In der Oase der Ewigjungen

Mit 50 fängt für viele Golfer die Karriere neu an. Die Seniorentour ist wie ein Jungbrunnen, in der Nobodys zu Stars werden können. Ein Augenschein vor dem Finalturnier auf Mauritius.

Lukratives Abschlagen im Urlaubsparadies: Der 53-jährige Zürcher André Bossert posiert auf Mauritius. Foto: Phil Inglis

Lukratives Abschlagen im Urlaubsparadies: Der 53-jährige Zürcher André Bossert posiert auf Mauritius. Foto: Phil Inglis

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Costantino Rocca holt sich ein Gläschen Rosé an der Theke des Deer Hunter, einer früheren Jagd-Lodge, die heute den Golfclub The Legend an der Ostküste von Mauritius flankiert. Dann zündet er sich eine Zigarette an und sagt mit einem ­Augenzwinkern: «Warum ich hier spiele? Ganz einfach: Weil ich meinen Job liebe. Und weil es hier jetzt auch viel angenehmer ist als in Italien oder der Schweiz.»

Rocca war lange ein Star der Szene. Als bisher bester Golfer Italiens schlug er 1997 im Ryder-Cup Tiger Woods, ­gewann 17 Turniere und stand im ­Stechen um das British Open in St. Andrews. Heute ist er 60 und auf der Seniorentour der Europäer eher ein Mitläufer. Andere gingen den umgekehrten Weg – wie der Schwede Magnus Atlevi oder ­André Bossert. Beide waren früher keine grossen ­Namen, gehören bei den Senioren (ab 50) nun aber zu den Topverdienern.

Schon vor dem Tourfinale auf Mauritius, wo von Freitag bis Sonntag 48 Spieler um 450'000 Euro Preisgeld kämpfen, blickt der 53-jährige Zürcher auf sein ­finanziell erfolgreichstes Jahr zurück. In elf Turnieren sammelte er 138'108 Euro, womit er klar der bestverdienende Schweizer Golfer ist. Fast die Hälfte stammt von seinem Premierensieg, am Travis Perkins Masters in Woburn: Sein Siegercheck war mit 60'000 Euro sogar grösser als jener, den sein Sieg auf der Europatour in Cannes 1995 abgeworfen hatte. «Ich weiss nicht, ob ich Ende Jahr mehr Geld im Portemonnaie habe», sagt Bossert, während er es sich in einem Sofa des offiziellen Turnierhotels Belle Mare Plage gemütlich macht. «Für mich ist das Preisgeld im Prinzip ein Nebenverdienst, den ich mitnehmen kann.» Seinen Lebensunterhalt decke er mit Sponsorengeldern sowie anderen Aktivitäten um den Golfsport wie etwa Vorträgen oder Firmenanlässen. «Ich bin glücklich, dass ich in dieser Phase meiner ­Karriere noch Partner habe und vom Golf leben kann.»

Im «schönsten Hotel der Welt»

Gerade auf der Insel im Indischen Ozean tun er und seine Kollegen das ziemlich gut. Als Nummer 3 des Circuit wurden Bossert Flug und Unterkunft offeriert, steht ihm auch eine Luxuskarosse mit Chauffeur zur Verfügung. Und das in einer Oase der Schönen und (vor allem) Reichen, einem Luxusresort, in dem dieser Tage auch Michel Platini die Adventszeit verbringt und Prinzessin Stéphanie von Monaco eine Villa besitzt. Der weit gereiste Bossert wohnt mit ­Caddie Carl Young im noch exklusiveren Constance Le Prince Maurice, das er als «schönstes Hotel der Welt» bezeichnet. Er gehört auf diesem Circuit zur Gruppe der Fitten und Hungrigen, für die der Sport, der Erfolg und natürlich die Verdienstmöglichkeiten im Vordergrund stehen. Eine zweite Gruppe umfasst die Erfolgsgesättigteren und Geniesser, die sich nicht mehr gross um Form und Fitness kümmern, abends eins trinken und noch gerne Turniere spielen. Er investiere immer noch gleich viel wie früher in den Sport, sei fitter denn je und spiele wohl auch besser denn je, sagt Bossert.

In seine Kategorie gehört auch ein Schwede, den bisher kaum einer kannte: Magnus P. Atlevi. Er hiess früher Persson, galt schon mit 15 als Golfphänomen, konnte sich bei den Profis aber nie wie erhofft durchsetzen. Nun, mit 50, zählt er schon in seinem ersten Jahr zu den Besten der Seniorentour, ist er der ­«Rookie des Jahres» und kassierte schon über 200'000 Euro Preisgeld. «Ich hatte früher keinen grossen Erfolg. Für mich geht es darum, mir zu beweisen, dass ich zum Siegerkreis gehöre», sagt er. «Es ist eine grossartige Gelegenheit für mich – und je älter man wird, desto weniger Gelegenheiten erhält man. Wenn du 25 bist, findest du alles selbstverständlich. Später schätzt du alles mehr.»

Atlevi brach mit 42 seine Karriere ­ab, war danach Golflehrer, Schiedsrichter und Turnierdirektor. Nun will er es nochmals wissen – im Bewusstsein, dass nur wenige Athleten in diesem Alter eine neue Chance erhalten. Wie fast alle seine Mitspieler träumt auch er davon, noch den Sprung auf die amerikanische Champions Tour der Senioren zu schaffen. Diese umfasst nächstes Jahr 23 Turniere mit 55 Millionen Dollar Preisgeld – womit sie rund zehnmal mehr ­ausschüttet als die europäische. Gegen 50 Spieler gewannen 2016 in den USA mehr Preisgeld als Paul ­Broadhurst, mit 353'000 Euro der ­Erfolgreichste auf dem Alten Kontinent. Allen voran der seit Jahren dominierende Deutsche Bernhard Langer, der nächstes Jahr 60 wird und allein über 3 Millionen Dollar Preisgeld abholte. Ein Drittel von dem, was der Bestverdienende auf der amerikanischen PGA-Profitour, Dustin Johnson, einnahm.

Zugänglich und nahbar

«In Europa können nur etwa 15 bis 20 Spieler von der Seniorentour leben», sagt Atlevi. Bossert teilt diese Einschätzung, hält aber fest: «Etwa die Hälfte, die hier spielt, hat ihr Geld schon gemacht und spielt auch nicht deswegen.» Was aber alle vereine, sei die ungebrochene Lust am Wettkampf, auf die Turniere. Und natürlich geniessen die ­alternden Sportler auch die Aufmerksamkeit und die Huldigungen der Zuschauer, von Medien und Sponsoren wie BMW, Rolex, Emirates und diversen Banken. Dass die Senioren so ­zugänglich und nahbar sind, ist einer der wichtigsten Gründe des Erfolgs ihrer Tour. Jedes grosse Turnier wird von Einladungsturnieren flankiert, in denen VIPs und Gäste an der Seite der Spitzenspieler an Plauschturnieren antreten – ein Privileg, für das in Mauritius pro Person 1000 Euro bezahlt werden müssen, sofern keine Einladung vorliegt. Bossert spielt hier gleich drei Pro-Ams, wie die Anlässe im Jargon heissen.

Sie kennen die besseren Witze

Mit erfahrenen Könnern wie Mont­gomerie oder Rocca auf die Runde zu gehen, ist ein Erlebnis, das auch die Ansprüche der verwöhntesten Golfer und Private-Banking-Kunden befriedigt und nach dem sie etwas erzählen können. Umso mehr, als die Ü-50-Golfer lockerer sind als die oft verbissenen jüngeren Spieler: Sie scherzen mehr, verteilen Gratistipps, kennen bessere Witze. «Das ­machen wir noch besser als die Jungen», sagt Bos­sert.

Er und seine Berufskollegen sind sich bewusst, wie privilegiert sie sind. «Im Tennis ist mit spätestens 35 oder 40 Schluss», sagt Atlevi, «wir haben einen schlaueren Sport gewählt.» Mit 50 fange für sie das Leben neu an, «das ist doch einmalig», fügt Bossert bei. Auch Rocca sieht das so: «Einem Usain Bolt wird keiner mehr zuschauen, wenn er einmal 50 ist», sagt er und lacht schallend.

Diese Reportage wurde von Mauritius Tourismus und dem Constance Belle Mare Plage ermöglicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2016, 21:43 Uhr

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