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«Ich wäre in Kalifornien willkommen»

An der WM in Rom verpasste Flori Lang den Final um eine Hundertstel. Wie er mit dem Ärger umgeht, was ihn tröstet und wieso er mit einem Kunsthändler essen geht.

«Und ich habe mich sehr gut und aggressiv gefühlt»: Flori Lang.

«Und ich habe mich sehr gut und aggressiv gefühlt»: Flori Lang.
Bild: Keystone

Flori Lang, wie viel ist eine Hundertstelsekunde über 50 m Rücken?
(Schmunzelt.) Ich weiss es nicht. Vielleicht wäre ich um eine Hundertstel schneller gewesen, wenn ich den Arm «total» statt nur «fast ganz» ausgestreckt hätte, wenn ich am Start um eine Hundertstel schneller reagiert hätte, wenn . . ., ich weiss es wirklich nicht.

Sie sind am Montag von der WM in Rom zurückgekehrt, wie gross ist Ihr Ärger über den verpassten Final noch?
Er ist natürlich immer noch da, ich werde ja auch immer wieder daran erinnert. Aber ich habe dieses Halbfinalrennen auch genossen, es war nur schon schön, dass ich dort dabei war. Und ich habe mich sehr gut und aggressiv gefühlt - im Gegensatz zum Vorlauf.

Dort sind Sie in 24,75 Schweizer Rekord geschwommen. Wenn Sie die Halbfinalzeit hätten schätzen müssen, wie schnell hätten Sie sich eingeschätzt?
Ein oder sogar zwei Zehntel schneller. Wieso ich dann drei Hundertstel langsamer war, kann ich mir nicht erklären. Und natürlich liegt es in meinen Händen, dass ich die eine Hundertstel schneller bin und damit den Final erreiche. Aber ich weiss im Nachhinein effektiv nicht, wo ich Sie hätte herausholen können.

Gibt es etwas Tröstliches an der Leistung?
Ja, definitiv. Es macht es einfacher, weil es im wahrsten Sinne des Wortes eine verrückte WM war. Eine ver-rückte. Die Schwimmer rückten vor Rom in der Weltrangliste vor und zurück, dass es für mich schwierig war, mich einzuordnen. Und jetzt weiss ich im Nachhinein nur, dass ich der Neuntschnellste in einem wasserundurchlässigen Anzug bin. Aber bin ich auch der Neuntschnellste ohne diesen Anzug? Verrückt ist natürlich auch, dass fünf der acht Finalisten genauso gut an meiner Stelle hätten stehen können; die Abstände waren so minimal.

Sie haben seit den Olympischen Spielen 40 Prozent weniger trainiert und Ihrem Banking-&-Finance-Studium Priorität eingeräumt. Darf man da den Anspruch auf eine 100-Prozent-Leistung haben?
Nein, eigentlich nicht, aber ich muss ihn haben! Ich muss das Ziel Final haben, sonst macht der Start gar keinen Sinn. Wir haben genau das auch im Team diskutiert, weil viele junge Schwimmer dabei waren, die solches noch lernen müssen. Ich habe im letzten Jahr trotz Trainingsreduktion Fortschritte gemacht, aber halt eher in Bereichen, die nicht einfach so messbar sind. Ich bin beispielsweise mental stärker geworden in diesem kräftezehrenden Jahr mit Prüfungsstress und WM-Vorbereitung. Oder ich habe das Training optimieren und absolut effizient arbeiten müssen, denn ich habe auch im Studium einen hohen Anspruch. Und ich finde, dass ich das gut gemacht habe.

Sie studieren und schwimmen seit Jahren, wovon lebt eigentlich ein Athlet in einer Sportart, die für Sponsoren in der Schweiz wenig interessant ist?
In dieser Beziehung habe ich Glück - wobei «Glück» vielleicht das falsche Wort ist. Denn das Netz, das ich mir aufgebaut habe, ist nicht von selbst entstanden, ich bemühe mich aktiv darum. Ich bin im «Golden Talents»-Projekt der Swisscom drin, habe einen Autosponsoren, die Schwimmschule Uster unterstützt mich finanziell, Speedo ist der Ausrüster, und dann habe ich viele Privatpersonen, die zu meinen Gönnern geworden sind. Sie finden gut, was ich mache und wie ich es mache. Sie unterstützen mein Studium oder finanzieren sonst einen Teil meines Lebensunterhalts. Ich habe das auf meiner Homepage alles sehr transparent aufgelistet.

Welche Verpflichtungen haben Sie diesen Leuten gegenüber?
Das ist ja das Schöne daran - eigentlich keine. Nach diesem Interview beispielsweise bin ich von einem meiner Gönner, einem Zürcher Kunsthändler, zum Mittagessen eingeladen. Einfach weil er findet, ich hätte nach diesem ärgerlichen WM-Resultat ein schönes Essen verdient.

Wie kommen Sie zu einem Kunsthändler?
Er kam zu mir. Er hat vor fünf, sechs Jahren in der Zeitung von mir erfahren, was ich sportlich mache, was ich beruflich will. Das hat ihm gefallen, und deshalb unterstützt er mich. Er findet das besser, als eine Organisation zu unterstützen, bei der anonym bleibt, wer sein Geld erhält.

Sie sind 26 Jahre alt, Ihr Studium an der Uni dauert noch ein Semester, wie sieht Ihre Zukunft aus - sportlich und beruflich?
Ich bin jetzt so weit, dass ich mir zwei Wege zurechtgelegt habe, die gangbar wären. Das war sehr schwierig für mich, aber ich musste das tun, weil einige Entscheide gefällt werden müssen. Die erste Möglichkeit ist, dass ich nach meinen Abschlussarbeiten im nächsten Sommer noch die EM in Budapest bestreite und dann zurücktrete. Oder: Wenn ich weitermache, dass ich nach Budapest ins Ausland wechsle.

Ist das so einfach?
Mittlerweile habe ich das Niveau und den Status, dass ich überallhin könnte auf der Welt. Mit Dirk Lange in Berlin bin ich sowieso ständig in Kontakt und habe mich auch an der WM wieder mit ihm unterhalten. Von Dominik (Meichtry) weiss ich, dass ich auch in Kalifornien willkommen wäre, ich kenne aber auch andere Trainer, die mich sofort aufnähmen. Wenn ich nach Amerika ginge, möchte ich dort auch den Master machen. Und den müsste ich im nächsten Herbst beginnen. Für einen solchen Studienplatz muss ich mich jetzt schon bewerben.

Sind die Olympischen Spiele 2012 in London überhaupt noch ein Ziel?
Das kommt darauf an. In den letzten Jahren hat sich sicher ein Zielkonflikt Sport/Beruf ergeben. Ich habe sicher nicht mehr die gleiche Bereitschaft im Sport wie früher. Die Frage ist heute, welche Ziele lassen sich vereinbaren.

Sie sind nun ein Jahr wie ein Nomade durch die Bäder in der Region Zürich gezogen, um mit Ihrem Trainer Chris Morgan arbeiten zu können, der sich nicht ins Klubschema von Uster-Wallisellen integrieren liess. Wie geht es kurzfristig weiter?
Ich weiss es noch nicht. Chris und ich waren wohl das Duo, das bei völlig unprofessionellen Bedingungen äusserst professionell gearbeitet hat. Wir haben praktisch von Tag zu Tag entschieden, wo wir trainieren werden. Es ist wirklich traurig, dass er nun nach Vevey wechselt, ich werde ihn heute wohl für längere Zeit zum letzten Mal sehen. Wir sind im letzten Jahr so gute Freunde geworden. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, ein-, zweimal in der Woche in Vevey zu trainieren, und den Rest mache ich sonstwo - vielleicht bei Dirk Reinicke bei den Limmat Sharks. Auch er ist ein Weltklassetrainer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2009, 06:47 Uhr

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