Die verborgene Überholspur

34 Achter lieferten sich am Samstag ein Wettrennen auf dem Rhein. Wie jeden Dezember in den letzten 10 Jahren – bei jedem Wetter.

Der Blick von der Rüdlinger Brücke gibt eine gute Übersicht über die Situation im Rennen.<br />Foto: Urs Jaudas

Der Blick von der Rüdlinger Brücke gibt eine gute Übersicht über die Situation im Rennen.
Foto: Urs Jaudas

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Es ist ein ruhiges Dorf, dieses Ellikon am Rhein. Rund neunzig Menschen leben hier, direkt am Fluss, mit Blick auf die Spargelfelder von Flaach und den Höhenzug des Irchels.

Doch an diesem Samstag befinden sich über 300 Personen in dem kleinen Nest. Am Ufer drängen sich die Menschen. Sie sind meist jung, durchtrainiert, sprechen Dialekt, Deutsch und Holländisch und sind dabei, ihre Ruderboote für den Wettkampf vorzubereiten.

34 Achter werden von Ellikon am Rhein nach Eglisau fahren, unter der Rüdlinger Brücke hindurch und um die enge Kurve bei der Tössegg. Die schnellsten Besatzungen benötigen für die elf Kilometer eine halbe Stunde.

Das Wetter ist frühlingshaft, bei 13 Grad und Sonnenschein haben sich einige Ruderer sogar für ein kurzes Sportdress entschieden. In der zehnjährigen Geschichte der Regatta war es aber meist kalt, es regnete auch, oder es fiel Schnee. Organisator Benedikt Schmid erinnert sich daran, dass er einmal kurzfristig eine Schneefräse besorgen musste, um den Weg zum Rhein frei zu machen. Trotzdem kommen die Sportler gern zur Regatta im Winter. «Sie passt gut in den Trainingsplan», sagt Schmid. In dieser Jahreszeit hat man wenig Gelegenheit, im Wasser zu trainieren. «Man macht jetzt üblicherweise Ergometer-Langstreckentests von 40 bis 50 Minuten», erklärt Schmid – in diesem Bereich befindet sich auch die Regatta.

Gefährliche Untiefen

Neben den Booten des veranstaltenden Seeclubs Zürich sind jene aus Schaffhausen und Basel regelmässig dabei. Auch international hat sich das Rennen einen Namen gemacht. «Die Strecke ist landschaftlich schön, windgeschützt und bei jedem Wetter befahrbar», so Schmid. Wobei er einschränkt, dass bei niedrigem Wasserstand die Steuermänner gefordert seien: «Sie müssen auf die Untiefen achten.»

An der diesjährigen Regatta herrschen optimale Verhältnisse. Als die Besatzungen ihre Boote einwassern, wird es ein wenig eng auf dem Fluss, 34 Achter mit ihren Riemen brauchen Platz. Die Boote sind nach Kategorien eingeteilt – Junioren, Frauen, Männer, Masters – und starten im Abstand von 15 bis 30 Sekunden. Nicht wer als Erster in Eglisau ist, gewinnt, sondern das Boot mit der schnellsten Zeit.

An der Strecke hat es wenig Publikum. Am Start in Ellikon stehen Angehörige am Ufer, und Spaziergänger bleiben stehen. «Auf der Rüdlinger Brücke hat es immer ein paar», sagt Schmid. In Eglisau dann ist die Brücke aber voller Zuschauer. Die besonders Interessierten haben im Festzelt das Livetracking verfolgt: Die Position jedes Bootes wird dank GPS-Ortung unmittelbar aufgezeigt.

Das Startsignal erfolgt mittels eines Signalhorns. Die Boote fahren an, gleiten bald über das klare Wasser. Vorneweg zieht das Zürcher Boot. 2013 hat der Seeclub zuletzt die Regatta gewonnen. Jedes Jahr ist er einer der Favoriten. Der Achter hat schon Schweizer Meistertitel gewonnen und – was an diesem Tag fast wichtiger ist – der Rhein bei Eglisau ist sein Trainingsrevier. In Eglisau steht ein Bootshaus des Clubs – die Zürcher kennen sich hier sehr gut aus. Sie wissen, dass bei Ellikon die Strömung stark ist. Sie kennen die Untiefen und den Umstand, dass der Rhein vor Eglisau immer ruhiger wird, weil er weiter unten aufgestaut wird. Benedikt Schmid erklärt: «Wenn man die Strömungen nutzt, kann man 20 bis 30 Sekunden gutmachen.»

Heimvorteil für Zürcher

Bis zur Konkurrenz scheint sich das nicht herumgesprochen zu haben. Denn die Zürcher gleiten in der Frühphase des Rennens in erster Position flussabwärts. Das Boot bewegt sich schnell auf einem Kurs nahe dem entfernten Ufer. Die anderen Boote passieren die Stelle deutlich langsamer und näher am Weinländer Ufer. Die Zürcher haben eine Strömung erwischt und machen Tempo. Das Ein- und Auftauchen der Riemen erzeugt ein stampfendes Geräusch, das die Stille über dem Rhein verdrängt. Man hört es noch eine Zeit, nachdem der letzte Achter hinter der Flussbiegung verschwunden ist. Die Zürcher werden Eglisau in 31:59 Minuten erreichen. Sie gewinnen mit 26 Sekunden Vorsprung auf Luzern. Sie haben die Strömung wohl wieder zu ihren Gunsten nützen können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.12.2014, 23:05 Uhr)

Stichworte

Ortstermin

An der Ruderregatta von Ellikon am Rhein nach Eglisau.

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