Die ungebremste Hatz rund um die Welt

Die Vendée Globe ist geprägt von gewaltigen Brechern und einer Zweiklassengesellschaft – wieso regelmässig Rekorde gebrochen werden.

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Sie gelten als die letzten grossen Abenteurer der Weltmeere. Während zweieinhalb Monaten oder mehr fahren die Segler der Vendée Globe auf ihren 18,28m langen Hightechjachten ohne fremde Navigationshilfe über die drei Ozeane, den Atlantik, den Indischen und den Pazifischen Ozean. Sie trotzen Wind, Hitze, Kälte und gewaltigen Brechern, die über das Deck krachen.

Sie schlafen im Rhythmus von 20 Minuten, wachen wieder auf, sind getrieben, noch ein bisschen mehr aus ihrem Boot herauszupressen; sie überprüfen Kurs, Geschwindigkeit, die Wettervorhersage; warten die fragile, aber überlebenswichtige Elektronik, setzen und bergen Segel, wärmen gefriergetrocknetes Astronautenfutter auf und schlafen dann wieder 20Minuten. Ihre Reise ist ein permanenter Kampf gegen die Müdigkeit, obwohl die Boote während 90 Prozent des Rennens vom elektronischen Autopiloten gesteuert werden. Der Automat segelt genauer als der Mensch.

Dominique Wavre, der viermal an der Vendée Globe teilnahm und mit den Klassierungen 4 und 5 für die besten Resultate eines Schweizers sorgte, sagte einst: «Auf der Welt leben über 7 Milliarden Menschen, viele dicht aufeinander. Auch wenn man alle über 190 Länder der Welt bereist hat, kennt man wenig von der Erde. Denn die Meere bedecken 71 Prozent der Oberfläche.»

Von 109 Tagen auf 78 Tage

Der Genfer ist nun 63 Jahre alt, in Rente und weiss, welche Strapazen, die im Extremfall zum Überlebenskampf werden können, die Solosegler erwartet, die am 6. November in Les Sables d'Olonne an der französischen Atlantikküste gestartet sind. Er selbst hat einmal gesagt: «Ich setzte mich Gefahren aus, aber ich habe auf meinem Boot die abgelegensten, wildesten Gegenden gesehen und Naturschauspiele erlebt, die nur ganz wenige Menschen erleben und die so überwältigend sind, dass ich sie nicht in Worte fassen kann.»

Wavre galt als der Philosoph unter den Weltumseglern. Er war gegenüber den Neuerungen der maritimen Hightechwelt aufgeschlossen, manchmal wirkte er dennoch wie aus einer anderen Zeit. Wie sehr die Entwicklung und das Geld die Vendée Globe beeinflusst, zeigt die ungebremste Hatz nach immer noch schnelleren Siegerzeiten. Bei der ersten Vendée Globe, gestartet 1989, war die Siegerzeit von Titouan Lamazou 109 Tage, 8 Stunden, 48 Minuten. Bei der letzten Vendée Globe vor vier Jahren erreichte Franois Gabart den Start- und Zielort Les Sables d'Olonne in 78 Tagen, 2 Stunden und 16 Minuten.

Jetzt deutet wieder viel auf einen Rekord hin. Der Brite Alex Thomson passierte das Kap der Guten Hoffnung vor einer Woche 17 Tage und 23 Stunden nach dem Start und blieb gleich um 5 Tage unter dem vor vier Jahren aufgestellten Rekord. Mittlerweile ist Thomson von Armel Le Cléach auf Banque Populaire überholt worden. Der 39-jährige Franzose hat mit seinem Boot der neusten Generation, das rund vier Millionen Euro kostet, am 25. Regattatag bereits die Kerguelen-Inselgruppe im südlichen Indischen Ozean passiert.

7800 Kilometer Rückstand

Dagegen segelt der jüngste Teilnehmer in der Geschichte der Vendée Globe, der 23-jährige Genfer Alan Roura, in der Schlussgruppe des Feldes bereits 7800 Kilometer hinter dem Leader zurück. Er peilt nun das Kap der Guten Hoffnung an. Mit seinem 16 Jahre alten Boot La Fabrique und einem Budget von 400'000 Franken hegt Roura ein Ziel: das Rennen zu beenden. Es war schon vor dem Startschuss am klar gewesen, dass die achte Ausgabe der Regatta zu einer Zweiklassengesellschaft führen wird. Die neuste Generation der Boote ist mit sogenannten Foils ausgerüstet. Die leicht Sichel- oder L-förmigen Seitenschwerter pressen bei genügend Wind den Bug aus dem Wasser und verringern so den Wasserwiderstand. Sechs Boote der neusten Generation sind damit ausgerüstet, zudem ein älteres nachgerüstet.

Der Vorteil ist enorm, wie das Zwischenklassement zeigt. Auf den ersten vier Plätzen segeln die sogenannt fliegenden Boote. Die Frage ist, ob die Foils über die gesamte Distanz von 45'000 km halten. Sie sind insbesondere auf Treibgut anfällig. So meldete der Zweitplatzierte Thomson nach einer Kollision mit einem unbekannten Objekt Schaden an einem Foil.

Der Brite kann das Rennen aber fortsetzen. Nicht so Morgan Lagravière auf Safran. Er musste wegen eines Defekts an einem Steuerruder aufgeben. Und auch Vincent Riou, Mitfavorit auf einem konventionellen Boot, ist nicht mehr im Rennen. Er segelte in der Spitzengruppe, als er wegen eines Schadens am Kiel aufgeben musste. Vier der 29 Teilnehmer mussten bisher die Segel streichen. Die Statistik der Vendée Globe sagt, dass jeweils nur die Hälfte der Teilnehmer das Rennen beendet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2016, 07:05 Uhr

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