noch die erste Generation», würde der Event für ihn etwas zu spät kommen. Aber vielleicht wäre das etwas für Hawk junior. Sohn Riley (17) - aus erster von drei Ehen - ist bereits Profi geworden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2009, 12:58 Uhr

Meistgelesen in der Rubrik Sport

Die Top-Themen im

Die Teams und ihre Fahrer

Die Piloten der Formel 1

Das war Vancouver 2010




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten