Fahrt mit wertvoller Lebend-Fracht
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Mit einem grossen Satz springt der Braune auf die Verladerampe und trabt mit gespitzten Ohren ins Innere des Pferdetransporters. «Nino merkt, dass es bald losgeht, und ist ganz aufgeregt», sagt Heidi Mulari. Sie arbeitet seit sechs Jahren als Stallmanagerin bei Steve Guerdat. Während sie zurück in den Stall geht, um das nächste Pferd zu holen, stampft Nino des Buissonnets ungeduldig. Der 11-jährige Wallach ist in dieser Saison Guerdats Spezialist für Weltcupspringen: Mit Spitzenklassierungen in Genf (4. Rang), Stuttgart (2.) und Lyon (3.) hat das Paar die Qualifikation für den Final im April bereits auf sicher.
Auch am heute beginnenden CSI Zürich ist Nino für den Start im Weltcupspringen vorgesehen. Lautstark wiehert er dem dunkelbraunen Carpalo zu, den Mulari nun quer zur Fahrtrichtung in den Transporter stellt. Vorsichtig rückt sie die Trennwand zwischen den beiden zurecht. «Nino ist wie ein Piranha, er beisst nach allem», lacht die Finnin und bringt sich in Sicherheit. Als Letzte ist Nasa an der Reihe. Eine richtige «Madame» sei die grosse Schimmelstute, sagt Mulari. Vielleicht ist sie sich ihrer edlen Herkunft bewusst? Nasa, die Guerdat wie auch Carpalo seit Spätherbst unter dem Sattel hat, ist eine Tochter des berühmten Cumano, mit dem Jos Lansink 2006 Weltmeister wurde. Jetzt steht sie genüsslich unter dem Pferdesolarium während ihre Pflegerin ihr zum Schutz der Beine wattierte Transportgamaschen umlegt. Wie zuvor Nino, ist auch Nasa auf dem Weg zum Lastwagen kaum zu halten. «Ich habe wirklich das Gefühl, sie freuen sich auf Turniere», sagt Heidi Mulari.
Plötzlich ein Pferd zu viel
Die 30-Jährige ist seit dem frühen Morgen auf den Beinen: Um sieben Uhr hat sie die Pferde gefüttert und die Boxen in Guerdats Stalltrakt auf dem Rütihof in Herrliberg ausgemistet. Zwischen den Vorbereitungen für das Turnierwochenende in Zürich machte sie immer wieder Pferde für Steve Guerdat zum Reiten bereit und bringt ihm ein Tier nach dem anderen in die Reithalle. «Steve und ich sind ein eingespieltes Team. Wir lassen uns gegenseitig in Ruhe, damit jeder seinen Job machen kann.»
Vor der Abreise werden Nino, Nasa und Carpalo nochmals gefüttert. Unterwegs gibt es nie etwas zu essen, auch nicht auf langen Fahrten. Die Pferde dürfen vor der Abfahrt auch noch auf einen Ausritt ins Gelände. «Denn in den nächsten Tagen werden sie nicht viel Natur sehen», sagt Mulari, während sie sorgfältig die Turnierkiste packt: drei Sättel, Zaumzeuge, verschiedene Trensen, Bandagen und Gamaschen verschwinden in der hölzernen Truhe. Fast jede Woche packt Heidi Mulari Pferdefutter und Material für ein Turnier. «Checkliste brauch ich schon lange keine mehr.» Es käme selten vor, dass sie etwas vergesse, dafür hatte sie schon zu viel Gepäck: Zum Weltcupturnier in Verona nahm sie wegen eines Missverständnisses ein Pferd zu viel mit.
«Dafür vergesse ich immer wieder Dinge für mich: Nach Basel zum Beispiel bin ich ohne Zahnbürste und Socken gefahren», lacht sie. Zum Glück konnte ihr Louise aushelfen, eine gute Freundin, die ebenfalls aus Finnland stammt und die Pferde von Beat Mändli betreut. «Ich freue mich jetzt schon darauf, sie wiederzusehen», sagt sie, greift sich ihre Reisetasche, einen dampfenden Kaffeebecher, die Autoschlüssel und Hund Casper, den sie mit der freien Hand in die Fahrerkabine hievt.
50 000 km im Jahr
Der Dieselmotor startet mit leisem Tuckern. Mit viel Gefühl setzt die zierliche Frau den rund 18 Tonnen schweren, 300 PS starken Lastwagen in Bewegung, rollt im Schritttempo am Stallgebäude vorbei und biegt in die Forchstrasse ein. Langsam in die Kurven und abrupte Bremsmanöver vermeiden, das sei das Wichtigste, wenn man mit Pferden unterwegs ist, erzählt Mulari. Im Rückspiegel verschwindet die idyllisch gelegene Reitanlage, die dem Zürcher Financier Urs Schwarzenbach gehört, ebenso wie die drei Pferde hinten auf der Ladefläche. Sie stehen ganz ruhig, nur in den Kurven balancieren sie ihr eigenes Gewicht aus, wie sich auf einem Bildschirm erkennen lässt. Dieser ist als Teil eines Videoüberwachungssystems auf dem Armaturenbrett montiert und dient ausserdem als Rückenstütze für eine Stoffkuh und einen Plüschelch, Mularis Maskottchen. Finnischem Nationaltier zum Trotz, leidet sie nicht an Heimweh: «Ich lebe gerne in der Schweiz – wenn sie nur nicht so weit von den meisten Veranstaltungen entfernt wäre!» Unterwegs von Turnier zu Turnier legt sie im Monat zwischen 4000 und 5000 Kilometer zurück, über 50 000 Kilometer im Jahr. Eigentlich sei sie gerne «on the road». Auf langen Fahrten, auf denen sie meist alleine mit den Pferden und Hund Casper ist, hört sie Musik und singt lauthals mit.
Von Unfällen und Pannen ist sie bisher verschont geblieben, abgesehen von einem Zwischenfall in der Nähe von Bordeaux, als ein Hinterreifen aufgrund eines Bremsendefekts zu brennen begann. «Das war der Horror!», erinnert sie sich. Ob sie manchmal daran denkt, was für eine wertvolle, millionenteure Fracht sie durch Europa fährt? «Nein, nie! Keine Sekunde, das würde mich sonst verrückt machen.» Rechts der Strasse liegt das Ufer des Greifensees idyllisch im Nebel. Die Pferde stehen nach wie vor ruhig. Natürlich sei eine so kurze Anfahrt wie von Herrliberg ins Hallenstadion für die Pferde angenehm, aber Mulari hat auch nach einer längeren Reise nie das Gefühl, dass die Tiere gestresst oder müde seien: «Sie sind sich das Fahren gewohnt.» Im Fällander Kreisel nimmt ein schwarzer Wagen dem Pferdetransporter die Vorfahrt – für einen kurzen Moment ärgert sich die sonst stets gut gelaunte Pferdepflegerin. Kurz vor 13 Uhr, rund 35 Minuten und 19,8 Kilometer nach der Abfahrt in Herrliberg trifft Mulari mit ihrer kostbaren Fracht vor dem Hallenstadion ein. «Eigentlich sind Genf und Lyon meine Lieblingsturniere, aber hier in Zürich ist alles so gut organisiert», schwärmt sie, als gleich vier Helfer herbeieilen, um ihr mit dem Ausladen der Pferde und des Materials behilflich zu sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.01.2012, 11:56 Uhr
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