König Kilian der Erste
Von Reto Kirchhofer. Aktualisiert am 23.08.2010 5 Kommentare
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Kilian Wenger ist der neue Schwingerkönig. Um 17.07 Uhr bezwingt der 20-jährige Berner Oberländer im Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfest den Innerschweizer Martin Grab mittels Hüfter. Es ist der glanzvolle Abschluss eines prächtigen Schwingfests, bei dem Wenger den Sägemehlring in sämtlichen acht Gängen als Sieger verlässt. Selbiges war letztmals vor 30 Jahren einem Schwinger geglückt – dem heutigen Verbandsobmann Ernst Schläpfer.
18 Jahre hatte sich der bernisch-kantonale Schwingerverband gedulden müssen, ehe wieder ein Berner zum Schwingerkönig erkoren wurde. Wengers Vorgänger aus dem Bernbiet sind auf dem Festgelände ebenfalls präsent. Wenn nicht alle physisch, dann mit Sicherheit mittels Bild auf der von zahlreichen Marktständen gesäumten Schwingerallee. Auf Höhe der Flagge mit Silvio Rüfenacht, dem Titelträger von 1992, steht das Feldschlösschen-Zelt, der zweifache König Karl Meli wird flankiert vom Helvetia-Chalet und dem Migros-Take-away. Die Kommerzialisierung des einst gänzlich werbefreien Schwingsports erreicht auf der Allmend in Frauenfeld eine neue Dimension, wurde doch das Budget im Vergleich zu den vergangenen «Eidgenössischen» kontinuierlich erhöht.
Bratwurst und Sushi
Sportsponsoring ist für Firmen gemeinhin attraktiv – erst recht bei einem Anlass, der nur alle drei Jahre stattfindet und ein Maximum am «Swissness» garantiert. Deshalb wurde im Vorfeld auch abseits des Sägemehls geschwungen – um prestigeträchtigste Werbeplattformen. Dem Sponsorenbasar auf dem Festgelände begegnen viele mit Skepsis. «Der Sport muss im Zentrum sein, das Eidgenössische soll ein Volksfest bleiben – und zwar ein friedliches», sagt Ernst Schläpfer. «Traditionell, aber nicht rückständig», gibt OK-Präsident Urs Schneider als Losung vor. Die Symbiose aus Tradition und Moderne ist auf der Frauenfelder Allmend allgegenwärtig: Auf den Bratwurst- folgt der Sushi-Stand; die obligaten 15 Ehrendamen in der massgeschneiderten Landfrauentracht wurden mittels neuzeitlichen Castings ermittelt; im Shuttlebus verkünden zwei Männer im Edelweisshemd, dass «dieser Wenger ganz anders» schwinge als auf dem Brünig, derweil das Vis-à-vis mit dem VIP-Pass um den Hals in die Zeitung «Finanz und Wirtschaft» vertieft ist. An den Aussengerüsten der Arena sind Grossbildschirme befestigt, die den Besuchern ohne Eintrittsticket ein Public Viewing ermöglichen. Wer innerhalb der Arena nach elektronischen Anzeigegeräten sucht, wird nicht fündig – als Orientierungspunkte dienen Einteilungslisten und die «Täfelibuebe» an den Sägemehlringen.
Sieg schon vor dem Schlussgang
Das Epizentrum hingegen, die Schwingerarena, ist auch im Jahr 2010 werbefrei und erinnert an eine volkstümliche Oper. Die Kämpfe der Schwinger werden von einem Gros der Zuschauer mittels Feldstecher beobachtet. Obwohl die grosse Bärenfahne im Berner Sektor kurzzeitig Mastbruch erleidet, halten die Berner Schwinger ihre Fahne aufrecht. Von den Berner Titelanwärtern wird einzig Matthias Sempach vom Ostschweizer Michael Bless früh ausgekontert. Der Alchenstorfer fällt bereits am Samstag aus der Entscheidung – für den Bündner Mitfavoriten Stefan Fausch gilt dasselbe –, was zwei fauschdicken Überraschungen gleichkommt.
Auch der dreifache Schwingerkönig Jörg Abderhalden fällt mehrmals, aber nie mit beiden Schultern ins Sägemehl. «Es gibt einige, deren Glück bald aufgebraucht ist», mutmasst Abderhaldens Götti Ernst Schläpfer am Samstagabend. Und tags darauf zieht der Schwingerkönig am Vormittag im Thurgauer Nebel gegen seinen späteren Nachfolger den Kürzeren. Wengers Festsieg steht bereits vor dem Schlussgang fest – das Etikett des Schwingerkönigs aber darf er sich erst nach dem finalen Triumph über Grab anheften.
Vier Polizisten für 250'000 Zuschauer Rund 250'000 Besucher werden von Freitag bis Sonntag auf der Frauenfelder Allmend beherbergt, was die Beliebtheit des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests belegt. Der Anlass erfüllt bei den Besuchern die Sehnsucht nach Geselligkeit, nach friedlichem Ambiente – und liefert auch bei der 42. Austragung keine Schlagzeilen punkto Ausschreitungen und Gewalt.
Vor drei Jahren waren in Aarau zwölf Polizisten abkommandiert gewesen, die sich mangels Arbeit schliesslich um die Betreuung des Fundbüros kümmerten. Bei den Frauenfelder Festspielen hatten die in Zweierpatrouillen abgestellten vier Polizisten die Viertelmillion an Besuchern auf dem Areal schliesslich ebenso souverän im Griff wie Kilian Wenger seine Kontrahenten ins Sägemehl. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.08.2010, 08:14 Uhr
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5 Kommentare
Ich gratuliere herzlich zum Sieg und zur Köngiswürde! Nur schade, dass Kilian Wenger im Schlussgang nicht noch einmal gegen Jörg Abderhalden rann musste. Bin fast sicher, dass sich Abderhalden nicht ein zweites Mal überraschen lassen hätte. Antworten
Wäre das nicht einmal ein separater Artikel wert: Vier Polizisten für 250'000 Zuschauer. Das zeigt, dass wir Schweizer sehr wohl ausgelassen und friedlich ein Fest feiern können. Warum geht das im Fussball partout nicht? Warum müssen da wegen ein paar Hundertschaften Polizeigrossaufgebote vor Ort sein? Es ist Zeit, das man mit diesen Chaoten im Fussball kurzen Prozess macht. Antworten

