«Ich bin keine Maschine, die immer Weltrekord springt»
Von Christian Brüngger, Paris. Aktualisiert am 13.08.2009
Jelena Isinbajewa
Geboren am 3. Juni 1982. - Grösse: 1,74 m. - Gewicht: 64 kg. - Aufgewachsen mit einer jüngeren Schwester in Wolgograd (Rus).
Weltrekorde: 5,05, 5,00 (Halle)
Grösste Erfolge:
Olympiasiegerin 2004, 2008
Weltmeisterin 2005, 2007
WM-Dritte 2003
Europameisterin 2006
EM-Zweite 2002
3-mal Gold Hallen-WM 2004, 2006, 2008
Junioren-Weltmeisterin 2000
26 Weltrekorde (Halle und im Freien)
Jelena Isinbajewa, wissen Sie schon beim Aufstehen: Heute habe ich Weltrekord-Beine?
Dafür habe ich mich ein paar Mal zu viel getäuscht (lacht). Wie gut ich in Form bin, spüre ich erst, wenn ich auf der Bahn einlaufe. Wobei ich mich noch so gut fühlen kann, wenn es zum Beispiel regnet, ist ein Weltrekord unmöglich.
Sie haben mit 26 solch ein hohes Niveau erreicht, dass von Ihnen jederzeit wieder ein Weltrekord erwartet wird. Sind Sie Opfer Ihres eigenen Erfolgs?
Einerseits freut es mich, wenn die Zuschauer eine so hohe Meinung von mir haben. Andererseits ist diese Erwartungshaltung schade. Springe ich nämlich keinen Weltrekord, stufen die Leute meine Leistung wie eine Niederlage ein. Zumal das Publikum bei Athleten, von denen es weniger erwartet, kulanter ist. Ich versuche darum, mich nicht um solche Reaktionen zu kümmern. Denn ich bin keine Maschine, die an jedem Meeting einen Weltrekord springt.
Sie sind mit 27 Jahren zwar noch jung, haben aber bereits viele Trainingsjahre hinter sich. Spüren Sie die Verschleisserscheinungen?
Sicher doch. Ich würde auch keinem Sportler glauben, der das Gegenteil erzählt. Wenn ich morgens aufwache, muss ich erst einmal meine Füsse aufwärmen, weil das Gehen sonst zu stark wehtut. Der Grund liegt darin, dass der Knorpel in den Fussgelenken zerstört ist. Ich bin es deshalb gewöhnt, ständig Schmerzen zu haben. Wenn es kalt wird, nimmt er noch zu. Trainiere ich oder habe ich Wettkämpfe, versuche ich diesen Schmerz so gut wie möglich zu vergessen - was mir nicht immer gelingt. Nur kann ich diesen Umstand nach einem schlechten Wettkampf natürlich nie als Argument anführen.
Wann fingen diese Schmerzen an?
Vor langer Zeit, da ich bereits als Fünfjährige mit Kunstturnen begonnen hatte. Die Schmerzen sind darum kaum auf die Jahre als Leichtathletin zurückzuführen, sondern auf die Zeit davor. Als Kunstturnerin waren Schmerzen erst recht selbstverständlich. Nun zahle ich den Preis dafür.
Was tun Sie dagegen?
Ich lebe und trainiere viel in Formia (rund eine Stunde südlich von Rom) bei meinem Trainer Witali Petrow, und dort gehe ich fast täglich auch in die Physiotherapie.
Sie trainieren allein. Warum?
Wenn du jünger bist, tut dir eine Gruppe gut, weil dir das Training dann leichter fällt. Aber inzwischen bin ich es gewöhnt, nur Witali an meiner Seite zu haben. Eine Ausnahme besteht jedoch: Wenn ich Läufe über 300 bis 400 Meter absolvieren muss, hilft mir eine Gruppe.
Sie arbeiten gar an Ihrem Stehvermögen?
Ja, im November und Dezember machen wir solche Läufe. Ich hasse diese Trainings, habe immer Angst vor ihnen. Das Gefühl, wenn die Beine auf den letzten Metern übersäuern und du eigentlich gar nicht mehr rennen kannst. Nein, das mag ich überhaupt nicht.
Was ist Ihnen sonst noch zuwider?
Witali hat eine Bergstrecke mit ganz vielen Treppen entdeckt, die ich hinaufhetzen muss. Der Weg ist extrem steil (zeigt einen übertriebenen Grad mit der Hand an), und ich muss immer schneller als eine bestimmte Zeit sein. Das ist wirklich hart. Witali braucht 75 Minuten dafür. Ich muss ihn in höchstens 35 schaffen.
Da ist Stabhochspringen pure Erholung?
Zumindest die Wettkämpfe sind es in solchen Momenten (lacht).
Wie viele Male trainieren Sie in der Woche?
Zweimal am Tag, fünf Tage die Woche. Habe ich frei, versuche ich mich so gut wie möglich zu erholen.
Indem Sie was tun?
Lesen, fernsehen. Ich kann sogar russische Sender empfangen, was ganz wichtig ist (lacht wieder).
Ihr Leben ist von Trainings und Wettkämpfen geprägt. Denken Sie nicht manchmal: Ich bin noch so jung und opfere wichtige Jahre des Lebens allein dem Sport?
Das ist schon nicht immer einfach. Obwohl Stabhochspringen das ist, was ich wirklich gerne tue, fühlt es sich manchmal an, als gleite das Leben an mir vorbei. Dann rufe ich mir jedoch in Erinnerung, dass viele Mädchen gerne an meiner Stelle wären. Ich verdiene gut, reise viel, mache wunderbare Erfahrungen. Zudem bin ich ja noch gar nicht so alt. Ich werde vom normalen Leben also noch genügend mitbekommen.
Sie mögen schon an vielen Orten gewesen sein, aber sehen Sie mehr als die immergleichen Hotelzimmer und Leichtathletikanlagen?
Sie haben Recht, ich sehe von diesen Orten kaum je etwas anderes. Darum wache ich manchmal auf und frage mich für einen Moment, wo ich jetzt wieder bin. Das passiert mir auch, wenn ich viel reise. Ich lande und muss mir zuerst in Erinnerung rufen, von wo ich gerade komme und wo ich bin. Darum habe ich hier in Paris extra einen zusätzlichen Tag verbracht, um noch etwas von der Stadt zu sehen. Das will ich zwar immer, nur gelingt es mir kaum je. Wir leben wie Kosmopoliten. Belauschten branchenfremde Leute unsere Gespräche, wären Sie zu Recht irritiert. Verabschieden wir Athleten uns voneinander, sagen wir etwa: «Bis bald in Paris, London oder Berlin!» Uns fällt das nicht einmal mehr auf.
Ist der Unterschied für Sie noch stärker, weil Sie in Wolgograd in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind?
Meine Herkunft spielt in dieser Hinsicht bestimmt eine Rolle, ja. Entsprechend kann ich mein jetziges Leben umso mehr schätzen.
Ist es schwierig, diese gegensätzlichen Leben, die Sie und Ihre Eltern führen, in Einklang zu bringen?
Nicht wirklich, weil ich mich schon früh von meinen Eltern emanzipiert habe. Mein Werdegang hilft mir andererseits trotz dieses Aufstiegs, den Boden nicht so schnell unter den Füssen zu verlieren und geerdet zu bleiben.
Unterstützen Sie Ihre Eltern finanziell?
Natürlich. Ich habe Ihnen ein Apartment gekauft und bezahle ihre Lebenshaltungskosten. Meine Mutter hat vor sieben Jahren deshalb auch aufgehört zu arbeiten - im Unterschied zu meinem Vater. Er sagt immer: «Ich will dein Geld nicht. Ich bin der Mann, ich muss arbeiten.» Ich lasse ihn folglich in seinem Glauben, damit er sich mit seinem eigenen Geld wenigstens seine Zigaretten kaufen kann.
Sind Ihre Eltern dabei, wenn Sie springen?
Kaum einmal. Letztes Mal war das 2006 der Fall. Ich mag das nicht, bin zu nervös, weil ich dauernd das Gefühl habe, mich um sie kümmern zu müssen. Und das kann ich einfach nicht, wenn Wettkämpfe anstehen. Das Beste ist für mich deshalb, wenn sie am Fernsehen zuschauen.
Ihre Mutter soll schon früh Wettkämpfe zwischen Ihnen und Ihrer jüngeren Schwester im Wohnzimmer veranstaltet haben. Stimmt das?
Ja, als wir noch turnten. Wir liefen jeweils wie bei einer Rangverkündigung ein und meine Mutter sagte: «Und jetzt, die Olympiasiegerin Jelena Isinbajewa.» Ich träumte deshalb von klein auf davon, einmal Olympiasiegerin zu werden.
Seit 2008 sind Sie es schon zweimal...
...und tue mich zeitweise noch immer schwer damit, es zu begreifen. Ich habe mir einen solchen Titel so fest gewünscht, dass ich heute noch manchmal kaum verstehen kann, was mit mir passiert ist. Glücklich kann ich mich auch schätzen, von einem so professionellen Umfeld zu profitieren, wie ich es um mich weiss. Ohne Coach oder Management wären diese Erfolge unmöglich. Solche Leute müssen aber auch gut und ehrlich sein. Denn du verdienst auf einmal viel Geld. Da können rasch Probleme entstehen.
Verfolgen Sie genau, wie viel Sie verdienen?
Ich erhalte jeden Monat einen Kontoauszug. Ich weiss also schon, was ich verdiene. Aber ich will mich auf meinen Sport konzentrieren können. Würde ich ständig ans Geld oder an mögliche Sponsorenverträge denken, fehlte mir die Konzentration fürs Training. Wobei mich mein Manager natürlich fragt, ob das ausgehandelte Startgeld für mich stimmt. Passt es mir und meinem Coach nicht, muss er neu verhandeln.
Gemäss «Frankfurter Allgemeiner» waren die Einschaltquoten im chinesischen TV während Ihres Finalauftritts an Olympia höher als bei jedem chinesischen Athleten. Warum sind Sie dort so beliebt?
Erst einmal, weil ich in Peking mit einem Weltrekord gewonnen habe. Zudem half wohl, dass ich in den vergangenen Jahren immer wieder für Wettkämpfe in China war. So haben sich die Leute an mich gewöhnt.
Ihren neuesten und wertvollsten Vertrag haben Sie mit der Sportbekleidungsfirma von Li Ning abgeschlossen, dem früheren chinesischen Turnolympiasieger. Sie sagten gar, dieser Vertrag habe Sie neu motiviert. Weshalb?
Nach dem Olympiagold fühlte ich mich leer und ohne Perspektive. Ich hatte deshalb eine längere Pause geplant, um mich wieder richtig auf die Leichtathletik zu freuen. Ich dachte gar daran, zu heiraten und eine Familie zu gründen. In dieser Phase trat Li Ning mit einem unglaublichen Angebot an mein Management heran (Ning soll Isinbajewa einen Fünfjahresvertrag für 7,5 Millionen Dollar offeriert haben). Ablehnen war schlicht unmöglich.
Sie sollen mitbestimmen können, wie Ihre Kollektionen aussehen.
Genau. Ich kann mich bei den Designern einbringen, was eine ganz neue Erfahrung ist und eine neue Welt für mich erschliesst. Dabei sind die Chinesen so anders als wir. Sie lesen mir alles von den Lippen ab, behandeln mich wie eine Königin. Ich habe mir vorgenommen, diese Marke in Europa bekannt zu machen.
Zurzeit scheinen Sie trotz Ihren vier Saisonsiegen nicht in Topverfassung.
Das stimmt. Ich habe mich Mitte Juni beim Golden-League-Meeting in Berlin verletzt und konnte seither nicht mehr trainieren.
Wie bitte?
Zumindest Trainings mit dem Stab oder Sprints waren bis Paris (am vergangenen Freitag) unmöglich. Ich bin deshalb einzig an den Wettkämpfen gesprungen. So kannst du natürlich nicht in einer richtig guten Form sein, aber das müssen meine Konkurrentinnen nicht wissen. Sollen sie mich ruhig überschätzen (lacht).
Sind Sie schon einmal so vorgegangen?
Nein, darum fühlte ich mich in allen bisherigen Wettkämpfen, als würde ich zum ersten Mal stabhochspringen. Ich kämpfte mit der Technik, fühlte meinen Stab nicht richtig. Deshalb versuchte ich gedanklich immer wieder abzurufen, wie es sich anfühlen müsste.
Aber Angst haben Sie keine, wenn Sie in vollem Tempo abspringen sollten?
Beim Aufwärmen fühlte ich mich manchmal komisch. Ich muss den Stab «spüren», um gut springen zu können. Aber wenn diese technischen Trainings fehlen, kommt dir dieses Gefühl rasch abhanden.
Einige Athleten entwickeln gar eine Blockade, können schlicht nicht mehr abspringen. Haben Sie schon eine solche Blockade erlebt?
Nein, dafür bin ich zu lange dabei und weiss, was ich tun muss, damit mir solches nicht passiert. Ich kenne dieses Gefühl allerdings noch aus der Zeit, als ich kleiner und Kunstturnerin war und mich vor gewissen Elementen so stark fürchtete, dass ich wie paralysiert war.
Sprechen Sie mit anderen Stabhochspringerinnen über diese Eigenheiten Ihres Sports?
Wir reden nicht über Probleme. Aber ich sehe es natürlich daran, wenn eine Konkurrentin immer wieder anläuft, ohne abzuspringen. Helfen kann in solchen Situationen nur der Trainer und eine exakte Analyse, in welchen Situationen sich die Probleme manifestieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.08.2009, 17:11 Uhr




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